Heizen in Kirchen Von kalten Füßen und warmen Herzen

03.03.2016

Kirchenräume sach- und fachgerecht zu beheizen, ist ein schwieriges Unterfangen. Da sind zum einen die Gottesdienstbesucher, die nicht frieren wollen. Auf der anderen Seite muss Rücksicht genommen werden auf das Kirchen-Interieur. Vor allen Dingen Orgeln sind, was Temperaturschwankungen angeht, empfindlich. Und auch die schiere Größe der Räume macht die Sache nicht einfacher.

Peter Veth ist Techniker im Münchner Dom und als solcher auch für die Heizungsanlage dort zuständig. (Bild: Chwalczyk)

Gottesdienstbesucher haben es nicht leicht. Zumal, wenn die Temperaturen in den Keller gehen, kann so ein Kirchenbesuch zum echten Härtetest werden. Alten Hasen braucht man da auch nicht mit guten Ratschlägen kommen: Die langen Unterhosen, die dicken Stiefeleinlagen sind selbstverständlich im Einsatz, wenn man sich auf den Weg zum Sonntagsgottesdienst macht. Von viellagigen Papiertaschentüchern und Hustenbonbons extra scharf, die die Manteltaschen weithin sichtbar ausbeulen, gar nicht zu reden. Es ist das alte Lied: Im Winter bibbert, schnieft und hustet man sich durch die heilige Messe - alle Jahre wieder. Kalt ist‘s in vielen Kirchen (mit Verlaub: saukalt), wobei wir auch schon direkt vor einem kaum lösbaren Problem stehen. Oder, wie es Anselm Kirchbichler von der Abteilung Umwelt des erzbischöflichen Ordinariats ausdrückt: „Das Beheizen von Kirchen gehört zu den kompliziertesten Dingen überhaupt.“

Das hat mehrere Gründe, die auf der Hand liegen. Zum einen macht es die schiere Größe von Kirchenräumen enorm schwer, eine angenehme Temperatur zu „erheizen“. Aufgrund des Alters der Gebäude fehlt es oftmals an ausreichender Dämmung des Mauerwerks. Und zu guter Letzt muss auf das Kirchen-Interieur Rücksicht genommen werden. Kunstwerke brauchen andere Gradzahlen als Besucher, und vor allen Dingen sind Orgeln höchst empfindlich, was Temperaturschwankungen angeht. Gefragt ist also eine annehmbare Balance für alle zu finden.

Jahrhunderte lang kamen Kirchen ohne Heizung aus, was aber nicht heißen soll, dass es nicht Sinn macht etwa aus konservatorischen Gründen eine entsprechende Heizung vorzusehen. „Allerdings“, so erklärt Hermann Hofstetter, Referent beim Projekt Energie-/Umweltmanagement der Erzdiözese, „weiß man inzwischen durch aufwendige Klimastudien in Kirchen, die in den letzten Jahren in mehreren Diözesen durchgeführt wurden, dass es eine ideale Heizung für Kirchen in der Regel nicht gibt, und Kirchen eher zurückhaltend geheizt werden sollten.“

Vielfach gäbe es, so berichtet Hofstetter, große Heizungsanlagen oder Luftheizsysteme, die mit wenigen und großen Ausblasöffnungen viel Schaden verursachen und mit entsprechend hohem Betriebskostenaufwand, nur kurzfristig das Gefühl von „Wärme“ erzeugen können. Gerade bei diesen Systemen verpuffe der Großteil der produzierten Wärmeleistung, da die warme Luft nach einer sehr kurzen Einwirkzeit in die oberen Kirchenraumbereiche oder in den Außenbereich abzieht. Bei einer „normalen“ Kirche mit hohen Räumen ohne ausreichende Dämmung müsse schon allein aus physikalischen Gründen der Versuch, ein behagliches Raumklima herzustellen, kläglich scheitern. „Besser ist – wenn schon geheizt werden muss – eine schonende Heizstrategie. Diese sieht vor, dass in Kälteperioden eine Grundtemperatur von acht Grad nicht überschritten wird, wobei auf diese Weise zudem Energieeinsparungen von über 20 Prozent erzielt werden können. Während der Zeit der Kirchennutzung sollte die Raumtemperatur auf höchstens 13 Grad erwärmt werden“, erläutert der Experte.

Die für viele Kirchengebäude oftmals falsch konzipierten Heizungssysteme sind aber leider nicht das einzige Problem. Große Schäden entstehen an den Kunstwerken, den Orgeln und der Raumschale durch zu große Temperaturdifferenzen, zu häufige Temperatursprünge und sonstige Einstellungs- und Bedienungsfehler. Um die Kunstwerke, Orgeln und die Bausubstanz zu schützen und möglichst geringe Wartungs-, Renovierungs- und Betriebskosten zu verursachen, gebe es für die Kirchenheizung, so Hofstetter, eine grundsätzliche Empfehlung: „Eher sehr zurückhaltend beim Heizen mit großen Raumheizungen oder Luftheizsystemen agieren und lieber auf Lösungen mit Direktheizungen setzen.“ Damit sind die Heizsysteme gemeint, bei denen der Wärmeeintrag direkt bei den Nutzern erfolgt und damit deren Wärmehaushalt ausgeglichen wird. Das kann je nach Situation eine Sitzbankheizung für die Kirchenbesucher, ein Infrarotstrahler für den Organisten oder eine Fußbodenheizung im Altarraum sein, auch Wandheizungen können häufig eine sinnvolle Lösung bieten.

Eine hochkomplexe Gemengelage, die sich da auftut, wenn Minusgrade die Gläubigen auf eine harte Probe stellen. Umso wichtiger, dass die in der Kirche verkündete frohe Botschaft ihnen zumindest das Herz erwärmen möge, wenn schon die Füße frieren müssen. (Susanne Holzapfel)

Zahlen und Fakten
Im Erzbistum München und Freising gibt es rund 3.000 „Kirchen“, das sind 751 Pfarrkirchen, 1.140 Filialkirchen und 1.248 Friedhofs-, Anstalts- und Privatkapellen. Dabei haben 535 Kirchen keine Heizung, knapp 60 Kirchen werden von einem Fern- oder Nahwärmenetz versorgt, rund 400 Kirchen haben eine zentrale Öl- oder Gasheizung. Allerdings wird der größte Teil mittels einer Kombination aus mehreren Systemen, wie zum Beispiel dezentrale Einzelgeräte, Fuß- und Sitzbankheizung, Fußbodenheizung und ähnliches, beheizt. Anhand obiger Ausführungen ist klar, dass es kein Patentrezept für das richtige Heizen von Kirchenräumen gibt. Wer sich mit dieser Problematik beschäftigt, kann sich aber an die Abteilung Umwelt im Ordinariat wenden und dort Auskunft bekommen: energiemanagement@eomuc.de


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