Ein Jahr in Tansania Vom Priesterseminar nach Afrika

27.06.2018

Nach Tansania zu gehen, wäre Robert Seiler früher ebenso wenig in den Sinn gekommen, wie Geistlicher zu werden. Doch nun verbringt der Priesteramtskandidat sein Freijahr in dem ostafrikanischen Land.

Robert Seiler (25) hilft von Oktober 2018 bis Juni 2019 in der Krankenhausseelsorge in Tansania mit.
Robert Seiler (25) hilft von Oktober 2018 bis Juni 2019 in der Krankenhausseelsorge in Tansania mit. © SMB/Schlaug

Als er vor vier Jahren zum ersten Mal gefragt wurde, ob er sich vorstellen könnte, Priester zu werden, verneinte Robert Seiler energisch. Das sei absolut kein denkbarer Weg für ihn. Ähnlich hatte der Wasserburger ein paar Jahre zuvor reagiert, als er in seiner katholischen Studentenverbindung, der K.St.V. Albertia, einen Priesteramtskandidaten aus Regensburg kennenlernte. „Wie kannst du in so jungen Jahren so etwas Veraltetes machen?“, hatte er seinen Bundesbruder damals gefragt.

Dabei stammt Robert Seiler aus einer katholischen Familie, in der es selbstverständlich war, gemeinsam zu beten und sonntags in die Kirche zu gehen. Aber zu diesem Zeitpunkt studierte er an der Hochschule München Physikalische Technik und wollte Patentanwalt werden – ihn lockten das damit verbundene Gehalt und Ansehen. Die Kanzlei, bei der er als Werkstudent arbeitete, hatte ihm bereits eine Übernahme in Aussicht gestellt.

Durch die fehlende Einbindung in die Heimatpfarrei habe er sich in dieser Phase „nicht mehr sonderlich viel mit Gott beschäftigt“, erinnert sich Robert Seiler. Allerdings dachte er im Studium über das Universum und die Unendlichkeit nach und wollte wissen, woher alles kommt. Diesen „Wissensdurst nach dem vollumfänglichen Bild der Welt“ befriedigte sein eher praxisorientiertes Fachhochschul- studium nicht. Deshalb wechselte er 2013 zum theoretischeren Physikstudium an die Ludwig-Maximilians-Universität.

Parallel führte er lange Gespräche mit seinem Regensburger Bundesbruder, besuchte mit ihm Gottesdienste, ließ sich von ihm die Liturgie erklären und theologische Bücher empfehlen. „Unfreiwillige geistliche Begleitung“ nennt er das heute augenzwinkernd.

Eine Abendmesse, die alles veränderte

Dann kam jener Mittwochabend, an den sich Robert Seiler erinnert, als wäre es gestern gewesen. Er saß über einem trockenen Physik-Arbeitsblatt und brauchte dringend eine Pause. Anders als sonst in solchen Fällen ging er jedoch nicht spazieren, sondern zur Abendmesse in die nahe gelegene Abteikirche St. Bonifaz – es war sein erster Gottesdienstbesuch aus eigenem Antrieb. „In dem Moment hat’s Klick gemacht“, erzählt Robert Seiler und schnippt mit Daumen und Mittelfinger der rechten Hand. Dem Physikstudenten wurde damals bewusst: „Da ist jetzt was in dein Leben reingekommen, was dir wichtig geworden ist.“ Er feierte in der Folgezeit häufiger Gottesdienste mit, begann in der Bibel zu lesen und merkte sehr schnell, dass ihm darin andere Werte vermittelt wurden, als sie die Gesellschaft vorgab. Er fragte sich daher: „Ist das wirklich mein Weg? Sollte ich nicht lieber einen sozialen Beruf ergreifen?“

Ein zweiter Wendepunkt ereignete sich im Sommer 2014. Robert Seiler hatte Freunde in Hamburg besucht und der mit ihm bekannte Priesteramtskandidat fragte ihn, ob er nicht über Paderborn nach Hause fahren wolle. Dort finde gerade das Liborifest statt. Robert Seiler griff die Anregung auf, erlebte ein „wunderschönes Fest, bei dem Kirche und Welt zusammenkommen“ – begleitend zu den Gottesdiensten und Prozessionen wird nämlich eine Kirmes veranstaltet.

