Passionskonzert in München-St. Joseph Verspielte Klänge und tiefes Leid

27.03.2019

Das „Stabat Mater“ von Giovanni Battista Pergolesi war das Hauptwerk des Passionskonzerts in der Münchner St.-Josephs-Kirche. Volontär Thomas Stöppler schildert seine Eindrücke.

Giovanni Battista Pergolesi (1710 – 1736)
Giovanni Battista Pergolesi (1710 – 1736) © imago/Leemage

München – Ganz langsam spielen die Streicher. Traurig und düster klingt die Musik, bis dann der Chor einsetzt. Plötzlich ist da Wucht und Kraft. Doch dann versinkt auch der Chor wieder in Düsternis und Leid. Die verschiedenen Stimmen singen die einzelnen Verse so unterschiedlich, dass das Stück fast dialogischen Charakter bekommt. Es ist der erste Teil des Konzerts am heutigen Abend: das Stück „Prayer“ des zeitgenössischen lettischen Komponisten P?teris Vasks’, und die Musiker haben mich bereits nach wenigen Minuten in ihren Bann gezogen. Knapp hundert Sänger stehen im Altarraum der St.-Josephs- Kirche im Münchner Stadtteil Schwabing, alle ganz in schwarz mit knallgelben Notenheften. Die Streicher sitzen davor, schon fast bei den Kirchenbänken, und von meinem Platz aus könnte ich die Noten mitlesen – wenn ich denn Noten lesen könnte.

„Das ,Stabat Mater‘ geht gut ins Ohr“

Bei meinen Eltern zu Hause herrschten die vier großen „B“: Bach, Brahms, Beethoven und die Beatles. Ich habe allerdings nur beim letzten „B“ zugehört. Warum Bach, Brahms und Beethoven an mir vorbeigegangen sind, kann ich nicht sagen. Aber es sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um über ein Konzert mit klassischer Musik zu berichten. Thomas Scherbel beruhigt mich: „Musik hat ganz allgemein einen niedrigschwelligen Zugang“, erklärt der Chordirektor und Organist in St. Joseph, „und das ,Stabat Mater‘ geht gut ins Ohr“. Das „Stabat Mater“ von Giovanni Battista Pergolesi ist Hauptwerk des Konzerts, Vasks’ „Prayer“ von 2012 macht den Anfang. Pergolesi hat 1736 das alte mittelalterliche Gedicht neu vertont. Bis heute ist der geistliche Text bei Publikum, Musikern und Komponisten beliebt. Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia führt allein über 60 verschiedene Vertonungen auf. Darunter auch solche von Franz Schubert, Antonio Vivaldi und Giuseppe Verdi. Namen, die auch dem ungebildeten preußischen Volontär etwas sagen.

Violette Kleidung passend zur Fastenzeit

Zehn Streicher begleiten beim „Prayer“ den Chor und beim „Stabat Mater“ die beiden Solistinnen. Scherbel dirigiert. Passend zur Fastenzeit trägt er zum schwarzen Anzug eine violette Krawatte, und auch die beiden Solistinnen tragen violette Kleider. „Es stand die Mutter mit Schmerzen/ weinend am Kreuz,/ als ihr Sohn dort hing“, singt Sopranistin Sandra Scholler auf Latein. Und man kann diesen Schmerz sofort spüren. Es ist kein lauter Schmerz, sondern ein tiefer, stiller. Es ist vollkommen leise, obwohl Schollers Stimme und die Streicher mit ihren Klängen den ganzen Raum erfüllen. In der Fastenzeit sei die Musik oberflächlich betrachtet etwas reduzierter, erläutert Scherbel. Man müsse nur genauer hinhören, dann sei sie umso ergiebiger.

Seit Februar 2016 wirkt Scherbel in St. Joseph. Als er anfing, hatte der Chor 20 Mitglieder. In den folgenden drei Jahren hat sich die Zahl der Sänger verfünffacht. Dabei rekrutiert sich der Chor nicht mehr nur aus der Gemeinde. Aus ganz München kommen Musikfreunde zum Singen nach St. Joseph. „Sie finden hier eine gute, fruchtbare Gemeinschaft“, sagt der 42-Jährige. Die Chorleitung mache ihm Spaß und bald will er sich an die ganz großen Stücke heranwagen. „Spätestens in zwei Jahren singen wir die Johannespassion von Bach“, prophezeit er. Das erste große „B“ ist auch für ihn eine Herausforderung.

In einem Comic würden Gläser zerspringen

„Wer sollte nicht trauern,/ die gute Mutter nicht verehren,/ die mit ihrem Sohn Schmerzen leidet“, singen die beiden Solistinnen. Das klingt jetzt verspielt und beinahe fröhlich, aber nur beinahe. Die Stimmen der beiden springen fast, bis Sandra Scholler einen hohen Ton so lange hält, dass in einem Comic jetzt Gläser zerspringen würden. Aber der Ernst des Textes schwingt weiter mit, und das Leid Marias bleibt spürbar.

Pergolesi schrieb die Musik kurz vor seinem frühen Tod. Der neapolitanische Musiker starb bereits mit 26 Jahren. „Pergolesis Stabat Mater ist eigentlich ein feststehender Begriff“, meint Scherbel. „Er hat eine ganz eigene musikalische Sprache und mit einfachen Mitteln schafft er ganz Großes“, erklärt er weiter. „Prayer“ dagegen sei viel moderner, ein bisschen schräg. Die beiden Stücke in einem Konzert zusammenzubringen, sei eine tolle Sache, weil sie eben so kontrastreich seien, erläutert der Musiker. Außerdem, gibt er unumwunden zu, könne man mit moderner Musik kaum Menschen anlocken. Dabei sei er auf die Einnahmen aus dem Kartenverkauf angewiesen. Solisten und Orchester müssten auch bezahlt werden. Scherbel ist dabei nicht anspruchslos: Es sollen immer die besten sein. Das koste eben Geld. Zwei Drittel seines Jahresetats stammten aus dem Kartenverkauf. In den vergangenen Jahren habe er die Einnahmen stetig steigern können. Das zusätzliche Geld fließe dann sofort wieder in das nächste Konzert.

Am Ende des Stückes ist für meine ungeschulten Ohren fast nichts mehr von der zwischenzeitlichen Verspieltheit zu hören. Beim letzten Duett der beiden Solistinnen hat der Ernst endgültig die Oberhand gewonnen: „Wenn der Leib stirbt, dann hilf,/ dass dein Sohn der Seele die/ Herrlichkeit des Paradieses schenke.“ Trotzdem bleibt ein gutes Gefühl bei mir. Wärme und Wohlbehagen machen sich in mir breit, während die Musiker ihren Applaus genießen. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die Johannespassion. Die kenne ich immerhin dunkel und vermutlich werde ich zu Hause noch ein-, zweimal das „Stabat Mater“ hören.

Serie "Mit Thomas duch die Fastenzeit"

Ob Aschermittwoch der Künstler, Fastenexerzitien oder das Hungertuch im Alten Peter: Unser preußischer und dazu auch noch protestantischer Volontär Thomas Stöppler ist dabei.

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Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de


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