Passionsspiel Oberammergau Verkündigung, was sonst?

22.10.2018

Die Passionsspiele sind mehr als das einzigartige Folklorespektakel eines ganzen Dorfes. Sie sind Verkündigung, auch wenn das manchmal in den Hintergrund zu treten scheint.

Oberammergau bewegt: die Darsteller des Passionsspieles genauso wie die Zuschauer. © Passionsspiele Oberammergau

Oberammergau läuft sich warm. Mit der Bekanntgabe der Hauptdarsteller für das Passionsspiel beginnt jetzt die heiße Phase für die Premiere in eineinhalb Jahren. Bürgerentscheide oder Gerichtsurteile um strittige Fragen über Charakter und Aufführung der gut 380 Jahre alten Passion wird es wahrscheinlich nicht geben. In den vergangenen Jahrzehnten war das immer wieder der Fall. Etwa wenn sich verheiratete Frauen das Spielrecht per Gerichtsurteil erfechten mussten. Oder wenn über eine zeitliche Verlegung der Aufführungen in die späten Nachmittagsstunden abgestimmt wurde. Über die streitlustigen Gebirgsdörfler hat man sich in der restlichen Bundesrepublik gerne amüsiert. Dabei machen die Auseinandersetzungen nur deutlich, wie ernst die Oberammergauer ihre weltweit einzigartige Tradition nehmen und nicht geschäftsmäßig abhaken. In den Konflikten wie in den Aufführungen spiegeln sich natürlich auch Zeitfragen wieder. Nicht umsonst ist der Text immer wieder gründlich durchgepflügt worden. Es gab antisemitische Stellen, an denen viele Oberammergauer keinen Anstoß nahmen und die trotzdem unerträglich waren. Es gab sogar Druck aus dem Vatikan, diese Passagen zu ändern. Und die ökumenische Öffnung des Passionsspiels drückte ein neues Selbstverständnis aus.

Kirche gehört dazu

Aber auch vor den kommenden Passionsspielen 2020 werden neue Unterschiede im Blick auf die Tradition deutlich. Christan Stückl wird nicht müde, auf die Unabhängigkeit des Ereignisses von der Kirche zu verweisen und ihren Verkündigungscharakter zu relativieren. Darin spiegelt sich natürlich die Entkirchlichung der Gesellschaft wider, die misstrauisch gegen religiöse Autoritäten geworden ist. Die Erzdiözese hält mit einem vielfältigen, spirituellen Begleitprogramm dagegen, für die eigens eine Mitarbeiterin eingestellt worden ist. Dazu gehören Wirtshausgespräche über lebensrelevante Themen genauso wie spirituelle Bergwanderungen. Nach wie vor hält der Erzbischof von München und Freising ein Patronat über die Spiele. Niemand zweifelt an, dass Gottesdienste die einzelnen Abschnitte der Vorbereitungen einleiten. Und ein theologischer Berater hält Verbindung mit dem Passionsspielleiter und klärt mit ihm fachliche Fragen. Also ganz ohne Kirche geht es doch nicht, auch wenn die Beteiligung ganz anders ist als früher, als die Oberammergauer Ortspfarrer einen großen Gestaltungsanteil für sich beansprucht haben.

Mehr als Kunst

Daran wird deutlich, dass die Tradition sich entwickelt und lebendig ist. Oberammergau kann und wird nie nur Theater sein. Die Passionsspiele bleiben Verkündigung, natürlich, was sonst. Selbst, wenn es eines Tages nicht nur einen muslimischen Judas-, sondern sogar einen muslimischen Jesusdarsteller geben sollte. Das Passionsspiel erzählt ja die Kernbotschaft des christlichen Glaubens und das immer wieder neu: im Gewand, im Selbstverständnis und im Horizont der jeweiligen Zeit. Dieses innere Zentrum wird sich immer behaupten: Gegen diejenigen, die zäh an althergebrachten Gebräuchen festhalten und am liebsten nichts verändern wollen. Ebenso wie gegen diejenigen, die das Passionsspiel in erster Linie als einzigartiges künstlerisches Ereignis verstehen oder missverstehen wollen, in dem die Glaubensinhalte keine oder eine untergeordnete Rolle spielen. Darum werden die Oberammergauer auch in Zukunft immer wieder über ihr gemeinsames Zeugnis von der Frohen Botschaft ringen, eben weil sie ihre Passion sehr ernst nehmen.

Audio

Zum Nachhören

Kommentar zu den Passionsspielen im Münchner Kirchenradio

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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