70 Jahre Israel und neuer Antisemitismus Vertrauen im Dialog schaffen

16.07.2018

Kirchliche Medien haben einen Auftrag, sich um das Verständnis zwischen Christentum und Judentum zu kümmern und gegen Judenfeindlichkeit zu wirken.

Geste der Zusammengehörigkeit: Papst Franziskus an der Klagemauer in Jerusalem, dem letzten rest des jüdischen Tempels. © imago

Wer immer wieder einmal unsere Homepage mk online anklickt, dem sind in den vergangenen Tagen sicher die vielen Beiträge zum Judentum aufgefallen. Anlässe dafür gibt es genug: Der Staat Israel ist vor 70 Jahren gegründet worden. Ebenfalls 1948 haben engagierte Politiker und Bürger in München die „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ ins Leben gerufen. Es war die erste ihrer Art in Deutschland. Was oft vergessen wird: Sie hatte eine Art Vorläufer auf katholischer Seite. Die" Amici Israel“ also die Freunde Israels. Der Münchner Kardinal Michael Faulhaber hatte in dieser Vereinigung eine führende Rolle inne. Er forderte auch gegenüber dem Vatikan die frühere Karfreitagsbitte um die Bekehrung der „treulosen Juden“, wie es darin hieß, neu zu formulieren. Faulhaber wollte Verletzungen gegenüber den israelitischen Kultusgemeinden schon auf der sprachlichen Ebene wenigstens vermindern. Der jüdisch-christliche Dialog hat also im Erzbistum eine gewisse Tradition. Die Priester in seinem Erzbistum wies Kardinal Faulhaber an, in der Predigt „alles zu vermeiden, was antisemitischen Klang hat“. Er beobachtete genau und tief besorgt die grassierende Judenfeindlichkeit. Dass er sich im Nationalsozialismus nicht in der Lage sah, sie entschiedener zu bekämpfen, gehört zur Tragik dieses bedeutenden Kirchenmannes. Den Boykott gegen jüdische Geschäfte wollte er jedenfalls nicht öffentlich verurteilen, weil er als Folge eine Hetze gegen die Katholiken fürchtete.

 

Antisemitismus nimmt wieder zu

 

Heute erhebt wieder ein zunehmender Antisemitismus sein Haupt, auch in und um München. Bei dem Festakt zum 70jährigen Bestehen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit beklagte Stadtschulrätin Beatrix Zurek, dass Pöbeleien und Anfeindungen gegen Juden leider auch an den Münchner Schulen ansteigen. Auch diese Stimmung war für uns ein Anlass, über das jüdische Leben in unserer Region zu berichten. Dass kirchliche Medien gegen Antisemitismus auftreten, ist Gott sei Dank zur Selbstverständlichkeit geworden. Sie hat im zweiten Vatikanischen Konzil eine hervorragende theologische Grundlage mit dem Dokument „Nostra aetate“, „In unserer Zeit“, erhalten. Die Erklärung erkennt an, dass auch in außerchristlichen Religionen Wahrheit zu finden sei. Darüber sollten die Glaubensgemeinschaften mehr ins Gespräch kommen als über ihre Unterschiede, ohne sie zu verwischen. Das geschieht heute auf vielen Ebenen. Und es ist ein Grund dankbar zu sein, sich über das Gemeinsame zu verständigen und sich nicht aufgrund der Differenzen anzufeinden.

 

Dialog muss selbstverständlich sein

 

Bei einer Podiumsdiskussion zum 70jährigen Bestehen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit tauchte die Frage auf, über was man wohl beim 100jährigen Bestehen im Jahr 2048 sprechen würde. Eine Teilnehmerin sagte, am schönsten wäre es, wenn es dann die Gesellschaft gar nicht mehr geben müsste. Weil dann die Zusammenarbeit und der Dialog auf allen Ebenen von der Politik bis zu den Religionen selbstverständlich und der Antisemitismus hoffentlich auf der Müllhalde der Geschichte gelandet ist. An dieser Selbstverständlichkeit und diesem friedlichen Zusammenleben wollen auch das Katholische Medienhaus Sankt Michaelsbund und seine Redaktionen von der Zeitung bis zu Radio und Online ein kleines bisschen mitwirken.

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Zum Nachhören

Kommentar im Münchner Kirchenradio

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt 70 Jahre Israel

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