75. Jahrestag der Befreiung Vererbtes Leid

07.05.2020

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Dennoch wirkt die Katastrophe subtil nach - und belastet nachfolgende Generationen bis heute.

Die Ruinen des "Braunen Hauses" kurz vor Kriegsende im April 1945
Die Ruinen des "Braunen Hauses" kurz vor Kriegsende im April 1945. © imago images / Leemage

Bonn – Lange haben sich die Deutschen nicht getraut, über ihre im Zweiten Weltkrieg erlittenen Kriegstraumata zu sprechen. Hatten sie damals nicht selbst den verheerenden Krieg angezettelt, der so viel Leid über Abermillionen Menschen in aller Welt brachte? Die damaligen Kriegskinder lernten, nach vorn zu blicken und ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Die Folgen: Die erlittenen seelischen Verletzungen wurden verdrängt, und das Unaufgearbeitete lebt in nachfolgenden Generationen bis heute fort.

Seit rund 20 Jahren rückt das Thema verstärkt ins Bewusstsein, auch durch zahlreiche Sachbücher. Allein Sabine Bode hat mehrere Bücher über "Kriegskinder" und "Kriegsenkel" geschrieben. Immer mehr Menschen, die als Kind den Krieg erlebt haben, sterben inzwischen. Zunehmend erkennen deren Nachkommen, die sogenannten - etwa zwischen 1955 und 1980 geborenen - Kriegsenkel, dass sie eine traumatische Last mit sich herumtragen.

Heimatlosigkeit und Existenzangst

Ein Teil von ihnen leide "unter unerklärlichen Ängsten und einem unsicheren Lebensgefühl", für das ihr bisheriges Leben gar keinen Grund biete, sagt Bode in einem KNA-Interview. Auch bei Neuanfängen seien sie "seltsam blockiert", so die Kölner Journalistin und Expertin für das Thema seelische Kriegsfolgen. Zudem erklärten viele Kriegsenkel, dass sie ihre Eltern "emotional nicht erreichen können".

Eine Beobachtung, die auch Matthias Lohre teilt. In seinem 2016 erschienenen Buch "Das Erbe der Kriegsenkel" beschreibt er das diffuse Lebensgefühl, das diese Generation mit sich herumtrage: Heimatlosigkeit, Existenzangst, Selbstzweifel, Bindungsprobleme, ständige Anspannung, das Gefühl, bei den Eltern etwas wieder gutmachen zu müssen. Er zeigt darin anhand seiner eigenen, an sich unspektakulären Familiengeschichte die Zusammenhänge und Dynamiken auf, die traumatisierte Generationen miteinander verbindet.

Auseiandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte

Offenbar beschäftigt viele Menschen seiner Generation das Thema, beobachtet der Berliner Journalist. Bei allen vordergründigen Unterschieden gebe es offenbar "eine Gemeinsamkeit" - nämlich das Bewusstsein, "dass da etwas in der Familiengeschichte hakt". Mit dem Buch habe er wohl "vielen aus der Seele gesprochen - an dem Thema arbeiten sich gerade Millionen Menschen ab". Der Autor wird häufig für Kongresse zum Thema angefragt. Lohre beobachtet einen "zunehmenden Bedarf", die eigenen Blockaden und Probleme auch in Beratungsprozessen einzuordnen.

Einordnen, Spuren suchen, Verbindungen erkennen - damit beschäftigte sich auch Sebastian Heinzel über sechs Jahre lang. Er folgte den Spuren seines Großvaters, der als Wehrmachtssoldat in Weißrussland war. Ein Auslöser für seine Recherche waren immer wiederkehrende Alpträume vom Krieg, die den Filmemacher (Jahrgang 1979) ab Mitte 20 verfolgten. Aus der Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte entstanden der Kinofilm "Der Krieg in mir" und das ergänzende, gleichnamige Buch.

Traumata können vererbt werden

Bei seiner Aufarbeitung beschäftigte sich Heinzel auch mit der Traum- und Traumaforschung - und stieß auf neuere Forschungen aus der Epigenetik. Diese deuteten darauf hin, dass enorme Stressbelastungen wie ein Trauma genetisch übertragen werden könnten; "Markierungen in der DNA werden vererbt und prägen das Verhalten der nächsten Generation", erklärt Heinzel, "die Vergangenheit prägt uns stärker, als man denkt".

Bei ihm habe die Auseinandersetzung mit der seiner Familiengeschichte "eine unglaubliche persönliche Veränderung" bewirkt. Die Beziehung zu seinem Vater habe sich verbessert, und auch dieser habe sich mit seinem Vater versöhnen können. Mit seinen Kriegsträumen hat er Frieden geschlossen; er habe verstanden, wo sie herkommen - "dann ist das nicht mehr so beängstigend".

Heinzel, inzwischen selbst zweifacher Vater, ist es wichtig, die geerbten Verhaltensmuster nicht an seine Kinder weiterzugeben und über das emotionale Familienerbe zu sprechen; "das ist heilsam für das ganze System". Durch die Beschäftigung mit der Epigenetik sei ihm eine große Verantwortung bewusst geworden: "Schon jetzt beeinflussen wir mit unserem Leben das Leben unserer Kinder und Enkelkinder." (kna)


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