Islamberatung der Eugen-Biser-Stifung Vermittler zwischen Rathaus und Moschee

23.01.2019

Seit Beginn dieses Jahres können sich Kommunen bei der nach dem katholischen Priester und Religionsphilosophen Eugen Biser benannten Stiftung beraten lassen, wenn sie mit muslimischen Gemeinden zusammenarbeiten.

Türen öffnen für ein gutes Zusammenleben mit Muslimen, so wie hier in Penzberg, will die Islamberatung der Eugen-Biser-Stiftung. © SMB

München - Wenn Muslime einen Gebetsraum einrichten wollen, sind Anwohner und politische Gemeinde zuerst meistens verunsichert. Eine ablehnende Haltung wird schnell als Islamfeindlichkeit gedeutet und die Gesprächsatmosphäre schwierig. Seit Anfang Januar können sich bayerische Kommunen und Moscheegemeinden bei solchen Fragen an die Islamberatung der Eugen-Biser-Stiftung in München wenden. Der Stelle liegt eine Studie zugrunde. Darin beklagen Bürgermeister, Vertreter von Muslimen und Wohlfahrtsorganisationen, dass sie einander viel zu wenig kennen. Und den Eindruck gegenseitiger Intransparenz. Oft beginne das Problem schon bei den Vorbereitungen für öffentliche Info-Veranstaltungen, erklärt die Referentin für christlich-muslimischen Dialog, Ay?e Co?kun-?ahin. Die ehrenamtlich für die Moscheegemeinde tätigen Muslime, seien häufig unsicher, an wen sie sich im Rathaus oder in der Landkreisverwaltung überhaupt wenden können, wem sie Anfragen und Anträge vorlegen müssen. Sie finden nun bei der Eugen-Biser-Stiftung eine erste Anlaufstelle. „Wir wollen Brückenkopf sein, die richtigen Gesprächspartner vorschlagen und zusammenbringen und können gelegentlich selbst Vermittler sein“, erklärt Stefan Zinsmeister vom Vorstand der Stiftung.
Keine Einzelfallberatung
Er stellt aber klar, dass wir „normalerweise keine Einzelfallberatung leisten können, sondern an andere Stellen verweisen“. Dafür hat die Eugen-Biser-Stiftung ein über Jahre gewachsenes Netzwerk mit vielfältigen Partnern an der Hand, die sowohl das Vertrauen von Muslimen als auch der Behörden genießen. „Wir können bei Gelegenheit auch Lösungen vorstellen, die bei ähnlichen Problemen in anderen Kommunen funktioniert haben.“ Die Islamberatung helfe dabei, Schwierigkeiten vor Ort selbständig zu lösen und auch Misstrauen zu überwinden. Letzteres „ist durch die internationalen politischen Konflikte in den vergangenen Jahren schon gewachsen“, sagt Ay?e Co?kun-?ahin. Die Islamberatung der Eugen-Biser-Stiftung will dazu beitragen, dass solche Konflikte das Zusammenleben und Problemlösungen in den Kommunen nicht blockieren.
Bedarf ist da

Genau das wünscht sich auch Elisabeth Preuß. Sie ist in Erlangen als Bürgermeisterin für Integration zuständig. Die Stadt kümmert sich um dieses Thema zwar bereits seit 1996, doch „je mehr man macht, desto mehr Bedarf sieht man“. Sie hat die Gründung der Islamberatung aufmerksam verfolgt, die von der Universität Erlangen-Nürnberg wissenschaftlich begleitet wird. Die Kommunalpolitikerin kann sich gut vorstellen die Experten der Eugen-Biser-Stiftung bei Moscheebauten anzufragen. Die seien dringend nötig, um keine abgekapselten islamischen Gemeinden in Hinterhöfen zu fördern und die Muslime im Land zu integrieren. „Jede Kommune muss ja Interesse an Moscheegemeinden haben, die offen sind und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung teilen“, sagt Preuß. Allerdings dürfen die Städte und Gemeinden einen solchen Bau finanziell nicht direkt fördern. Hier gelte dasselbe Recht wie für Kirchengebäude, die jede Konfession selbst bezahlen muss. Allerdings hätten sie durch die Kirchensteuer andere finanzielle Möglichkeiten, so Preuß. „Da könnte uns jemand helfen, der über den Tellerrand hinausschaut, wie eben die Islamberatung.“ Preuß kann sich hier ein Positionspapier vorstellen, in das auch die Kirchen mit einbezogen sind. Denkbar seien auch gemeinsame Spendenaufrufe.
Nicht nur auf politischer Ebene aktiv

