Corona und Digitalisierung "Viereckige Augen" im Lockdown

16.02.2021

Während Corona verbringen viele Menschen mehr Zeit vor diversen Bildschirmen. Ralf Hermannstädter von der Caritas-Fachambulanz für junge Suchtkranke erklärt, was man tun kann, um nicht in eine schleichende digitale Abhängigkeit zu rutschen.

Mann mit Weinglas in der Hand steht vor Laptop
Bevor wir ungewollt in den nächsten Fernseh- oder Streaming-Marathon hineinrutschen, empfiehlt der Caritas-Suchtexperte Ralf Hermannstädter, den Prozess bewusst zu unterbrechen und die Glotze auszuschalten oder den Laptop zuzuklappen. © Zoran Zeremski - stock.adobe.com

München - Die Corona-Pandemie hat unser Leben in vielen Bereichen verändert. Die Digitalisierung – beispielsweise in der Arbeitswelt – hat enorm an Tempo gewonnen, mit der Folge, dass wir deutlich mehr Zeit vor diversen Bildschirmen verbringen, als das vor Corona der Fall war: Egal, ob die Videokonferenz am Laptop, das Homeschooling für die Kinder oder der Netflix-Abend zur Entspannung – alles findet online und entsprechend also vor dem Bildschirm statt. Viele haben diese digitale Dauernutzung zwar satt, sehen darin aktuell aber die einzige Möglichkeit, aus dem Lockdown auszubrechen. Was also tun, wenn wir alle nicht bald mit viereckigen Augen durch die Gegend laufen wollen?

Ralf Hermannstädter vom Therapieverbund Sucht der Caritas in der Erzdiözese rät dazu, sich stets bewusst zu machen, „was man tut, und zwar bevor man es tut“. Also ehe wir das nächste Mal aus Gewohnheit zum Handy greifen und endlos durch Apps wie Instagram, Facebook oder Twitter surfen, sollten wir uns die Frage stellen, was wir eigentlich nachschauen oder damit bezwecken möchten. Eine missbräuchliche Befriedigung unseres „Belohnungssystems“ im Gehirn liege vor allem dann vor, wenn sie unbewusst und automatisiert ablaufe, erläutert der Leiter der Caritas-Fachambulanz für junge Suchtkranke. Dies könne dazu führen, dass man mit der Zeit „abstumpft“ und sich trotz stundenlanger Beschäftigung ein Gefühl der Leere breitmache, das nach einem erneuten, umso größeren Reiz verlange.

Wie stark ist mein Drang, weiterzuschauen?

Bevor wir etwa ungewollt in den nächsten Fernseh-Marathon hineinrutschen und uns bei einer TV-Serie von Folge zu Folge leiten lassen, empfiehlt Hermannstädter, den Prozess bewusst zu unterbrechen und die Glotze auszuschalten oder den Laptop zuzuklappen. „Einfach mal beobachten: Was passiert dann mit mir? Warum zögere ich? Wie stark ist mein Drang, weiterzuschauen?“, schlägt der Experte vor. Dabei gehöre durchaus Überwindung dazu, eine solche Selbstbeobachtung vorzunehmen.

Gerade die Zeit des Lockdowns ohne die vielen gewohnten Freizeitverpflichtungen eigne sich dazu, alternative Beschäftigungsmöglichkeiten auszuprobieren. Nach dem Motto: Was wollte ich denn schon immer mal machen? „Man könnte zur Ruhe kommen, vielleicht ein Bild malen, oder, wenn ich schon ein YouTube-Video schaue, warum nicht ein Meditationsvideo?“, schlägt Hermannstädter vor.

Die Kirche im Dorf lassen

Aber der Sozialpädagoge und Suchttherapeut gibt auch Entwarnung, empfiehlt die Kirche im Dorf zu lassen. „Man braucht nicht immer gleich von Sucht zu sprechen, wenn ich mal über die Stränge schlage.“ Die eine oder andere Filmnacht auf der Couch beispielsweise sei noch kein Grund zur Besorgnis. „Gerade wenn es der aktuellen Situation geschuldet ist, kann man das für sich auch mal so akzeptieren“, meint Hermannstädter.

Hat man trotzdem das Gefühl, dass sich das eigene Konsumverhalten in eine falsche Richtung entwickelt, so gibt es laut dem Caritas-Fachmann einige Kriterien, anhand derer man überprüfen kann, ob vielleicht ein Suchtverhalten vorliegt. Kann man etwa einen Kontrollverlust bei sich feststellen, vernachlässigt man andere alltägliche Aufgaben und gibt man sich wiederholt einer Tätigkeit hin, obwohl man weiß, dass sie einem nicht gut tut, dann spricht viel für eine Sucht. In so einem Fall kann man sich dann in der CaritasFachambulanz für junge Suchtkranke bei Hermannstädter und seinem Team Hilfe holen.

Die Caritas-Fachambulanz für junge Suchtkranke München (Arnulfstraße 83/3. Stock) ist zu erreichen unter Telefon 089/724499300 oder per E-Mail an: suchtambulanzm@caritasmuenchen.de. Nähere Informationen gibt es auch auf der Internetseite der Suchtambulanz.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

Das könnte Sie auch interessieren

© Malteser Erzbistum München und Freising

Amtsantritt in der Krise

Die freiwilligen Helfer sind das Rückgrat der Malteser. Die neue Diözesanoberin Pilar zu Salm muss diesen Schatz sicher durch die Pandemie lotsen.

18.02.2021

Frau in grüner Wiese
© drubig-photo - stock.adobe.com

Sehnsucht nach Lebendigkeit

Einschränkungen, Verzicht, Stagnation - Nach einem Jahr mit Corona ist der Hunger auf Aktivität groß. Keine Pandemie kann diese Sehnsucht zerstören.

18.02.2021

Frau allein am Sofa
© leszekglasner - stock.adobe.com

Wie kommt man in Corona-Zeiten mit sich selbst klar?

Lockdown, Home-Office, Kontaktbeschränkungen - In der Zeit der Pandemie ist man auf sich selbst zurückgeworfen. Berater und Seelsorger Walter Lübbe gibt Tipps für einen Umgang damit.

08.02.2021

© Privat

Mehr Zuwendung, weniger Management

Ein Jahr Corona hat auch das Leben der Senioren in den Heimen stark verändert: wir haben zwei Seelsorgerinnen gefragt, mit welchen Herausforderungen sie sich konfrontiert sehen.

05.02.2021

Plakat auf einer "Querdenker"-Demonstration gegen Corona in Lauf an der Pegnitz am 31. Januar 2021.
© IMAGO/IPA Photo

Verschwörungstheoretiker suchen nach einfachen Antworten

Anna-Sophia Birzele berichtet von ihrer Arbeit als Psychologin im Fachbereich Weltanschauungsfragen des Erzbistums München und Freising. Dort berät sie auch Angehörige von Verschwörungstheoretikern.

02.02.2021

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren