Bürger gegen Bauinvestor Ungleicher Kampf

29.09.2018

In Forstenried tobt ein Streit um den ältesten noch erhaltenen Bauernhof Münchens: Der Derzbachhof aus dem Jahr 1751.

Aus der Zeit gefallen wirkt der Derzbachhof im Zentrum Forstenrieds
Aus der Zeit gefallen wirkt der Derzbachhof im Zentrum Forstenrieds © Kiderle

Forstenried – Der Derzbachhof aus dem Jahr 1751 im Münchner Stadtteil Forstenried, drohte seit dem Tod der letzten Bewohnerin immer mehr zu verfallen und einzustürzen. Die Erbengemeinschaft konnte sich auf keine gemeinsame Nutzung einigen und verkaufte das Grundstück. Ein Investor erwarb das Gebäude und verpflichtete sich, das alte Bauernhaus zu erhalten. Im Gegenzug möchte er 19 Wohnungen in den Garten bauen. Die Forstenrieder sind sauer und machen mobil gegen das Projekt.

Der alte Garten des Derzbachhofs wirkt wie aus der Zeit gefallen. Er ist wild, ruhig und entspricht so gar nicht dem perfekt gestriegelten Paradegarten – gerade das ist wohl sein Charme. Zusammen mit der Wagen-Remise und den alten Bäumen ist der Hof, der einst zum Kloster Polling gehörte, ein Ort wie aus dem Geschichtsbuch. Doch das könnte sich bald ändern, wenn der neue Eigentümer „Euroboden“ sein Bauvorhaben durchsetzt. Insgesamt 19 Wohneinheiten plant der Münchner Investor in diesen Garten zu bauen und die Stadt München ist zuversichtlich, diese Genehmigung zu erteilen. Für Karl-Hans Pauli (CSU) ist diese Entscheidung schwer nachvollziehbar. Er engagiert sich im Bezirksausschuss 19 gegen das Projekt: „Wenn dieses Gebäude dorthin gebaut wird und richtiggehend zwischen zwei ehemalige Bauernhöfe hineingepfercht wird, dann ist das Ensemble tot.“ Die anfängliche Erleichterung, den Derzbachof nicht weiter verfallen zu sehen, wich der Ernüchterung über die neuen Baupläne.

Hof als Gesamtensemble

Die Stadt München kann den Groll der Anwohner nachvollziehen und sieht trotzdem ihre Hände gebunden. Der Grund: Der Investor kaufte den Grund gesetzmäßig und erfüllt die hohen Auflagen, die an den Erhalt des Bauernhofgebäudes gekoppelt sind. Thomas Rehn ist Leiter der Lokalbaukommission München-Ost – der Behörde für Baugenehmigungen. „Die Punkte, die von den Anwohnern vorgetragen wurden, haben wir uns natürlich angeschaut. Letztendlich müssen wir uns aber an die Gesetze halten. Dagegen ist von Seiten des Investors nicht verstoßen worden, also müssen wir eine Genehmigung erteilen.“

Die Anwohner sehen das anders. Denn aus Sicht der Nachbarn konzentrieren sich die Behörden auf das Bauernhaus und vergessen den Hof als Gesamtensemble – mit Baumbestand, Remise, Zistenwiese und altem Hofgarten. „Sie sehen den Vorteil nicht, den der Erhalt dieses Grundstücks in seiner jetzigen Form für die Allgemeinheit hätte“, sagt Pauli, „Man könnte dieses Grundstück öffnen und auch einen Zugang zu den Grünflächen dahinter schaffen.“ Ebenso wenig sei der Umweltschutz beachtet worden. Der Hof stehe genau an einer Luftschneise, die das Klima des ganzen Stadtteils beeinflusse. Außerdem diene die alte Zisten-Wiese schon seit Jahrhunderten dem Hochwasserschutz und sei auch deswegen schon damals nicht bebaut worden.

Wohneinheiten reduzieren

Thomas Rehn sieht diesen Punkt nicht erfüllt. „Sie haben hinter dem Derzbachhof so viele Grünflächen, dass dieses eine Gebäude nur minimale Auswirkungen hätte.“ Im Streit um den Hof ist der Landes- denkmalrat eingeschaltet worden. Die bayernweite Institution besteht aus Repräsentanten der Parteien und Vertretern von Interessengruppen, die unmittelbar mit der Denkmalpflege zu tun haben. Vorsitzender ist der ehemalige bayerische Staatsminister Thomas Goppel (CSU). Er sagt: „Den Derzbachhof zu erhalten ist unsere Pflicht. Den Naturschutz können wir nicht beurteilen – das müssen andere tun. Wir waren selbst vor Ort und haben festgestellt, der Derzbachhof wird nicht angetastet.“ Der neue Grundstückseigner habe ein Anrecht darauf, gestalterisch tätig zu werden und nach Abwägung des Landesdenkmalrats seien die Pläne angemessen. „Außerdem haben wir dafür gesorgt, dass die Tiefgaragenzufahrt nicht zu dominant wird und dass das Haus nicht ganz so eng an die Nachbargebäude angebaut wird.“

Pauli ärgern diese Aussagen. Denn seiner Ansicht nach wurde bei der Genehmigung mit zweierlei Maß gemessen. „Die Erbengemeinschaft des Derzbachhofs wollte 13 Wohnungen auf das Grundstück bauen. Da hieß es von der Stadt München, dass nur maximal sechs genehmigt würden. Damit konnten sie den Erhalt nicht refinanzieren. Jetzt sollen auf einmal 19 genehmigt werden?“ Die Stadt solle nun zumindest die Wohneinheiten reduzieren. „Am liebsten wäre uns aber, wenn das Gebäude gar nicht genehmigt würde“, sagt Pauli.

Finanzielle Kraftanstrengung

Dieser Posten scheint verloren zu sein, denn die Stadt München rechnet bereits mit einem Baubeginn in der zweiten Jahreshälfte 2019. Vorschlägen wie einem Grundstückstausch stehe die Stadt zwar offen gegenüber, doch der Teufel stecke im Detail, sagt Rehn. „Erstmal brauchen wir verfügbare Grundstücke, die zum Tausch geeignet sind. Der Eigentümer, der den Grund erworben hat, hat ja eine gewisse Vorstellung, was er damit macht. Das müsste woanders ja dann genauso Voraussetzung sein.“ Außerdem wäre der Erhalt aus öffentlicher Hand eine übermäßige finanzielle Kraftanstrengung. „Sie können in ein Bauernhaus mit 1,90 Meter Deckenhöhe wenig reinbauen, was mit den Bauvorgaben für öffentliche Gebäude einhergeht. Dann müssen Sie an Dinge wie Barrierefreiheit denken. Das ist so gut wie unmöglich.“

Der Kampf um den Derzbachhof scheint seinem Ende entgegenzugehen – die Anwohner kämpfen trotzdem für ihr Kleinod weiter. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Der Autor
Lukas Fleischman
Radio-Redaktion
l.fleischmann@st-michaelsbund.de


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