Erziehermangel Von der Schülerin zur Erzieherin

28.01.2019

Seit mehr als 175 Jahren bilden die Armen Schulschwestern an der Fachakademie für Pädagogik junge Frauen aus. Am kommenden Freitag informieren sie über die Ausbildung.

Fünf Jahre dauert eine Ausbildung zur Erzieherin.
Fünf Jahre dauert eine Ausbildung zur Erzieherin. © johoo - stock.adobe.com

München – Rund 20.000 Fachkräfte fehlen in bayerischen Kindertagesstätten, bundesweit sind es sogar über 100.000 und bis 2025 werden es fast 200.000 sein. Schwester Gisela Hörmann kennt die Problematik als Rektorin der Fachakademie für Sozialpädagogik der Armen Schulschwestern in der Au. Die 55-Jährige gestikuliert viel beim Reden und macht kaum Pausen. Nicht, weil sie einfach daherredet, sondern weil sie genau weiß, was sie sagen will. Und das ist eine Menge. Knapp 30 junge Frauen pro Jahrgang begleitet sie auf dem Weg zur Erzieherin. Einen Weg, den sie genau kennt, weil sie ihn selbst am gleichen Ort vor mehr als 30 Jahren gegangen ist.

Schwester Gisela ist eigentlich Erzieherin, hat nach der Ausbildung ein Studium zur Berufsschullehrerin gemacht und kam dann in die Einrichtung zurück. Seit zehn Jahren leitet sie nun selbst die Fachakademie. Seitdem hat sich einiges verändert: Die Zahl der Fachakademien in München und Bayern hat sich fast verdoppelt: „Alle ringen um die Bildungsfähigen“, hält sie fest. Die Zusammenarbeit mit den anderen Rektoren sei trotzdem gut, aber am Ende stehen alle vor dem gleichen Problem: Es gibt zu wenig Bewerber. Das läge zum einen an der Vergütung des Berufes und zum anderen daran, dass die Ausbildung lange dauert: Die jungen Auszubildenden müssen fünf Jahre teilweise ohne Gehalt auskommen. Zwar können sie bereits nach zwei Jahren einen Abschluss vorweisen, aber richtig qualifiziert sind sie erst nach fünf. Zwei Jahre sozialpädagogisches Seminar, zwei Studienjahre an der Fachakademie und ein einjähriges Berufspraktikum. Dass die Ausbildung so lange dauert, hat seinen Sinn: Schließlich kümmern sich die Erzieher später um die Schutzbedürftigsten unter uns.

Das richtige Handwerkszeug

Das sei eine herausfordernde Arbeit. Nicht zuletzt, weil Kinder ihre eigenen Themen mitbringen. Zum Beispiel, wenn sie beim Spielen im Garten einen toten Vogel finden: Sofort ist das Thema Tod präsent und als Erzieher müsse man dann kindgerecht darüber sprechen können. Darauf könne man sich kaum im konkreten Fall vorbereiten, sondern die jungen Menschen müssten das richtige Handwerkszeug mitbekommen, erklärt Schwester Gisela. Da soll keine fertige Antwort geliefert werden, sondern ein ehrlicher Dialog mit den Mädchen und Buben gesucht werden. Auch ihre eigenen Erfahrungen sollten die Schülerinnen einbauen. Während der Praktika werden die jungen Frauen von Sozialpädagogen betreut. Das ist oft eher „kollegiale Beratung“ als Unterricht, stellt Schwester Gisela klar.

Schwester Gisela bildet junge Frauen zu Erzieherinnen aus.
Schwester Gisela bildet junge Frauen zu Erzieherinnen aus. © SMB

Die jungen Frauen, zu Beginn der Ausbildung oft gerade mal 16 Jahre jung, sind für ihre Schützlinge schon die Großen. Von ihnen wird erwartet, erwachsen zu sein. Deshalb geht es in der Ausbildung in der Fachakademie nicht nur um Pädagogik, sondern auch um Persönlichkeitsbildung, um diesen Rollenwechsel fachlich und menschlich zu begleiten.

"Den Menschen zur vollen Entfaltung führen"

Religionspädagogische Arbeit ist ein ganz wichtiger Bestandteil. Die Botschaft des Evangeliums den Kindern zu vermitteln, ist nicht leicht, denn: „Die Bibel ist noch nicht das Buch für die Kleinen, die Grundaussagen allerdings schon.“ Dafür muss man sie allerdings erst einmal selbst verstehen, daher steht auch Bibelexegese auf dem Lehrplan. Schwester Gisela erwartet kein bestimmtes Maß an „religiöser Sozialisation, aber eine gewisse Offenheit“. Für sie ist es – auch unabhängig des persönlichen Glaubens – wichtig, diese Inhalte zu vermitteln. Denn das gehöre „einfach zur Allgemeinbildung.“ Persönliche Überzeugungen könnten sich ja erst bilden, wenn man auch etwas wisse.

Vor allem aber sollen die Kinder nach dem Leitbild der Gründerin der Armen Schulschwestern, der seligen Maria Theresia von Jesu Gerhardinger, erzogen werden: „Erziehung bedeutet für uns, die Menschen hinzuführen zu ihrer vollen Entfaltung als Geschöpf und Abbild Gottes, und sie zu befähigen, ihre Gaben einzusetzen, um die Erde menschenwürdig zu gestalten.“ Da sei schon alles drin, sagt Schwester Gisela: „Wir bräuchten eigentlich keinen Lehrplan mehr.“

Fachakademie für Sozialpädagogik
Am Freitag, 1. Februar, lädt die Fachakademie für Sozialpädagogik der Armen Schulschwestern (Mariahilfplatz 14) zu einem Infotag ein. Von 13.30 bis 16 Uhr kann man Einblick in Inhalte und Methoden des Unterrichts bekommen. Um eine Innenperspektive zu vermitteln, stehen sowohl Lehrer als auch Schüler Interessierten Rede und Antwort.
Seit mehr als 175 Jahren begleitet die Fachakademie Schülerinnen auf ihrem Wegzur staatlich annerkannten Erzieher und zum Fachabitur. Mehr Infos gibt es hier.


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