Psychologin berät Angehörige Verschwörungstheoretiker suchen nach einfachen Antworten

02.02.2021

Anna-Sophia Birzele berichtet von ihrer Arbeit als Psychologin im Fachbereich Weltanschauungsfragen des Erzbistums München und Freising. Dort berät sie auch Angehörige von Verschwörungstheoretikern.

Plakat auf einer "Querdenker"-Demonstration gegen Corona in Lauf an der Pegnitz am 31. Januar 2021.
Plakat auf einer "Querdenker"-Demonstration gegen Corona in Lauf an der Pegnitz am 31. Januar 2021. © IMAGO/IPA Photo

München – Seit einem Jahr bestimmt die Corona-Pandemie unser Leben. So lange arbeitet Anna-Sophia Birzele als Psychologin im Fachbereich Weltanschauungsfragen der Erzdiözese. Seit Beginn der Pandemie hat sie zunehmend Angehörige von Verschwörungstheoretikern beraten, die nicht wissen, wie sie mit dem Gedankengut ihrer Mitmenschen umgehen sollen. „Die Pandemie hat uns in eine Ausnahmesituation gebracht, die viele Fragen, Konflikte und Diskussionen hervorbringt. In Krisensituationen neigen Menschen dazu, verstärkt auf Erklärungsmodelle zurückzugreifen, die eindeutige Antworten oder Identitätsangebote bieten“, erklärt Birzele. Die Angst vor Kontrollverlust sei ein Nährboden für Verschwörungstheorien, da diese versuchen, „eindeutige“ Antworten zu geben und Sündenböcke zu benennen. „Die Corona-Pandemie hat die Verbreitung und Sichtbarkeit von Verschwörungstheorien erweitert“, weiß die Psychologin.

Menschen, die von weltweiten Verschwörungen überzeugt sind, ordnen komplexe Geschehnisse in „dualistische Kategorien von Gut und Böse“ ein, zweifeln wissenschaftliche Erkenntnisse an und vermischen verschiedene Themen miteinander: „Wenn alles zusammenpasst, entsteht eine Idee, gegen wen es sich zu wehren gilt“, sagt die Spezialistin. Feindbilder zu generieren sei kennzeichnend für Verschwörungstheorien. Das wirke entlastend und identitätsstiftend.

Dualistischer Glaube auch beim religiösen Fundamentalismus

Auch religiösem Fundamentalismus liege ein stark ausgeprägter dualistischer Glaube, also die Einordnung in Kategorien von Gut und Böse, zugrunde. Auch hier glaubt man an böse Mächte, manche empfinden die Corona-Pandemie als Strafe Gottes oder als prophezeites Weltuntergangsszenario.

Verschwörungstheorien machen auch vor Christen keinen Halt. Birzele will jedoch nicht von Verschwörungschristen sprechen. „Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, sind in der Breite der Gesellschaft überall zu finden, unabhängig von ihrer Religion, Alter, Bildung oder Geschlecht.“

Sammelbecken Querdenker-Demonstration

Bei den "Querdenker"-Demonstrationen erkennt die Expertin eine Vermengung zwischen Esoterikern, Querdenkern und Reichsbürgern. Während die Querdenker mit Protesten gegen die Corona-Maßnahmen auffielen, befördere die esoterische Szene ein alternatives, faktenresistentes und unwissenschaftliches Denken: „Bisherige Impfgegner sind natürlich auch jetzt gegen die Corona-Impfung.“ Das verstärkte Radikalisierungspotenzial der Querdenker-Bewegung nehmen Birzele und ihre Kollegen mit Sorge zur Kenntnis.

Wer jedoch die Pandemie an sich in Frage stellt oder die hohe Sterblichkeitsrate leugnet, verhält sich nicht nur unsolidarisch, sondern gefährdet sich und andere Menschen. Meist geht die Leugnung der Pandemie einher mit weiteren Überzeugungen von Verschwörungen apokalyptischen Ausmaßes.

Kontakt nicht abreißen lassen

Der wichtigste Rat, den Birzele Angehörigen von Verschwörungstheoretikern gibt, ist, den Kontakt nicht abreißen zu lassen, auch wenn man mit rationalen Argumenten wenig bewirken könne. Es sei wichtig, Veränderungen des Weltbildes frühzeitig wahrzunehmen, da diese sich meist langsam anbahnten. Kommen die Angehörigen an den Punkt, an dem sie sich selbst überfordert fühlen, stehen Birzele und ihre Kollegen für Beratungsgespräche zur Verfügung. (Maximilian Lemli, Volontär beim Sankt Michaelsbund)

Ausführliche Informationen finden sich dazu auch auf der Homepage des Fachbereichs Weltanschauungsfragen und speziell zum Umgang mit Verschwörungstheoretikern.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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