Bildhauer Oswald Senoner Vom Nachbilden alter Meister

06.10.2016

Er restauriert für Kirchen, Schlösser oder Museen – und ist selbst ein Meister. Welche bedeutenden Werke Oswald Senoner ergänzte und kopierte, lesen Sie hier.

Oswald Senoner in seiner Werkstatt © Irgens-Defregger

Eurasburg – Ist die Allegorie der Gartenkunst auf dem Holzrelief für das riesige Ostportal des Neuen Schloss Schleißheim nun ein Original oder ist sie eine Kopie? Wäre das Original von Ignaz Günther nicht so verwittert, würden einem vermutlich die Unterschiede zu der rund 350 Jahre später entstandenen, werkgetreuen Kopie nicht so leicht ins Auge springen. Denn Bildhauer Oswald Senoner, der die Tafel neu erschaffen hat, ist ein Meister seiner Zunft. Mit großem Gespür für die alten Meister hält Senoner auf besondere Art Vergangenes lebendig.

Bei seinem Großauftrag der beiden riesigen Türportale für Schloss Schleißheim bewegt sich der Künstler erstmals im Spannungsfeld zwischen künstlerischer Interpretation und Hightech. Die Schnitzarbeiten des Rokokobildhauers wurden berührungsfrei in 3D gescannt, bevor mit CNC-Fräsmaschinen Rohlinge erstellt wurden, die anschließend in klassisch bildhauerischer „Handarbeit“ von Senoner bearbeitet wurden.

Etwas Schönes hervorbringen

Insgesamt 35 Jahre ergänzte und kopierte Oswald Senoner als reproduzierender Künstler für die Bayerische Schlösserverwaltung bedeutende Werke der Kunstgeschichte, darunter Heiligenfiguren, antike Göttergestalten, Tierplastiken und ornamentales Schmuckwerk wie für die Münchner Residenz, das alte Rathaus, den Friedensengel, die Blutenburger Schlosskirche oder Burg Trausnitz. Die Handschrift von Künstlergrößen wie Erasmus Grasser, Christian Jorhan oder François de Cuvilliés ahmte er nach. Die eigene Kreativität wurde so auf die Kunstinterpretation verlagert.

Der Künstler blickt zufrieden zurück. „Als kleiner Teil des Ganzen etwas Schönes hervorbringen,“ darum gehe es. Nie hat der vor 66 Jahren geborene Südtiroler, der in seiner Heimatstadt Gröden eine Bildhauerlehre absolviert hat, die ihn über Oberammergau nach München führte, sich ein anderes Metier vorstellen können.

Beruf in die Wiege gelegt

Das Bearbeiten von Holz wurde ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater, gelernter Schreiner, betätigte sich als Schnitzer und schuf neben kleinen Heiligenfiguren auch große Feldkreuze. Auch seine Mutter, gelernte Fassmalerin und Vergolderin, hat an dieser alten Handwerkstradition des in den Dolomiten gelegenen Grödnertales festgehalten. Bereits im 17. Jahrhundert wurde in seiner ladinischen Heimat der Startschuss zum Holzschnitzhandwerk gegeben. Um ihr Einkommen aufzubessern, waren die Bauern in den Wintermonaten in der Holzindustrie tätig. „Damals war jedes Haus in die Handwerkstradition eingebunden“, sagt Senoner mit ladinischem Zungenschlag. Die Kunstakademien in München und Wien waren bei den Grödner Holzschnitzern attraktive Ausbildungsstätten. In ihre Heimat zurückgekehrt, begründeten die akademisch geschulten Grödner ihre führende Stellung in der sakralen Holzschnitzkunst.

Es war ein Zeitungsbericht, der den jungen Künstler und Absolventen der Münchner Kunstakademie Oswald Senoner auf die Restaurierungsmaßnahmen in der Münchner Residenz aufmerksam machte. Ab diesem Moment war für ihn sein zukünftiges Berufsbild klar. Er bewarb sich bei der Bayerischen Schlösserverwaltung –mit Erfolg. Sein erstes Werk: Zeichnen und Modellieren der filigranen Ornamente für das Miniaturenkabinett in der Münchner Residenz. Eines seiner schönsten Stücke: die Rekonstruktion des heiligen Florian, jener mannshohen Brunnenfigur von Christian Jorhan dem Älteren, die jetzt als Kopie den Innenhof der Burg Trausnitz in Landshut schmückt.

Katholisch erzogen

Nun ist Senoner im Ruhestand. Von Ausruhen ist aber keine Rede. Im Gegenteil: Seine alte Werkstatt hat er von den ehemaligen Stallungen in Schloss Nymphenburg ins Münchner Umland mitgenommen. Von der Werkstatt blickt er nun auf den Hohenpeißenberg. Für den Vater von zwei Kindern, der mit einer Gemälde-Restauratorin verheiratet ist, spielt Musik auch eine große Rolle. Senoner, der im katholischen Glauben erzogen wurde, Ministrant war und auch einmal mit dem Beruf des Priesters liebäugelte, singt in zwei Kirchenchören.

Wer eines seiner Werke sehen will, besucht am besten die Orangerie im Englischen Garten. Dort steht am Eingang eine Bronzebüste des Gartenarchitekten Friedrich Ludwig von Sckell, die Senoners eigene Künstlerhandschrift zeigt. (Angelika Irgens-Defregger)

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