Alter israelitischer Friedhof in München Verborgene Welt an der Thalkirchner Straße

12.07.2018

Eines der ältesten und bedeutendsten Zeugnisse jüdischen Lebens in München liegt etwas abseits und ist nicht einfach zugänglich.

Das Grabmal des Dichters Michael Beer auf dem Alten israelitschen Friedhof in München: König Ludwig hat es von dem berühmten Architekten Leo v. Klenze entwerfen lassen, weil er Beer so schätzte. © SMB/Bierl

München – Ohne Kopfbedeckung darf hier kein Mann herein. Und Chaim Frank achtet streng, darauf, dass diese rituelle Vorschrift auf dem Alten jüdischen Friedhof eingehalten wird. „Das ist eine Geste des Respekts vor den Toten und vor dem Herrn da oben “, sagt er und deutet mit dem Finger zum Himmel. Hat ein Besucher weder Hut oder Kappe dabei, dann hat der Kunsthistoriker, Judaist und Schullehrer immer eine oder zwei Ersatz-Kopfbedeckungen in seiner Tasche. Denn dass möglichst viele Münchner diesen Ort kennenlernen, das ist Chaim Frank ein Herzensanliegen: „Das ist unsere Visitenkarte, hier ist die die Urgeschichte der Münchner Juden seit 1816 zu finden.“ Als Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde führt er regelmäßig Gruppen über diesen stillen Ort hinter der langen, roten Ziegelmauer an der Thalkirchner Straße 240. Dahinter stehen alte, mächtige Bäume von denen die Vögel zwitschern. Dazwischen lange Reihen mit Grabsteinen auf denen hebräische und deutsche Inschriften eingemeißelt sind. Chaim Frank bleibt immer wieder vor einzelnen Gräbern stehen, deutet mit einem Zeigestab auf die Buchstaben und übersetzt. Gerade steht er vor dem Grab des ersten namentlich bekannten Rabbiners in München, Hesekiel Hessel.

20 000 Besucher geführt

Insgesamt sind es rund 5500 Grabstellen, die der 63jährige hier nachgewiesen und sogar kartografiert hat. Gebannt und neugierig hören ihm rund 25 Besucher zu, fotografieren die Grabstellen berühmter jüdischer Familien. Etwa die der Feuchtwangers, aus denen der weltberühmte Schriftsteller Lion Feuchtwanger hervorgegangen ist. Oder von Julius Thannhauser, der im Hauptberuf Hutmacher und um 1914 ein beliebter Volksbühnenstar in München war: Ein jüdischer Gstanzlsänger in der Lederhose. Einige Grabsteine zeigen zwei segnende Hände. Sie bezeichnen ein Mitglied aus dem Priesterstamm der Kohen, der auch ein häufiger jüdischer Familienname ist. Ohne Führung ist das nicht zu sehen und auch an diesem Nachmittag ist sie völlig ausgebucht. Ein Teilnehmer hat erst im dritten Anlauf einen Platz bekommen, andere haben sich schon Monate zuvor angemeldet. Chaim Frank schätzt, dass er bereits etwa 20 000 Besucher über den Friedhof geführt hat, der ungefähr so groß wie drei Fußballfelder ist. Dass die israelitische Kultusgemeinde den offiziell seit 1908 stillgelegten Gottesacker nicht einfach offen zugänglich macht, hat einen einfachen Grund: Mitte der 1980er Jahre, aber auch schon Anfang der 1960er Jahre wurde der Friedhof geschändet. In der NS-Zeit konnte sich die Israelitische Kultusgemeinde gegen Freveltaten nicht wehren. Auf manchen Grabsteinen sind die Spuren noch zu sehen.

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Zum Nachhören

Beitrag über den Alten Israelitischen Friedhof im Münchner Kirchenradio.

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Chaim Frank vor dem Grab des bayerischen Volkssängers Julius Thannhauser. © SMB/Bierl

"Selbstbedienungsladen" in der NS-Zeit

Chaim Frank zeigt auf Löcher, in denen früher Bronzebuchstaben steckten. KZ-Gefangene mussten alle Edelmetalle entfernen, damit der NS-Staat sie für andere Zwecke verwenden konnte. Teilweise war der alte jüdische Friedhof eine Art Selbstbedienungsladen. Etliche Steinmetze entwendeten hier teure Basalt-Steine, um daraus neue Grabmäler zu machen und die Behörden haben sie gewähren lassen. Allerdings führte der Friedhofsverwalter Angermeier heimlich eine Liste über die Diebstähle. Dadurch konnten nach dem Krieg wenigstens einige Steine wieder zurückgebracht werden. Die Familie Angermeier erwähnt Chaim Frank bei seinen Führungen immer. Wie viele Verwalter jüdischer Friedhöfe waren sie Christen, weil sie auch an Tagen arbeiten durften, an denen es Juden durch ihre Religion verboten ist.

Treue christliche Verwalter

Obwohl die Gestapo sie dazu zwingen wollte, gaben die Angermeiers die Friedhofsverwaltung nicht auf. Die Familie schützte den Friedhof in der NS-Zeit vor Verwahrlosung, versorgte Juden mit Lebensmitteln und verwahrte treu deren Wertgegenstände. „Sie haben sich mit Leib und Leben für unsere Sache eingesetzt, obwohl´s eine ganz biedere katholische Familie war“ sagt Frank am Schluss seiner Führung. Es ist eine von vielen Geschichten rund um diesen historischen Friedhof, der zu den wichtigsten jüdischen Zeugnissen Münchens zählt.

Chaim Frank bietet seine Führungen auf den Alten Israelitischen Friedhof über die Münchner Volkshochschule an. Dort können sich Interessierte anmelden oder vormerken lassen.

Der Autor
Alois Bierl
Radio-Redaktion
a.bierl@st-michaelsbund.de


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