Nichtstaatliche Museen Unterschätzte Kultur- und Freizeiteinrichtungen

17.08.2020

1200 nichtstaatliche Museen hat Bayern zu bieten. Der Freistaat berät sie durch eine Landesfachstelle. Deren neuer Leiter Dr. Dirk Blübaum erläutert im Interview die Bedeutung regionaler und oft auch kleinerer Sammlungen.

Stadtmuseum vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Landsberg am Lech
Stadtmuseum vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Landsberg am Lech © imago

mk online: Warum sind nichtstaatliche Museen und insbesondere Heimatmuseen wichtig?

Dirk Blübaum: Museen wirken identifikationsstiftend für die örtliche Bevölkerung. Sie bieten zudem Anknüpfungspunkte für Gäste, die in Geschichte und Leben der Region eintauchen möchten. Neben dem Sammeln, Bewahren, Ausstellen und Vermitteln übernehmen Museen oft auch gesellschaftliche Aufgaben. Sie bieten und bilden Raum für Diskurs und gesellschaftliche Prozesse.

Warum lohnt es sich, diese Heimatmuseen zu besuchen, auch wenn man kein Einheimischer ist?

Blübaum: Wo können wir glaubwürdiger etwas über unsere Vergangenheit erfahren und diese nachempfinden? Museen laden durch authentische Objekte und die damit verbundenen Geschichten ihre Besucher:innen ein, selbst aktiv zu werden. Das kann bei den vielfach eingesetzten Hands-on-Stationen sein, aber auch bei Citizen-Science-Projekten, wo Museumsspezialist:innen und interessierte Laien zusammen ein Thema erarbeiten. Auch für Nicht-Einheimische kann ein Museumsbesuch der Auslöser sein, sich mit einem dort präsentierten Thema näher zu beschäftigen.

Welche Rolle spielt die Kirche für diese Häuser?

Blübaum: Auf der einen Seite sicherlich die Rolle einer – entfernten – Gastgeberin, weil sich zahlreiche Museen in Bayern in profanierten Kirchen oder Klosteranlagen befinden. Das ist mit Blick auf die konservatorischen Bedingungen nicht immer ganz einfach, aber auch durch die Beratung der Landesstelle gelingt es, gangbare Wege zu finden, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit. Auf der anderen Seite stammt eine Vielzahl der in den Museen zu bestaunenden Stücke aus dem Kontext Religion, Frömmigkeit und Kirche. Häufig wird die Bedeutung der Exponate, auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext, erst im Museum erleb- und verstehbar.

Wie können Pfarreien solche Museen unterstützen?

Blübaum: Zunächst einmal durch Kooperationen oder mit Leihgaben für Ausstellungen. Viel mehr würde ich mir aber wünschen, dass die Pfarreien regionale Museen z. B. darin bestärken, sich mit der immer bunter werdenden Gesellschaft auseinanderzusetzen. Hier können sich beide Institutionen sehr gut ergänzen, indem das Museum das Werden, den Veränderungsprozess beleuchtet, während die Pfarrei Brücken zwischen den vielleicht separiert voneinander lebenden Gruppen baut. Verbindungspunkte bieten sich auch dort, wo das Wissen über Kultgegenstände verlorengegangen ist und man nur im Miteinander Erklärungen findet.

Wie können Heimatmuseen für Besucher noch attraktiver werden?

Blübaum: Im Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen. Die Themen nicht nur in den Heimatmuseen müssen so aufbereitet und dargestellt werden, dass sie für die Öffentlichkeit interessant sind.

Wie fördert die Landesstelle solche Initiativen?

Blübaum: Die Landestelle fördert anteilsmäßig Neubauvorhaben von Museen, aber auch die Konzeption von neuen Dauerausstellungen. Wir stehen den Museen mit Rat und Tat zur Seite, wenn gestalterische Konzepte zu entwickeln sind. Oder wir stellen mit der FabulAPP bzw. mit dem Programm BYSEUM kostenlose Baukasten-Systeme für die digitale Kommunikation zur  Verfügung. Außerdem  können wir z.B. mit Unterstützung durch die BAYERN TOURISMUS Marketing GmbH derzeit mehrere Museumsnetzwerke darin schulen, sich tourismus-optimiert zu vermarkten.

Sie sind seit dem 1. Juli im Amt, wie viele der 1200 nichtstaatlichen Museen in Bayern haben Sie schon besucht?

Blübaum:  Noch nicht alle. Die ersten Wochen waren eher damit gefüllt, mich mit den vielfältigen Projekten und den kommenden Herausforderungen vertraut zu machen. Insofern freue ich mich auf die schöne Arbeit, viele weitere bayerische Museen kennenzulernen.

Welche nichtstaatlichen Museen in Oberbayern sind Ihnen bereits aufgefallen, welche sollte man unbedingt gesehen haben?

Blübaum: Wer sich zurzeit komplett neu erfindet, ist das Stadtmuseum Landsberg am Lech. Dieses überarbeitet mit Hilfe der Landesstelle nicht nur die Ausstellung gründlich, sondern hat sich auch intensiv mit seinem (Nicht-)Museumspublikum auseinandergesetzt. Auch ein Besuch im Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt lohnt sich. Hier konnten wir bei der Realisierung eines Neubaus ebenso unterstützen wie bei der Umsetzung einer inklusiven Museumskonzeption. Das sind nur zwei Museen von sehr vielen in Oberbayern. Ich kann nur empfehlen, sich entweder das Handbuch Museen in Bayern zu kaufen, auf dem Museumsportal zu surfen oder in unserem Infopoint im Alten Hof in München vorbeizukommen, um einen Eindruck von der reichen Museumslandschaft Bayerns zu erhalten.


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