Schuld – Sünde – Beichte Vergebung hat befreiende Wirkung

23.11.2017

Was bedeutet Schuld? Was heißt Vergebung? Welche Rolle spielt die Beichte? Der Moraltheologe Jochen Sautermeister hat sich zu den Begriffen Gedanken gemacht.

Für einen Neuanfang bedarf es Entgegenkommen.
Für einen Neuanfang bedarf es Entgegenkommen. © fotolia/zoomingfoto1712

Schuld – im Horizont Gottes: Sünde – hat viele Gesichter und Facetten. Die Bandbreite, was damit verbunden wird, könnte kaum größer sein: von banalen Kleinigkeiten über aufgebauschte mediale Skandalisierungen bis hin zur existenziellen Schwere, die auf einem Schuldigen lastet und das Leben zu erdrücken droht. Aber auch die Art und Weise, wie Schuld erlebt und verarbeitet wird, ist ganz unterschiedlich. Wenn man mit eigener Schuld konfrontiert wird, kann man ganz verschieden reagieren: verharmlosen, verleugnen, andere beschuldigen, Schuld ernst nehmen, verzweifeln, bestürzt sein, bereuen.

Aus moraltheologischer Sicht kann Schuld in einer bewussten schädlichen, destruktiven Tat bestehen, aber auch in Nachlässigkeit und im Unterlassen dessen, was erforderlich gewesen wäre; man bleibt dann einem etwas schuldig. Schuld kann sich ferner auf das Resultat beziehen, also auf das, was aus einer begangenen schuldhaften Handlung oder einem Unterlassen erfolgt. Schuld bedeutet dann, dass jemand daran schuld, dafür verantwortlich ist. Es bedeutet, dass das Handeln beziehungsweise Unterlassen einer Person zurechenbar ist und diese hätte anders handeln können. Und schließlich kann Schuld sich auch auf den Charakter einer Person beziehen, darauf, wie jemand seine Persönlichkeit und sein Gewissen bildet, ob man Gutes tun und Schlechtes meiden möchte und ob man achtsam, aufmerksam und sorgsam, mutig, klug, tapfer, maßvoll und gerecht, oder kurz gesagt: verantwortlich sein Leben zu gestalten und zu führen bereit ist.

Wenngleich es viele Beweggründe und Erklärungen dafür geben kann, warum jemand eine bestimmte Schuld auf sich geladen hat, gilt: Wenn man im moralischen Sinne von Schuld spricht, geht man stets davon aus, dass die Person in dem Sinne frei war, dass sie zumindest anders hätte handeln können und das Schlechte hätte einsehen können. Um schuldigwerden zu können, bedarf es dieser Voraussetzungen. Ansonsten könnte man der Person die Schuld nicht wirklich zurechnen; man hätte gute Gründe, die Person von der Schuld freizusprechen, sie zu entschuldigen.

Erfahrungen prägen Umgang mit Schuld

Alle Menschen kennen die Erfahrung von Schuld, sowohl als jemand, der Schuld begangen hat, wie auch als jemand, der Schuld erlitten hat. Darin sind alle Menschen vereint. Wie man jedoch mit Schuld umgeht, hängt nicht nur davon ab, was man genau begangen oder erlitten hat und worin die Schuld besteht, sondern auch davon, welches Bild man von sich selbst hat und wie sehr man sich grundsätzlich wertgeschätzt fühlt, welche Erfahrungen man im Umgang mit Schuld gemacht hat, welche Vorbilder man im eigenen Leben kennt, die einem zeigen, wie man mit begangener und erlittener Schuld gut und konstruktiv umgehen kann, und auch davon, dass es Menschen gibt, die einem beistehen und begleiten und die Hoffnung vermitteln, dass Schuld nicht das letzte Wort hat, sondern Vergebung und Versöhnung möglich sind.

Professor Dr. Dr. Jochen Sautermeister ist Moraltheologe an der Universität Bonn.
Professor Dr. Dr. Jochen Sautermeister ist Moraltheologe an der Universität Bonn. © SMB

Wenn Menschen im Vaterunser um die Vergebung ihrer Schuld bitten, dann stellen sie sich gemeinsam in dieselbe Grunderfahrung, wonach alle vergebungsbedürftig sind, angewiesen auf Umkehr, Nachsicht und Verzeihung. Darin sind alle Menschen gleich, auch wenn es durchaus Unterschiede in der jeweiligen Schuldverstricktheit gibt.

Wer schuldig geworden ist, hat etwas in die Welt gesetzt, was er nicht mehr rückgängig machen kann. Schuld hält gefangen. Denn Schuld bedeutet eben, dass etwas Ungutes, Schädliches, Destruktives und Zerstörerisches in die Welt gesetzt worden ist, was man selbst als Täter nicht mehr zurücknehmen kann. Ein verletzendes und kränkendes Wort lässt sich nicht unausgesprochen machen, Vernachlässigung und Missachtung, Betrug oder Täuschung verletzen das Vertrauen und wirken nach. Daher ist man darauf angewiesen, dass der Andere, an dem man schuldig geworden ist, einem vergibt, sodass Zukunft wieder möglich wird.

Gott hat uns längst vergeben

Damit Neuanfang möglich ist, bedarf es des Entgegenkommens anderer, ist man auf andere angewiesen. Umzukehren und ernsthaft um Vergebung zu bitten, setzt nämlich voraus, dass man die begangene Tat bedauert, sie bereut (contritio), dass man die begangene Schuld anerkennt, sich zu seiner Schuld bekennt (confessio) und dass man darüberhinaus auch bereit ist, dafür die Verantwortung zu übernehmen (satisfactio). Letzteres bedeutet konkret, etwas ändern und an sich selbst arbeiten zu wollen und einen tatkräftigen und spürbaren Weg des Ausgleichs oder der Wiedergutmachung zu finden.

Wer schuldig geworden ist, weiß, wie befreiend es ist, wenn die betroffene Person einem verzeiht und man nicht mehr auf die begangene Schuld festgelegt wird. Neuanfang wird möglich. Diese Erfahrung, selbst Vergebung zu schenken, ist Ausdruck von geschenktem Neuanfang, ist Ausdruck von Solidarität in der Schuld- und Versöhnungsgemeinschaft aller Menschen. Doch woher die Kraft dazu nehmen? Weil Gott den Menschen zuerst die Möglichkeit zum Neuanfang schenkt, weil Gott einen nicht in seiner Schuld gefangen hält – deshalb können und sollen die Menschen sich auch untereinander nicht in der Schuld fixieren, sondern Vergebung schenken und um Vergebung bitten. Das Sakrament der Versöhnung (Beichte) ist ein herausragender Ort, wo der Einzelne die persönliche Zusage der Zukunft eröffnenden Vergebung Gottes (Absolution) und Ermutigung zu Neuanfang und Veränderung erfährt.

Und auch der Vergebungsbitte im Vaterunser geht die Erfahrung und die Zusage voraus: Gott hat uns schon längst vergeben. Gottes vergebende Liebe macht den Menschen überhaupt erst frei, befreit ihn von blindem Zorn und lähmender Angst, um selbst liebend und barmherzig mit anderen Menschen und mit der Erfahrung von Verletzung, Kränkung, Missachtung und Schuld umgehen zu können, um neu anfangen zu können. (Professor Dr. Dr. Jochen Sautermeister ist Moraltheologe an der Universität Bonn)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität und zum Thema Monat der Spiritualität

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