Pilgern mit Maske Unterwegs auf dem Jakobsweg mit Mund-Nasen-Bedeckung

28.07.2020

Wer derzeit auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgert, muss unerschrockener sein als sonst. In anhaltenden Corona-Zeiten gehört in Spanien nun eine Maske vor Mund und Nase - theoretisch allerorten.

Zwei Pilger auf dem Jakobsweg
Eine Mund-Nasen-Bedeckung gehört muss jeder Pilger auf dem Jakosbweg bei sich tragen. © imago images / blickwinkel

Santiago de Compostela – "Eine Maske ist jetzt überall obligatorisch", bekräftigt die Dame beim Anruf im Pilgerbüro von Santiago de Compostela in harschem Ton. "Wer sie nicht anlegt, kann bestraft werden." Jakobspilger sind in Spanien bei der unlängst von fast allen Regionen eingeführten Maskenpflicht im Freien nicht ausgeklammert. Wäre Pilgern als Sport anerkannt, so wie Joggen und Radfahren, entfiele die Mund-Nase-Bedeckung. Cesar Garralda, der in der Altstadt von Pamplona die private Herberge Casa Ibarrola führt, hat dafür kein Verständnis. "Pilgern ist kein Spaziergang", sagt er, "sondern eher Wandern, Trekking. Der Jakobsweg ist natürlich spirituell und kulturell geprägt - aber es ist eben auch Sport."

Einheimische beschimpfen Pilger ohne Maske

Nach Spaniens zehrendem Lockdown und einem Mehrstufenplan der Lockerungen ist durch punktuelle Neuausbrüche des Virus eine Verschärfung der Maskenpflicht in Kraft getreten. Sie gilt seit Ende der zweiten Juliwoche und betrifft nunmehr - bis auf die genannten Ausnahmen - auch alle Bewegungen an der frischen Luft. Doch wie gehen Pilger damit um? In den vergangenen Tagen haben Ankömmlinge bei Garralda ihr Herz ausgeschüttet. Dabei hat der 50-Jährige eine klare Tendenz ausgemacht: "Ziehen sie durch Dörfer und Städte, setzen sie die Maske auf. Sonst auf einsameren Strecken nicht." Berichtet haben ihm Pilger davon, von Einheimischen massiv beschimpft worden zu sein, als sie die Masken gerade einmal nicht aufgesetzt hatten. "Da verwandeln sich Leute in Polizisten", umreißt Garralda Spaniens neues Lebensgefühl aus Angst, Verunsicherung, Hysterie und der Verärgerung über aufoktroyierte Maßnahmen von Politik und Behörden.

Viel weniger Pilger als in den Jahren zuvor

Pilgern mit Maske ist ein skurriles, gewöhnungsbedürftiges, nahezu unmögliches Unterfangen. Das haben die Französinnen Jeromine Fontaine (26) und Chloe Capdevielle (25) am eigenen Leib erfahren. Gestartet sind sie jenseits der Pyrenäen in Saint-Jean-Pied-de-Port. Ihr angepeiltes Ziel nach einer Woche ist Logrono, die Hauptstadt der Region La Rioja. Bei ihrer Pilgerpremiere auf dem Jakobsweg haben die angehenden Grundschullehrerinnen unterwegs ihre eigene Maskenstrategie entwickelt. "Durch die Maske kann man gar nicht richtig atmen", sagt Chloe, "wenn man so lange wandert, stört sie einfach." Und man trage einen Rucksack, gibt sie zu bedenken, schnappe bei Anstiegen nach Luft. Freundin Jeromine pflichtet ihr bei.

Der Restart auf dem Jakobsweg ist seit Ende Juni zäh angelaufen. Gegenwärtig treffen laut Angaben des Pilgerbüros täglich etwa 250 bis 300 Pilger in Santiago de Compostela ein. Das ist angesichts der Umstände nicht schlecht, im Vergleich zu vorherigen Jahren aber ein dramatischer Einbruch. Der Maskenzwang im Freien dürfte viele vorläufig von einer Pilgerschaft abhalten. Selbst Tiefgläubige dürften das nicht klaglos als gottgewollte Zusatzbürde hinnehmen.

Bußgelder werden verhängt

Die Pflicht einer Mund-Nase-Bedeckung gilt auch im Inneren von Herbergen wie der Casa Ibarrola, wo Wirt Garralda Trennscheiben aus Plexiglas im Aufenthaltsbereich und Desinfektionsmittelspender hat aufstellen müssen. Offiziell dürfen die Masken nur im Bett, unter der Dusche und bei der Nahrungszufuhr fallen. Suchen Pilger und andere Hungrige ein Restaurant oder eine Kneipe auf, verkomplizieren sich die Dinge. Zwar braucht man keine Kontaktdaten zu hinterlassen, doch die Maske darf man erst ablegen, wenn die Bestellung am Tisch eintrifft - nicht vorher. Wie die Zeitung "La Voz de Galicia" aus Santiago de Compostela berichtet, sind bereits erste Bußgelder verhängt worden.

Bis wann die erweiterte Maskenpflicht in Spanien gilt und wie es an der berühmtesten Pilgerstrecke der Welt weitergeht, ist ungewiss. Herbergsbetreiber Garralda bekommt öfter Mails potenzieller Kunden, die anfragen, wie er sein Hygienekonzept umsetzt und ob Spanien aufs Neue eine Schließung der Grenzen droht. Nach dem monatelangen Stillstand auf dem Jakobsweg hofft Garralda, dass ihm und seinen Kollegen weitere Rückschläge erspart bleiben. Derzeit empfängt er in seiner 20-Betten-Herberge im Tagesschnitt ohnehin nur sechs Gäste. (kna)

Jakobswege

Der Jakobsweg ist ein europaweites Netz von Straßen und Wegen. Seit dem neunten Jahrhundert führt er Pilger vom Baltikum über Polen, Deutschland, die Schweiz und Frankreich zum angeblichen Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela im äußersten Nordwesten Spaniens. Im Mittelalter erstreckten sich die Tagesetappen meist von einem "heiligen Ort", an dem Reliquien verehrt wurden, zum nächsten. Neben den fast zahllosen Verästelungen und Zubringern gab es je nach Zählung vier bis sechs Hauptrouten durch Frankreich. Die angebliche Grabstätte des heiligen Jakobus entwickelte sich neben Rom und Jerusalem im Mittelalter zu einem der drei Hauptziele der christlichen Pilgerfahrt. Seit 1982 Papst Johannes Paul II. und 1987 der Europarat zur Wiederbelebung der Jakobswege aufriefen, hat eine Renaissance dieser "europäischen Kulturbewegung" eingesetzt, wie die zuletzt immer weiter steigende Zahl von Pilgern belegt. (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Pilgern: Der Weg ist das Ziel

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