Die Islamberatung will aber nicht nur für die politische Ebene in den Kommunen da sein. Es gibt viele Fragen, die im Zusammenleben mit Muslimen in Bayern auftreten. „Es geht um Teilhabe“, sagt Ay?e Co?kun-?ahin. Viele der etwa 600 000 Muslime im Freistaat hätten einen deutschen Pass, arbeiteten in Betrieben am Ort, zahlten Steuern und gehörten dadurch automatisch zu dieser Gesellschaft dazu. Viele von ihnen möchten sich aber auch darüber hinaus stärker am sozialen Leben beteiligen. Stefan Zinsmeister nennt ein ganz konkretes Beispiel: die Freiwilligen Feuerwehren. „Die suchen immer Helfer und auch junge Menschen mit türkischen Familienhintergrund wären da interessiert und gefragt.“ Hier könnte die Islamberatung einen Feuerwehrkommandanten mit muslimischen Jugendverbänden zusammenbringen, von denen er zuvor gar nichts gewusst hat. Und vielleicht sei dann bei der nächsten Segnung eines neuen Löschfahrzeuges sogar nicht nur ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer dabei, sondern auch ein aufgeschlossener Imam.

Palliativmedizin bei Muslimen

Erste Anfragen an die Islamberatung kommen zudem aus dem sozialen Bereich. Bildungsreferent Andreas Prell hört bei Fortbildungstagen etwa bei kommunalen wie kirchlichen Altenheimen immer wieder, dass muslimische Bewohner seelsorgerliche Begleitung am Lebensabend wünschen. Das Personal sei dann oft ratlos. „Es geht aber auch um Fragen etwa bei Patientenverfügung oder bei der Palliativmedizin, inwieweit hier religiöse Kontexte berücksichtigt werden müssen.“ Wohlfahrtsverbände wie die Caritas seien hier immer wieder auf der Suche „nach kompetenten Ansprechpartnern“. Die kostenlose und vertrauliche Islamberatung der Eugen-Biser-Stiftung kann sie in den nächsten drei Jahren vermitteln. So lange ist die Finanzierung in Höhe von 250 000 Euro zunächst gesichert. Das Geld kommt von der Robert Bosch Stiftung, die bereits ein ähnliches Projekt in Baden Württemberg fördert. Dass in Bayern die Islamberatung durch die Eugen-Biser-Stiftung geleistet wird, ist für Vorstand Stefan Zinsmeister folgerichtig: „Wir sind ein unabhängiger Akteur, weder kirchlich, islamisch noch staatlich, haben eine jahrelange Erfahrung im interreligiösen und gesellschaftlichen Dialog und da ein breites Netzwerk aufgebaut.“ Damit führe die Stiftung auch das Erbe von Eugen Biser fort. Der bis zu seinem Tod 2014 in München wirkende katholische Priester und Religionsphilosoph habe immer davon gesprochen, „dass jetzt die Stunde des Dialogs ist“, betont Zinsmeister. „Damit man die Probleme und Konflikte, die aktuell herrschen, gemeinsam lösen kann.“

Weitere Informationen über die Islamberatung in Bayern sind auf der Internetseite der Eugen-Biser-Stiftung zu finden. Dort ist auch die dem Projekt zugrundegelegte Studie Brückenbauer in Bayern veröffentlicht. An deren Ende findet sich auch eine Frageliste für Kommunen, mit der sie ihre Integrationsarbeit überprüfen können.

Audio

Zum Nachhören

Beitrag über die Islamberatung im Münchner Kirchenradio

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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