NS-Dokumentationszentrum München Vergangenes begreifbar machen mit modernen Mitteln

30.04.2015

Das NS-Dokumentationszentrum wurde am 1. Mai mit einem Festakt im Amerikahaus eröffnet. Die Dauerausstellung im dem Neubau zeigt zusammenfassend und mit umfangreichem Bildmaterial aufbereitet die Zeit des Nationalsozialismus in München. Als wichtige Kraft der Münchner Stadtgesellschaft werden dort auch Vertreter der Kirche und einzelne katholische Persönlichkeiten gewürdigt.

NS-Dokuzentrum München: Gelungene Verbindung von Architektur, Dokumentation und historischem Ort (Bild: Sankt Michaelsbund/Hafner)

München - In 33 thematische Leitbilder gliedert sich die Dauerausstellung im neuen Zentrum. Sie zieht sich durch die vier Obergeschosse und beginnt auf der obersten Etage, die der frühen Zeit der Entwicklung der NSDAP bis hin zur Machtergreifung gewidmet ist. Hier trifft der Besucher im Abschnitt „Gesichter des anderen München“ auf den katholischen Journalist Fritz Gerlich. Er wurde aufgenommen in eine exemplarische Auswahl früher Mahner gegenüber der Nazigewalt, denn „Gerlich hat gekämpft und sich mit einer Deutlichkeit gegen Hitler gewandt wie kaum ein anderer und das auch mit dem Leben bezahlt“, erklärte der Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums Winfried Nerdinger im Gespräch mit den Münchner Kirchennachrichten.

Heterogene Rolle der katholischen Kirche

Kritisch akzentuiert ist die Darstellung der Rolle des Münchner Kardinals Michael Faulhaber. Er habe an der Vorstellung festgehalten, dass Hitler als Träger der höchsten Staatsgewalt „gottgesetzte Obrigkeit“ sei, heißt es im Ausstellungstext. Die öffentlichen Äußerungen des Kardinals hätten auch im Krieg „zur Stabilisierung des Regimes“ beigetragen, heißt es im Ausstellungstext. „Er hat sich gegen die Weimarer Republik gewandt und er hat sich nicht wirklich für die Verfolgten eingesetzt und diese Dinge müssen wir natürlich auch beim Namen nennen“, begründet Nerdinger. Positiv gewürdigt werden seine Mitarbeit bei der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ und ein Hirtenbrief Faulhabers vom September 1943, in dem er die Tötung von „erblich Belasteten“, von Kriegsgefangenen und „Menschen fremder Rassen“ verurteilte.

In der Ausstellung trifft der Besucher an verschiedenen Stellen auf Persönlichkeiten, die aus religiösen Motiven Widerstand leisteten. Ellen Amman, Pater Rupert Mayer, aber auch Adolf von Harnier werden für die Zeit vor dem Krieg gezeigt. Für den späteren Widerstand sind namentlich die Münchner Jesuiten Alfred Delp, Lothar König und Augustin Rösch erwähnt, die sich „aus christlicher Überzeugung“ im Kreisauer Kreis engagierten.

Mischung aus historischen Zeugnissen und Lernforum

Die Dokumentation führt ihre Darstellung über das Kriegsende hinaus und beschäftigt sich auch mit der Verfolgung und Bestrafung der Täter. Auf zwei großen Bildschirmen am Ende der Dauerausstellung werden laufend aktuelle Meldungen zum Rechtsextremismus eingeblendet.

Schon in den kontroversen Diskussionen um das Konzept des Hauses hatte Gründungsdirektor Nerdinger immer wieder auf den Lernort-Charakter hingewiesen, der in den Untergeschossen verankert sein werde. Herzstück des Lernforums ist die Bibliothek, in der neben Büchern drei große interaktive Medientische zur Verfügung stehen. Daneben gibt es an die 20 Plätze an Multimedia-Schirmen. Dort kann jeder Besucher die Ausstellung auch am Bildschirm durchwandern und anhand von Links vertiefen. Außerdem sind eine Fülle von weiteren Informationen verfügbar, die meisten mit einem konkreten Bezug zu München. So können Interessierte anhand einer digitalen München-Karte, auf der Wohnorte und Kurzbiographien von Opfern und Verfolgten der NS-Herrschaft hinterlegt sind, weitere lokalgeschichtliche Einzelheiten ergründen. Die Lernstationen wurden im Rahmen eines eigenen Forschungsprojekts über „Informationsvisualisierung“ und Wissensvermittlung entwickelt. (gh)


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