Passionsspiele Erl Viel Licht und kein Kunstblut

20.05.2019

Am kommenden Sonntag beginnen in Tirol die Erler Passionsspiele. Rund 500 der 1450 Einwohner Erls beteiligen sich aktiv an der Inszenierung.

Die Erler Kinder begleiten die Abendmahlszene als Chor.
Die Erler Kinder begleiten die Abendmahlszene als Chor. © Peter Kitzbichler/Passionsspiele Erl 2019

Erl – Langsam senkt sich ein Ring von der Decke des Erler Passionstheaters in Tirol herab. Auf die riesige Betonwand im Hintergrund ist das Bild einer Supernova im schwarzen Weltall projiziert. Der Jesusdarsteller steht im Zentrum des Rings und es schwebt ein zweiter, größerer herab. In dem freien Raum zwischen den beiden Ringen sind die Jünger, Jüngerinnen und Maria versammelt. Nach und nach kommen die anderen Mitwirkenden des Spiels in ihren historischen Kostümen auf die Bühne, die ungefähr so groß ist wie ein Tennisplatz. Sie gruppieren sich um die Ringe, die wie Tische im Zentrum stehen. Sie bleiben aber nicht allein, über die Gänge des Zuschauerraums kommen plötzlich Frauen und Männer hinzu: im T-Shirt, im Business-Kostüm, in Jeans, Menschen von heute also. Der Chor beginnt zu singen und der Jesusdarsteller hebt Brot und einen Kelch empor – ganz großes Religionskino.

Was Eucharistie bedeutet

Es sind Momente wie diese, die dem Zuschauer bei den Erler Passionsspielen den Atem stocken lassen. In einem einzigen Bild wird sichtbar, was Eucharistie bedeutet: Menschen aller Zeiten verbinden sich mit Christus und dem unendlichen Kosmos, der Kreis der Schöpfung schließt sich. Regisseur Markus Plattner genießt die Verblüffung der Probenzuschauer, weil es aufgeht, „etwas Theologisches, Philosophisches ohne große Worte auf die Bühne zu bringen und ein starkes Gefühl hervorzurufen“. Ein Stück „wie im Museum“ wollten er und vor allem die Erler selbst keinesfalls.

Alle sechs Jahre führt das Dorf an der bayerisch-tirolerischen Grenze mit seinen rund 1.400 Einwohnern ein Passionsspiel auf. Sie würden alle bequem in das eigens dafür gebaute Theater unweit des Inns passen, eines der größten Bühnenhäuser in Österreich. Weit über ein Drittel der Erler wirkt bis Anfang Oktober an den 32 Vorstellungen mit und pflegt die wohl älteste Passionsspieltradition im deutschsprachigen Raum. Seit 1613 ist sie belegt.

Ein Spiel, das gut tun soll

Wenn Jesus einen Besessenen heilt, ist das in Erl ein Börsenmakler im Anzug, der sich in der Welt der ständigen Gewinnmaximierung verloren hat und nach Erlösung schreit. Die Erler Passionsspiele 2019 sind von aktuellen Bezügen und einem zügigen Szenenwechsel geprägt, die dem Bühnengeschehen eine starke Dynamik und Wucht verleihen. Die Inszenierung verlässt sich, unter Verzicht auf gebaute Kulissen, vor allem auf eine intensive farbige Lichtgestaltung, eine emotionale Musik und den modernen Text des Tiroler Dramatikers Felix Mitterer. Der hebt nicht nur die Bedeutung Marias und der anderen Frauengestalten in der Passion hervor.

Die Jesus-Rolle ist mit erheblichen Strapazen verbunden.
Die Jesus-Rolle ist mit erheblichen Strapazen verbunden. © Peter Kitzbichler Passionsspiele Erl 2019

Christus drückt seine Ängste stärker als in anderen Passionsspielen aus. Dabei macht er deutlich, wie sehr ihn nicht nur sein eigenes, sondern jedes menschliche Leiden quält. Und wie sehr er diese Menschen liebt. Regisseur Plattner erkennt da auch einen Auftrag, „dass man die gesellschaftliche Verhärtung der vergangenen Jahre wieder ein bisserl aufmacht“. Die Erler Passion „ist ein Spiel der Liebe und das tut im Moment allen einfach gut, glaub ich“.

Zumindest die Menschen im Dorf schweißt das Spiel zusammen. Natürlich verändere sich das Miteinander, man achte vor den Passionsspielen wieder mehr aufeinander, Zwistigkeiten würden beigelegt, erzählen die Mitwirkenden. Selbstverständlich sind auch die Kinder dabei, etwa bei der großen Abendmahlszene und die Ölberg-Szene begleiten sie als Chor. Sie sollen schließlich einmal die Tradition weiterführen. Benedikt, Elisa und Jakob, alle zehn Jahre alt, wissen auch schon, welche Rollen sie einmal übernehmen möchten. Den Pilatus, „weil der so cool rumschreien darf“, Maria, „auch wenn das sehr schwer ist“ und Jesus, „denn der darf wieder von den Toten auferstehen“.

Inszenierung ohne Gruseleffekte

Die Jesus-Rolle ist allerdings mit erheblichen Strapazen verbunden. Die beiden aktuellen Jesusdarsteller Erwin Kronthaler und Florian Harlander, die sich bei den Aufführungen abwechseln, müssen sich mächtig anstrengen. 80 Proben liegen hinter ihnen, seit November wird im nicht beheizbaren Passionstheater geprobt. „Da hatten wir zwei Paar Socken an“, erinnern sich die beiden. „Körperlich richtig anstrengend“ ist es auch, das schwere Holzkreuz zu schleppen.

Dann ist die Bühne rot, grau oder in einem schmutzigen Gelb ausgeleuchtet. An der Wand ist ein großes Auge zu sehen. Es ist das Auge Gottvaters, der seinen Blick auch in der tiefsten Erniedrigung und Gewalt nicht abwendet und anwesend ist. Für die Darstellung dieses Leidens brauchen die Erler Passionsspiele nicht einmal Kunstblut. Auf diesen Grusel-Effekt am Kreuz verzichtet die Inszenierung. Ein solches Mittel hat sie gar nicht nötig, um die Zuschauer tief zu bewegen.

Die Erler Passionsspiele werden von Sonntag, 26. Mai, bis Samstag, 5. Oktober, aufgeführt. Die etwa dreistündigen Vorstellungen beginnen jeweils um 13 Uhr. Karten gibt es hier.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

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