Ökumene Vaterunser - ein Gebet, das alle Christen verbindet

13.01.2021

Jesus selbst hat den Menschen gelehrt, in den Worten zu Gott zu sprechen. Und doch war ein gemeinsames Beten unter Christen nicht immer möglich. Denn bis vor ein paar Jahren gab es noch Unterschiede.

Hände, die sich festhalten
Das Vaterunser-Gebet verbindet Christen. © VadimGuzhva - stock.adobe.com

Ökumenische Zusammenarbeit, zum Beispiel ein gemeinsam geplanter Gottesdienst, erfordert Fingerspitzengefühl. Vieles, was in der eigenen Konfession selbstverständlich ist, teilen andere Christen nicht. Ein Teil jedoch bietet nie Probleme: das Vaterunser. Es ist das einende Gebet schlechthin, schließlich ist es das Gebet, das Jesus selbst weitergegeben hat.

Ganz so unproblematisch war das gemeinsame Beten jedoch nicht immer. Erst 1968 wurde eine gemeinsame deutsche Textfassung des Vaterunsers in den katholischen und evangelischen Kirchen in Deutschland eingeführt. Die Textgrundlage dafür bietet das Matthäusevangelium. Im Lukasevangelium gibt es noch eine kürzere Fassung.

Bei der letzten Bitte, „erlöse uns von dem Bösen“, gab es vor der Einigung Unterschiede. Die deutsche und lateinische Fassung sowohl in der katholischen als auch in der lutherischen Tradition sprachen von „Übel“. Mit Blick auf den Urtext empfahl sich aber die Übersetzung „Böse“, die in reformierten Gemeinden üblich war. Während „Übel“ nur nach einer Sache klingt, gibt es sowohl das als auch den Bösen. Die nun geltende Übersetzung macht deutlich, dass es um eine Befreiung vom Bösen in all seinen Erscheinungsformen geht.

Lobpreis am Ende des Gebets

Gänzlich unterschiedlich wurde früher die sogenannte Doxologie, der Lobpreis am Ende des Gebets, gehandhabt: „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“. Ein Gebet mit einem preisenden Schluss zu versehen, ist zwar verwurzelt in der biblischen Tradition – er stand jedoch ursprünglich nicht im Evangelium. Der Zusatz findet sich erst in späten Handschriften des Textes und auch in einer Gemeindeordnung, die um 100 nach Christus entstanden ist.

Entsprechend fehlt die Doxologie im römischen Messbuch von 1570, das bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil Grundlage für die katholische Liturgie war. Für evangelische Christen gehörte sie hingegen immer dazu. Luther stützte sich bei seiner Bibelübersetzung unter anderem auf das von Erasmus von Rotterdam herausgegebene Neue Testament, das den Lobpreis beim Vaterunser enthielt. Die gemeinsame Praxis begann nach dem Konzil, als die Doxologie auch Einzug in die katholische Liturgie erhielt. Die orthodoxe Chrysostomos-Liturgie kennt ebenfalls den lobpreisenden Abschluss, hier spricht ihn jedoch der Priester.

Herzstück der Bergpredigt

Eine Besonderheit gibt es noch in der katholischen Liturgie. Wenn das Vaterunser in einem Gottesdienst gebetet wird, enthält es den sogenannten „Embolismus“. Dieser Einschub wird nur vom Priester gesprochen und erbittet noch einmal besonders die Erlösung von allem Bösen. Die Sätze stammen eventuell bereits aus dem fünften Jahrhundert.

Der Evangelist Matthäus setzte das Vaterunser ganz bewusst in die Mitte der berühmten Bergpredigt. Dieses Gebet voll Urvertrauen soll als Herzstück des Textes zu erkennen sein. Hier zeigt sich verdichtet, um was es bei der Nachfolge Jesu geht: das ganze Leben in Gottes Hand zu legen, der ein liebender Vater ist. Dieses fundamentale Anliegen Jesu vereint die Angehörigen aller christlichen Konfessionen im Gebet. (Theresia Kamp, Theologin und freie Journalistin)

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme, dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute

und vergib uns unsere Schuld

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit, in Ewigkeit.

Amen.