Während dieses Festes sprach ihn ein Geistlicher zum ersten Mal auf seine mögliche Berufung zum Priester an. Obwohl er sich damals sicher war, „zölibatär leben, das schaffe ich nicht“, merkte er, dass das Thema so schnell nicht erledigt war. Auf der Heimfahrt hatte er so viele Gedanken gleichzeitig im Kopf, dass er zu Hause als Erstes den Regens des Münchner Priesterseminars, Wolfgang Lehner, per E-Mail um einen Gesprächstermin bat. Diesen bekam er sehr schnell – und nur vier Wochen später zog er nach Passau zum Propädeutikum, einem verpflichtenden Vorbereitungsjahr für Priesteramtsanwärter. In dieser Zeit wuchsen seine Liebe zur Liturgie und sein Interesse an alten Sprachen. Höhepunkt war für ihn die einmonatige Bibelschule in Israel: Dort spürte er die Gegenwart Gottes unter dem Sternenhimmel in der stil-len Wüste besonders intensiv. „Wenn ich solche Momente nicht gehabt hätte, würde ich mir überhaupt nicht überlegen, Priester zu werden“, betont Robert Seiler.

Für den einst naturwissenschaftlich orientierten Physikstudenten ist der Glaube vor allem eine emotionale Angelegenheit: „Was ich von Gott empfangen habe, kann ich nicht so einfach mit Worten kommunizieren. Das ist etwas, was ich fühlen muss“, sagt er und fasst sich mit der rechten Hand ans Herz.

Weitergeben, was das Herz berührt hat

Folglich begann Robert Seiler im Herbst 2015, Theologie zu studieren, und wohnt seither im Münchner Priesterseminar. Er möchte schließlich das an andere Menschen weitergeben, was sein Herz berührt hat. Der Priesteramtskandidat ist dabei überzeugt, dass der Glaube ein Geschenk ist – allerdings eines, für das man sich bewusst öffnen kann. Er selbst hält deshalb neben dem gemeinsamen Stundengebet und dem täglichen Gottesdienst im Priesterseminar oder in einer anderen Münchner Innenstadtkirche eine Stunde am Tag eine persönliche Gebetszeit. Zu Beginn liest er eine Viertelstunde in der Bibel – zurzeit Kapitel aus der Weisheitsliteratur, den Psalmen oder den Evangelien – und kommt darüber dann mit Jesus ins Gespräch.

Stundengebet, tägliche Messfeier und persönliches Gebet werden Robert Seiler auch begleiten, wenn er ab Oktober sein Freijahr in Tansania verbringt. Obwohl er das ostafrikanische Land zunächst so wenig „auf dem Schirm“ hatte wie früher den Priesterberuf, bot es sich als Aufenthaltsort an, da Thomas Brei, der als Arzt und Priester dort wirkt, ebenfalls aus Wasserburg stammt und Robert Seiler von daher bekannt war.

Diesen Missionar wird der 25-Jährige bis Juni nächsten Jahres an seinen beiden Kliniken unterstützen, bei technischen Arbeiten und Verwaltungstätigkeiten, vor allem aber in der Seelsorge. Denn Robert Seiler möchte sich „in der Krankenhausseelsorge ausprobieren“ und dabei herausfinden, ob er wirklich zum Priester berufen ist. Schließlich kennt er auch Glaubenszweifel sehr gut. „Der Zweifel gehört zum Glauben dazu, sonst wär’s Wissen“, sagt er – und dabei klingt wieder ganz der Naturwissenschaftler durch. Für solche Zweifel reicht schon eine nicht bestandene Prüfung. Derartige Situationen nimmt Robert Seiler mit ins Gebet: „Du wirst es ins Gute verwandeln. Darauf vertraue ich.“

Dass er in Tansania mit ganz anderen Schwierigkeiten konfrontiert werden wird, ist ihm sehr wohl bewusst. Auch hier setzt er auf das Gebet, „dass mich das nicht überfordert“. Dankbar hat er daher den Rat von Sebastian Bugl, dem Leiter der Abteilung Weltkirche im Ordinariat, angenommen: nicht zu meinen, das Land retten zu müssen, sondern mit seinen Kräften gut zu haushalten, damit seine Arbeit in Tansania fruchtbar wird. Damit das gelingt, hat Robert Seiler sein Freijahr unter den Schutz der Gottesmutter gestellt.

Die Autorin
Karin Hammermaier
Münchner Kirchenzeitung
k.hammermaier@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Priester

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