Wohnungsmarkt und Kirche Unter dem Dach der katholischen Soziallehre

14.10.2019

Auch den Diözesanrat des Erzbistums München und Freising treibt die Frage nach bezahlbarem Wohnraum um. Die Laienvertretung könnte hier Lobby in – und außerhalb der Kirche sein.

Podiumsdiskussion auf der Herbstvollversammlung des Diözesanrats über bezahlbaren Wohnraum. © Kiderle/SMB

Studenten, die wochenweise bei anderen Bekannten auf dem Kanapee schlafen; fünfköpfige Familien, die auf 50 Quadratmetern leben; Rentner, die nach einer Sanierung plötzlich merken, dass sie sich die Wohnung nicht mehr leisten können, in der sie seit einem halben Jahrhundert leben. Das sind Zustände, die auch die Kirche beunruhigen müssen. Gut, dass sich der Diözesanrat dieses Themas in seiner Herbstvollversammlung am Wochenende angenommen hat. Sogar der Bayerische Staatsminister für Bauen, Hans Reichart, war zu Gast. Klar ist dabei geworden, dass die katholische Kirche im Erzbistum ein wichtiger Partner sein kann, den drastischen Wohnungsmangel etwas zu mindern. Ebenso, dass viele Details das blockieren.

Rechtliche Fesseln

Da gibt es Fallstricke im staatlichen Bau-, Steuer- und Stiftungsrecht, die es unattraktiv machen, kirchliche Grundstücke und Wohnungen nach sozialen Kriterien zu vergeben. Vor Ort ist auch oft nicht klar, welche Spielräume bestehen, wenn eine sozial denkende Pfarrei nicht das Maximale aus ihren Liegenschaften herausholen will. Dann gibt es die Befürchtung, dass bei einer niedrigeren Erbpacht vielleicht in Zukunft Finanzmittel fehlen. Das Gespenst drastisch sinkender Kirchensteuermittel geht um und erschreckt die Verantwortlichen. Mit der Folge, dass eben doch der Meistbietende bei Erbpachtverträgen den Zuschlag erhält. Das widerspricht natürlich der katholischen Soziallehre, selbst wenn es wirtschaftlich zu verstehen ist. Auf der Diözesanratsvollversammlung ist aber doch klargeworden, dass die Erzdiözese hier eine moralische Verpflichtung hat und das Ordinariat diese auch ernstnehmen will. Etwa durch eine verstärkte Informations- und Transparenzpolitik gegenüber den Kirchenstiftungen. Darüber hinaus kann das Erzbistum auch als Lobby auftreten, um gesetzliche Fesseln zu lockern. Das Erzbistum könnte aber auch selbst ein Leuchtturm bei der Bekämpfung der Wohnungsnot sein. Das Katholische Siedlungswerk tritt kaum noch als Bauträger auf, sondern verwaltet vor allem seinen Wohnungsbestand.

Mut zum Handeln

Da könnte mehr mutiges Engagement nicht schaden, das sozial und ökologisch zukunftsweisend ist. Das würde etwa bedeuten, nicht flächenfressende eingeschossige Eigenheime zu bauen. Die sind den Eigentümern im Alter oft viel zu groß sind, wenn die Kinder ausgezogen sind. Es ginge darum, flexible Wohnblöcke zu errichten, in den die Mietflächen auch zu vergrößern oder zu verkleinern sind, ohne dass die Bewohner ausziehen müssen. Gehen die erwachsenen Kinder eigene Wege könnten durch flexible Wände die Wohnungsgrößen verkleinert werden, zugunsten von Familien mit mehreren Kindern. Damit könnten auch Seniorenghettos vermieden werden, neue Gemeinschaftsformen entstehen. Und wenn das vom Katholischen Siedlungswerk nicht zu leisten ist, dann könnte die Erzdiözese Genossenschaften fördern, die das kreativ, kostendeckend, aber eben nicht gewinnorientiert umsetzen. Das klang in den Diskussionen auf der Vollversammlung des Diözesanrats immer wieder an. Wenn er diese Ideen weiterverfolgt und durchsetzt, kann das Erzbistum ein Beispiel dafür geben, wie der Wohnungsnot mit Weitsicht zu begegnen ist. Das wäre ganz im Sinne der katholischen Soziallehre und ein Exempel für den Weltauftrag der Kirche, die das Wohl des Menschen im Blick hat. Besonders jener, die im Wettbewerb benachteiligt sind

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Zum Nachhören

Kommentar im Münchner Kirchenradio

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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