Video


Das könnte Sie auch interessieren

Mann bekreuzigt sich
© KNA

Das Kreuzzeichen: Segen und Tauferinnerung

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Im Taufbefehl Jesu taucht diese Formulierung zum ersten Mal auf. Heute verbinden wir sie vor allem mit dem Kreuzzeichen.

28.05.2021

Kardinal Reinhard Marx
© Kiderle

Marx: Antisemitismus ist „Ausdruck tiefster Gottlosigkeit“

Der Gottesdienst zur Gebetswoche für die Einheit der Christen wurde heuer an Pfingsten gefeiert. Dem Münchner Kardinal Reinhard Marx geht es nicht nur darum, dass Christen eins sind. Seine Vision geht...

22.05.2021

Kamerabildschirm zeigt Podiumsdiskussion
© zapp2photo - stock.adobe.com

Ökumenischer Kirchentag findet digital statt

Den Ökumenischen Kirchentag im Mai werden Interessierte live im Internet erleben können. Coronabedingt ist eine mehrtägige Präsenzveranstaltung nicht möglich. Die Veranstalter sind trotzdem...

31.03.2021

Papst Franziskus steht am Ambo und predigt. Vor ihm steht ein Mikrofon am Stativ, hinter ihm sind große Schränke mit Büchern zu sehen.
© imago images / Independent Photo Agency Int.

Papst: Einheit der Christen ist Gnade Gottes

Derzeit findet die Gebetswoche zur Einheit der Christen statt. Aus diesem Anlass ruft Papst Franziskus alle Christen zum Gebet auf, um eine Spaltung der Kirchen zu verhindern.

20.01.2021

Kardinal Marx, Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands, und Vertreter orthodoxer Christen beten gemeinsam.
© Kiderle

Warum ist die Gebetswoche so wichtig?

Der Münchner Dekan David Theil berichtet von seinen Aufgaben in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und den unterschiedlichen christlichen Glaubensformen. Außerdem erklärt er die...

20.01.2021

Die traditionelle öffentliche Gewässersegnung der Isar durch die griechisch-orthodoxe Metropolie an Dreikönig ist jedes Jahr ein großes ökumenisches Ereignis in München. Heuer musste sie allerdings coronabedingt leider ausfallen.
© Kiderle

Ökumene heißt "bewohnte Erde"

Die Einheit der unterschiedlichen christlichen Glaubensgemeinschaften soll gestärkt werden, damit Christsein glaubwürdig bleibt.

19.01.2021

Blick vom Turm der St. Peter Kirche auf die Matthäuskirche
© imago images / Future Image

Gottesdienst zur Gebetswoche verschoben

Der zentrale Gottesdienst zur Gebestwoche zu Einheit der Christen in München wurde abgesagt. Es gibt bereits einen neuern Termin und ein Alternativ-Angebot.

18.01.2021

Schwestern von Grandchamp
© imago images / epd

In Gottes Liebe bleiben

Die Schwestern von Grandchamp haben die Texte für die heurige Gebetswoche vorbereitet. Das Gebet für die Einheit der Christen steht für sie im Mittelpunkt ihrer ökumenischen Gemeinschaft.

18.01.2021

Abt Johannes Eckert
© Kiderle

"Wir dürfen wirklich das Leben genießen"

Abt Johannes Eckert im Gespräch über tiefgründige Fragen im Johannes-Evangelium, den Sinn von Krankheiten und die Hoffnung, dass wir Gott auf Augenhöhe begegnen werden.

07.01.2021

Das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci
© Michelangelo Artwork - stock.adobe.com

„Tut dies zu meinem Gedächtnis!“

Katholiken erinnern sich bei jedem Gottesdienst an den Tod und die Auferstehung Christi. Diese Gedächtnisskultur wird durch die Rituale bei der Feier der Eucharistie gestärkt.

22.11.2020

Hände halten Rosenkranz
© SMB/Tiefenbacher

Rosenkranz beten: Wie und Warum?

Warum es beim Rosenkranz nicht um die Leitung geht, ein Gebet möglichst oft zu beten, was der Name mit mittelalterlichem Blumenschmuck zu tun hat und warum sie ihn gerne vorm Einschlafen betet,...

23.10.2020

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren