Jahrespressekonferenz der Caritas Vielfältige Problemlagen

17.07.2019

Der Diözesan-Caritasverband hat seinen Rechenschafts- und Geschäftsbericht für 2018 präsentiert. Warum Caritasdirektor Falterbaum dabei eine „gemischte sozialpolitische“ Bilanz zog, lesen Sie hier.

Der Caritas Vorstand (von links): Thomas Schwarz, Direktor Georg Falterbaum und Gabriele Stark-Angermeier
Der Caritas Vorstand (von links): Thomas Schwarz, Direktor Georg Falterbaum und Gabriele Stark-Angermeier © Kiderle

München – „Wir leben Vielfalt. Vielfalt ist die DNA der Caritas, ein Schlüsselwort, das sich durch alle Bereiche zieht: Mitarbeiter, Klienten, Angebote, Herkunft, Lebensformen, spirituelle oder sexuelle Orientierung“, erklärt Diözesan-Caritasdirektor Georg Falterbaum zum Auftakt der diesjährigen Jahrespressekonferenz des katholischen Wohlfahrtsverbands. Und um diesen Worten auch den notwendigen sichtbaren Ausdruck zu verleihen, ist man heuer zur Präsentation des Geschäfts- und Rechenschaftsberichts des Vorstands auch nicht in der Caritaszentrale an der Hirtenstraße unweit des Hauptbahnhofs geblieben, sondern traf sich im Alten- und Service- Zentrum (ASZ) an der Hans-Sachs-Straße im Glockenbachviertel.

Dort, im traditionellen Quartier der Schwulen und Lesben Münchens, setzt man sich bereits seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit speziellen Angeboten für homosexuelle Menschen ein, anfangs auch gegen erhebliche Widerstände, wie Zentrumsleiter Jens Dietrich erläutert. „Das war damals nicht ganz einfach zu kommunizieren“. So gibt es zum Beispiel eine „bunte Runde“, einen Treff, bei dem sich Menschen jeder geschlechtlicher Orientierung begegnen und austauschen können. Heute ist dieser regenbogenfarbene Arbeitsschwerpunkt längst ein geschätztes Spezifikum der katholischen Einrichtung, um alle Menschen des Quartiers zu integrierten und zu verbinden. Ein augenfälliges Zeichen für die eingangs von Falterbaum zitierte Vielfalt. Vielfältig sind auch die Problemlagen, die Falterbaum und seine Vorstandskollegen Gabriele Stark-Angermeier und Thomas Schwarz bei ihren jeweiligen Rechenschaftsberichten darlegen.

"Wir sind enttäuscht"

Für das vergangene Jahr zieht der Diözesan-Caritasverband eine „gemischte sozialpolitische“ Bilanz. Einerseits schätze man es, dass der neue Sozialhaushalt in Bayern um etwas 20 Prozent wachse. Jedoch: „Wir sind enttäuscht, dass viele Versprechen, die im Vorfeld der bayerischen Landtagswahl gegeben wurden, dann leider nicht umgesetzt und gehalten wurden“, bemängelt der Caritasdirektor. Das Sonderinvestitionsprogramm, mit dem große, komplexe Einrichtungen der Behindertenhilfe in kleine, flexible Wohneinheiten umgewandelt werden sollen, sei erheblich zusammengestrichen worden: „400 Millionen Euro waren für 20 Jahre versprochen, macht durchschnittlich 20 Millionen pro Jahr. Aber nur fünf Millionen Euro pro Jahr sind im Staatsetat eingestellt“, rechnet er vor. Man wolle das Thema zeitnah mit Sozialministerin Kerstin Schreyer (CSU) erörtern, kündigt Falterbaum an.

Unverändert hoch seien Armut, Wohnungs- und Personalnot. „Wohnen ist die soziale Frage des Jahres. Sozialer Wohnungsbau ist für uns als sozialer Dienstleister eine unverzichtbare Forderung – für die Armutsarbeit, für die Wohnungslosen- und Eingliederungshilfe, für die Integrationsarbeit von Menschen mit Behinderungen und Migranten, für die ganze Stadtgesellschaft.“

Digitales Klassenzimmer

Weiterer Schwerpunkt: die Digitalisierung in Pflege und Bildung. „Robotische Assistenzsysteme, digitale Pflegedokumentation oder der Hausnotruf sind Beispiele, wie Digitalisierung den Alltag in der sozialen Arbeit verändert und bereichert. Moderne Technologien sollen Pflegebedürftige unterstützen. Sie sollen Fachpersonal entlasten, nicht ersetzen.“ Zudem müssten die Technologien ethisch vertretbar sein. „Ich appelliere an die Politik: Vernachlässigt nicht die Schulen der beruflichen Bildung“, fordert Falterbaum in Bezug auf das digitale Klassenzimmer sowie Fortbildungen und Schulungen des Lehrpersonals an den Caritas-Schulen. In Pilotprojekten von Kindergärten teste man den Einsatz neuer Medien und führe Kinder dosiert und unter medienpädagogischer Begleitung an Tablet und Co heran (wir berichteten). So solle schon im frühkindlichen Alter die Medienkompetenz gestärkt werden.

Solide Zahlen präsentiert Thomas Schwarz, Vorstandsmitglied für Wirtschaft, Behindertenhilfe und Bildung: Man habe auch im Geschäftsjahr 2018 einen Jahresüberschuss von rund 417.000 Euro erwirtschaftet. Das sind zwar gut 1,7 Millionen Euro weniger als im Vorjahr, dennoch konnte bei einer Bilanzsumme von 438 Millionen Euro ein ausgeglichenes Ergebnis erzielt werden. „Da viele unserer Angebote nicht ausreichend oder teils gar nicht refinanziert sind, ist dies sehr beachtlich.“ Der Gesamtumsatz liegt bei 451 Millionen Euro. Die betrieblichen Erträge sind um knapp 15 Millionen Euro gestiegen – ursächlich hierfür sind vor allem höhere Entgelte sowie die Übernahme von Einrichtungen.

Personalkosten gestiegen

„Der höchste Posten in unserer Gewinn- und Verlustrechnung sind die Aufwendungen für Personal. Im Vergleich zu 2017 sind sie um 4,2 Prozent angestiegen, insbesondere durch die Personalzunahme um 149 Vollzeitstellen und die Tariflohnerhöhung um durchschnittlich rund drei Prozent zum 1. Juni 2018.“ Mit 350 Einrichtungen, über 9.000 Mitarbeitenden und 68.000 Klienten im Jahr ist die Caritas der größte Wohlfahrtsverband in Oberbayern. Schwarz dankte der Erzdiözese München und Freising für die Unterstützung in Höhe von rund 32 Millionen Euro im Jahr 2018. Zudem hätten Spenden, Erbschaften und Caritassammlungen von rund 13,3 Millionen Euro (Vorjahr 8,4 Millionen) die Arbeit in Einrichtungen und Diensten unterstützt, die keine ausreichende öffentliche Förderung erhielten.

Das Thema Armut beschäftige die Arbeit immer intensiver, erläutert Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier, die für Altenhilfe, Soziale Dienste und Personal zuständig ist. Wie Falterbaum sieht sie das Thema „Wohnen“ als immer stärker werdenden Armutsfaktor. Rund 5.000 Menschen suchen jährlich die Armutsberatung auf, 6.000 die Schuldnerberatung. An 22 Tischen und Tafeln werden rund tausend Berechtigte mit Lebensmitteln versorgt. Doch man wolle mehr: „Grundsätzlich geht es uns darum, Menschen zu befähigen, wieder an Gesellschaft und am Arbeitsmarkt teilhaben zu können.“

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de


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