Spendensammlung "Adventrufe" Vielleicht noch einmal das Meer sehen

09.12.2018

Maria stürzte im Bad und lag stundenlang hilflos am Boden. Mehrmals musste sie operiert werden, die Schmerzen blieben. Wenn es mal ganz schlimm wird, träumt sie sich einfach weg - in ihre Heimat.

Symbolbild © pololia – stock.adobe.com

München – Wie klein und dünn ihre Finger sind. Als Maria (Name geändert) mir die Hand zur Begrüßung gibt, zittert sie ein wenig. Es ist nicht kalt an diesem Herbsttag, an dem wir uns im Caritas Alten- und Servicezentrum Au in München verabredet haben. Trotzdem trägt Maria eine dicke, wattierte Jacke und einen riesengroßen Schal und verschwindet beinahe unter diesen Stoffungetümen. Erst als sie die Straßenkleidung ablegt, und wir in einem hellen Raum mit bodentiefen Fenstern Platz nehmen, kann ich die Frau so richtig erkennen.

Während sie versucht, die Kälte aus ihren Fingern zu reiben, lächelt sie ein Lächeln, das wenig mit Freude, dafür umso mehr mit Unsicherheit zu tun hat. Mir gegenüber sitzt ein Mensch, der es nicht gewohnt ist, dass Augen auf ihn gerichtet sind. Maria gehört zu denen, die man leicht übersieht, und das ist ihr vermutlich auch ganz recht so. Dass jemand gekommen ist, um sie nach ihrem Leben zu befragen, das ist ihr nicht geheuer, aber weil sie eine ist, die Erwartungen erfüllt, beginnt sie schließlich doch zu erzählen.

Sie hat sich durchgebissen

In Italien geboren, ist die heute 72-Jährige schon als ganz junges Mädchen mit ihrem Mann nach Deutschland gekommen. Sie hat nicht viel gefragt damals, sondern getan, was eine Ehefrau in ihren Augen zu tun hatte: dem Mann folgen. Die Anfänge in Deutschland waren nicht leicht, aber Maria ist eine Zähe und hat sich durchgebissen. Trotz fehlender Berufsausbildung und mangelhafter Sprachkenntnisse hat sie schnell Arbeit in der Gastronomie gefunden. Im Laufe der Jahre hat Maria zwei Kinder zur Welt gebracht, und weil ihr Mann nach und nach Probleme mit dem Alkohol bekommen hat, war sie es, die das Geld für den Lebensunterhalt der Familie verdient hat.

Auf den Mann war kein Verlass

Sie hat als Küchenhelferin gearbeitet, als Putzfrau und im Versandhandel. Wenn irgendwo Entlassungen anstanden, war sie eine der Ersten, die es erwischte. Auf den Gedanken, sich gegen eine Kündigung zu wehren, ist die Frau mit den großen, dunklen Augen nie gekommen. „Ich habe mir halt eine neue Stelle gesucht“, sagt sie tonlos. Zuhause hat sie sich um die Kinder und den Haushalt gekümmert, auf den Mann war kein Verlass.

Eines Tages hat er ihr eröffnet, dass er so nicht weiterleben, sondern stattdessen die Scheidung wolle. Mutmaßlich war eine andere Frau es, die Marias Mann zu diesem Schritt bewogen hat. Aber auch jetzt hat sie geschwiegen und sich in ihr Schicksal gefügt. „Mir waren einfach die Kinder wichtig, dass sie eine gute Schulausbildung bekommen“, ezählt Maria und ihr Blick bleibt dabei lange im Leeren hängen. Während sie von der einen Tochter mittlerweile schon seit Jahren nichts mehr gehört hat, kümmert sich die andere, so gut es geht, um die Mutter. Leider wohnt die junge Frau, die eine eigene Familie hat, weit weg, und so sind Besuche in München auch nur sehr selten. „So lange es den Mädchen gut geht, bin ich zufrieden“, erklärt Maria.

Adventrufe

In der Vorfreude auf Weihnachten und in den besinnlichen Stunden wird besonders deutlich, dass Krankheit, Armut und Schicksalsschläge selbst vor der „staaden Zeit“ nicht Halt machen. Die Münchner Kirchenzeitung stellt auch heuer wieder Menschen vor, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Um Familien, Frauen, Männern und Kindern in großen Notlagen gezielt helfen zu können, bitten Caritas und Münchner Kirchenzeitung auch dieses Jahr wieder um Spenden für die Aktion „Adventrufe“.

Wenn Sie helfen möchten, können Sie spenden unter dem Stichwort „Adventruf 2018“ auf folgendes Konto des Caritasverbandes der Erzdiözese bei der Liga-Bank München:
IBAN: DE 53 7509 0300 0002 2977 79
BiC: GENODEF1M05

Darüber, dass es ihr selbst alles andere als gut geht, spricht sie nur sehr zögerlich. Maria leidet unter Morbus Crohn. Das ist eine chronische Entzündung des Darms. Die war auch schuld daran, dass sie, die ihr Leben lang gearbeitet hat, ihre Arbeitsstelle verloren hat. Lange, viel zu lange hatte sie damals versucht, ihre Krankheit geheim zu halten. Ist zum Dienst erschienen, obwohl ihr Körper längst nicht mehr konnte. Zu groß war ihre Angst vor einem Rauswurf und dem Verlust ihrer Lebensgrundlage. Bis es eines Tages nicht mehr ging. „Ich hatte solche Schmerzen“, erinnert sie sich. Mehr will sie dazu auch gar nicht sagen.

Seit dieser Zeit lebt Maria in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung. Die alte Wohnung war ohnehin zu groß und vor allem zu teuer geworden, seit sie von Grundsicherung leben muss. Abgesehen von einer „ganz lieben Nachbarin“ hat sie keinerlei Kontakte. Die war es auch, die Maria gefunden hat, als sie Anfang des Jahres in ihrem Bad gestürzt war und stundenlang hilflos am Boden gelegen hatte. „Ich konnte mich einfach nicht mehr bewegen“, berichtet Maria. Was für ein Glück, dass sie ihrer Bekannten schon vor einiger Zeit den Wohnungsschlüssel überlassen hatte.

Komplizierte Brüche

Im Krankenhaus musste Maria immer wieder aufs Neue operiert werden. Die Brüche in den Beinen erwiesen sich als so kompliziert, dass es trotz vieler Anstrengungen nicht möglich war, die Verletzte wieder ganz zu heilen. Geblieben sind bis heute Schmerzen in der Hüfte und im Oberschenkel.

Besonders bei kalter Witterung ist es für Maria sehr mühsam, das Haus zu verlassen, um ihre täglichen Besorgungen zu erledigen. „Aber“, winkt sie ab, „so lange ich mich noch selbst versorgen kann, will ich mich nicht beschweren.“ Außerdem ist sie sehr froh und dankbar, dass man sich im Caritas Alten- und Servicezentrum so fürsorglich um sie kümmert. Zwei Mal in der Woche bekommt Maria hier nicht nur ein warmes Mittagessen, sondern kann sich auch mit anderen austauschen. Und wenn es doch wieder einmal ganz schlimm wird, dann träumt sie sich einfach weg. Macht die Augen zu und denkt an Italien, an das Meer und die Sonne und die Wärme. „Ja, noch einmal das Meer sehen ...“, sagt sie und senkt gleich daraufhin ihren Blick. Wünsche haben und sie dann auch noch laut aussprechen, das gesteht Maria sich nicht zu.

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Die Autorin
Susanne Holzapfel
Münchner Kirchenzeitung
s.holzapfel@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Adventrufe

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