Vielerlei Erwartungen

01.07.2017

Wolfgang Lehner ist Regens des Münchner Priesterseminars St. Johannes der Täufer. Für uns erklärt er, was man bei der Ausbildung junger Männer zu Priestern heutzutage besonders berücksichtigen sollte.

Priesterweihe 2016 im Freisinger Mariendom © Kiderle

„Wie bildest du die Seminaristen heute aus?“ So oder so ähnlich werde ich immer wieder gefragt. Würde ich auf alle Erwartungen eingehen, die heute an die Priesterausbildung herangetragen werden, so müsste nach der Feier der Priesterweihe die eierlegende Wollmilchsau aus dem Freisinger Dom herauskommen. Ein Kaplan soll mitreißend predigen und festliche Gottesdienste feiern können, er soll es mit den Pfarrgemeinderäten genauso gut können wie mit den Vereinen, er soll auf die Kinder und natürlich die Jugendlichen eingehen können, tolle Religionsstunden halten und eine begeisternde Ministrantenarbeit aufziehen, er soll im Seelsorgeteam genauso wertschätzend und kommunikativ sein wie mit den vielen Engagierten in den Pfarreien, er soll die Ehepaare genauso empathisch begleiten wie die Alten und Kranken, in der Ökumene genauso kreativ sein wie in der Sorge für die Fernstehenden; schließlich soll er sich mit dem Bürgermeister genauso auf Augenhöhe unterhalten können wie mit dem Obdachlosen an der Haustür. Nicht zu vergessen die Beerdigungen, Taufen und Kommunionfeiern, die der Kaplan selbstverständlich einfühlsam, persönlich, witzig und charmant gestaltet. Dass er ein Beter sein soll, wird von eher ganz wenigen erwartet.

„Wie bildest du die Seminaristen heute aus?“ Trotz aller Erwartungen: Wir brauchen keine eierlegenden Wollmilchsäue, sondern Menschen auf zwei Beinen. Und das im wahrsten Sinn des Wortes – genauer gesagt: mit einem Standbein und einem Spielbein.

Mit dem Standbein meine ich: Priester brauchen eine Identität als Mensch, als Mann, als Priester in der Kirche. Sie müssen menschlich reif sein: Sie müssen sich selbst kennen – ihre Stärken und Schwächen, ihre inneren Mechanismen und Gefahren. Sie müssen im Umgang mit anderen reif sein: Sie müssen auf Menschen zugehen, sie aber auch wieder loslassen können; sie müssen sehen und erkennen, was die Menschen von ihnen brauchen – und was sie geben können und was nicht. Sie müssen in einem bewährten Glauben leben, der nicht vorrangig der Befriedigung eigener Bedürfnisse dient; sie müssen in einer beständigen Beziehung mit Christus leben, der Priester in seiner Kirche beruft. Priester müssen wissen, wer sie sind: Sie sollen Christus darstellen und seinem Tun ein Gesicht geben. Priester brauchen einen Stand nicht im Sinn eines spätfeudalen Standesdenkens, sondern im Sinn eines demütigen, aber doch klaren Selbstbewusstseins.

Wer auf einem festen Standbein steht, der hat Kräfte frei für sein Spielbein. „Wie bildest du die Seminaristen heute aus?“ Mit dem Spielbein meine ich die Fähigkeit, sich in unterschiedlichen Situationen zurechtzufinden: Natürlich werden die Neupriester zunächst als klassische Kapläne in Pfarrverbänden und Stadtkirchen ihren Dienst tun. Aber nicht erst das Thema „Leitungsmodelle“ zeigt, dass wir längst in einer Experimentierphase künftiger kirchlicher Gestalt sind.


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