100 Tage Papst Franziskus - Erwartungen an den neuen Pontifex Unkonventioneller Seelsorger

19.06.2013

Sie sind wahrhaft zum Programm geworden: die ersten Worte des Neuen! Franziskus begrüßte nach scheinbar endlosem Schweigen die wartenden und etwas erschreckten Massen mit einem schlichten„buona sera“.

Thomas Frauenlob (Bild: Sankt Michaelsbund)

Er komme vom Ende der Welt, meinte, sich vorstellen zu müssen, um erst nach beeindruckender Stille und Gebet seinen ersten Segen zu spenden. Die vielen Erwartungen der Wochen davor fanden plötzlich eine überraschend schlichte Auflösung. Elemente des ersten Augenblicks prägen das neue Pontifikat.

Papst Franziskus ist kommunikativ. Sein stets freundliches „buon giorno“ zeigt entwaffnende Menschlichkeit. Er kann Massen authentische Nähe vermitteln und genießt sichtlich das Bad in der Menge. Ohne jegliche Scheu wendet er sich den Menschen zu, ganz intensiv den Kleinen, Behinderten und Kranken. Ströme von Gläubigen und begeisterter Jubel sind die Antwort. Seine Worte sind kurz und einprägsam. Man erkennt den Seelsorger.

Er kommt von einem Ende der Welt, wo gerade die schlichte Zuwendung von Bedeutung ist. Papst Franziskus ist weniger demütig als bescheiden, unbekümmert unkonventionell und von großer innerer Freiheit. Schon vor seinem ersten Erscheinen sagte er dreimal nein zu jahrhundertealten Traditionen: keine rote Mozetta, kein Edelsteinkreuz und keine roten Schuhe. Er pflegt Klartext zu sprechen und weiß offenbar sehr genau, was er will und wie er das Amt auszufüllen gedenkt.

Schon zeichnen sich erste Konturen ab: mehr Weltkirche und weniger Kurie, mehr Schlichtheit und weniger Zeremoniell, mehr „Selbst-Ständigkeit“ der Kirche und weniger weltliche Normen und Verflechtungen. Ein starker Petrus! Papst Franziskus achtet die Kontinuität, setzt aber andere Akzente. Er ist auf einer Linie mit seinem Vorgänger in Theologie und Frömmigkeit. Benedikt XVI. hat uns mit gütiger Weisheit auf der Suche nach dem Antlitz Christi an die Hand genommen und die Gottesfrage neu gestellt. Franziskus provoziert, stellt Gewohntes infrage und weist mutig in Wort und Geste auf den Christus des Evangeliums hin, der sich der Armen und Kleinen angenommen hat.

Monsignore Thomas Frauenlob (50) ist Mitarbeiter an der Kongregation für das katholische Bildungswesen im Vatikan.


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