Bergsteigen und Spiritualität Vom Kreuz umarmt

11.11.2020

Ludwig Watteler ist Fotograf, Bergwanderführer beim Deutschen Alpenverein und Leiter spiritueller Bergtage für das Erzbistum München und Freising. Besonders fasziniert ist er von Gipfelkreuzen, denen er aktuell ein Fotoprojekt widmet.

Ludwig Watteler mit Gipfelkreuz
Ludwig Watteler demonstriert, wie er sich vom Gipfelkreuz manchmal regelrecht "umarmt" fühlt. © Joachim Burghardt

Wenn ich von all den Eindrücken, die mir von der Bergtour mit Ludwig Watteler in Erinnerung geblieben sind, einen herausgreifen müsste, wäre das wohl sein Lachen. Ein frisches, jugendliches Lachen, das beweist, dass man nicht nur – wie es so oft geschieht – über Witziges und Albernes, aus Spott, Verlegenheit oder Ironie lachen kann, sondern aus purer Freude. Freude über den wiedergefundenen Pfad nach einer schwierigen weg- losen Passage, Freude über die Ankunft am Gipfel – einfache Dinge, die beim Bergsteigen von großem Wert sind.

Watteler hat ein kaum bekanntes, schwierig zu erreichendes Ziel in den Schlierseer Bergen ausgesucht. Unterwegs stellen wir fest, dass gar nicht viele Worte nötig sind, um gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zu spüren. So sind es tatsächlich auch die Phasen des Schweigens, die zu den starken Momenten unserer Begegnung zählen. Am Gipfel angekommen, werden erst einmal Fotos gemacht. Dann setzen wir uns ins Gras, holen die Brotzeit heraus und reden zwei Stunden lang über Gott und die Welt.

Multitalent mit vielen Interessen

Watteler ist vielseitig aktiv: Nach einem Berufsleben als Fotograf widmet sich der 65-Jährige heute künstlerischen Arbeiten zum Thema Mensch, Tier und Natur, darunter auch seinem Fotoprojekt „Gipfelkreuze“ (siehe seine Homepage www.photographien.de). Zudem ist er als Anerkannter Systemaufsteller (DGfS), als Wander- und Schneeschuhtourenführer für den Deutschen Alpenverein, als Leiter von spirituellen Bergtagen für das Erzbistum München und Freising und als Entspannungstrainer tätig. In allem ist es ihm ein Anliegen, anderen etwas zu geben: Rat, Anleitung, Hilfe, Inspiration, ein offenes Ohr.

Auf die religiöse Prägung der Kindheit angesprochen, erzählt der gebürtige Rheinländer vom Einfluss der streng katholischen österreichischen Mutter und der Pfarrei in der Nähe von Köln. Es waren Zeiten, in denen es noch kein Skandal war, wenn der Priester auch mal Ohrfeigen verteilte. Als der zwanzigjährige Watteler anregte, zum bislang rein männlich-katholischen Pfingstlager der Pfadfinder auch Mädchen, Mitglieder der Arbeiter-Wohlfahrt und behinderte Kinder einzuladen, sei er beim Pfarrgemeinderat auf Empörung und Ablehnung gestoßen. Sein „integratives“ Pfingstlager habe er zwar dennoch verwirklichen können, und es sei ein Riesenerfolg gewesen, doch trotzdem sei er auch danach respektlos behandelt worden – er war eben nicht auf Linie.

Verbunden sein und geführt werden

Später waren es verschiedene Erfahrungen in Beruf und Privatleben, die in ihm zunehmend das Bedürfnis wachsen ließen, sich „dem Wesentlichen im Menschen“ zuzuwenden. „Was ist das Wesentliche?“, frage ich. „Menschlichkeit“, sagt er, „und das große Ganze“. Auf die Frage, wie er seinen Glauben beschreiben würde, denkt mein Gesprächspartner schweigend nach. Ich bin kurz irritiert davon, dass er – nicht zum ersten Mal an diesem Tag – vermeidet, Gott beim Namen zu nennen oder sich als Christen zu bezeichnen. Doch dann verstehe ich, dass das kein Ausdruck von Ungläubigkeit ist, sondern dass er Gott und sich selbst nicht auf bestimmte Begrifflichkeiten festlegen möchte – vielleicht auch, um sich von einer christlichen Oberflächlichkeit und Engstirnigkeit, denen er wiederholt begegnet ist, indirekt zu distanzieren. Stattdessen beschreibt Watteler mit eigenen Worten, was er fühlt: „Für mich ist Glaube Vertrauen. Ich vertraue darauf, dass alles gut ausgeht. Ich erlebe immer wieder Momente des Verbunden-Seins, des Geführt-Werdens.“

Auch ein Gipfelkreuz, das er fotografiert, versteht er als einen Ausdruck der Verbundenheit, als ein Symbol, das auf die Vereinigung von Himmel und Erde verweist. Für Watteler ist vor allem jener Augenblick von Bedeutung, in dem er beim Aufstieg das Kreuz zum ersten Mal vor sich sieht – ein spiritueller Moment, in dem sich „ein Raum öffnet“. Manchmal fühle er sich vom Kreuz begrüßt, ja regelrecht umarmt: „Da breitet jemand die Arme für mich aus.“

Dunkle Erinnerungen und neue Fragen

Über den Tod und das Danach macht sich der 65-Jährige kaum Gedanken, und er vermutet, durch zu häufiges Nachdenken über das eigene Ableben selbiges sogar zu beschleunigen. Stattdessen beschäftigt ihn noch immer der lang zurückliegende Tod des Vaters: Gerade in München sesshaft geworden, fiel dem jungen Ludwig eines Morgens beim Lesen von Sterbeanzeigen in der Zeitung ein, dass er dringend wieder einmal mit seinem Vater reden müsse – doch noch am selben Tag erhielt er die Nachricht von dessen überraschendem Tod und litt lange darunter, keine Gelegenheit zum Abschied gehabt zu haben. Nach dieser Geschichte schweigen wir und schauen in die Ferne – ich ahne, dass Ludwig Watteler in seinem Lebensrucksack noch heute etwas von dieser Last trägt.

Als wir im goldenen Nachmittagslicht wieder absteigen, gehen mir viele Gedanken durch den Kopf: Ist das Christsein auch eine Sache des Bekenntnisses oder nur der Tat? Gebe ich dem Wesentlichen in meinem Leben genug Raum? Gibt es zwischen mir und einer nahestehenden Person Ungeklärtes, das dringend zu klären wäre, solange es möglich ist? Am Ende des Tages aber lösen sich alle Fragen zu einer positiven Aussage auf, mit der Ludwig Watteler sein Bergerleben in Worte fasst: „Im Stillen sage ich Danke für das, was uns geschenkt wird.“ Wobei der stille Dank immer dann, wenn die Freude besonders groß ist, gern von einem herzlichen Lachen unterbrochen werden darf.

Der Autor
Joachim Burghardt
Redakteur bei der Münchner Kirchenzeitung
j.burghardt@muenchner-kirchenzeitung.de


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