Widerständler mit kleinen Fehlern Vor 150 Jahren wurde Kardinal Michael von Faulhaber geboren

05.03.2019

Am 5. März 1869 wurde Kardinal Michael von Faulhaber geboren. Er gehört zu den bedeutendsten Kirchenmännern der jüngeren bayerischen Geschichte.

Kardinal Michael von Faulhaber war von 1917 bis 1952 Münchner Erzbischof.
Kardinal Michael von Faulhaber war von 1917 bis 1952 Münchner Erzbischof. © MK Archiv

München – Die Nazis wollten ihn ermorden lassen, weil er ihrer germanischen Blut-und-Boden-Religion die Treue zur hebräischen Bibel und ihrer Anbetung des „Führers“ die Entscheidung für Christus als den einzigen Herrn entgegensetzte. Nur seine Beliebtheit bei der katholischen Bevölkerung verhinderte, dass die Mordpläne umgesetzt wurden. Mut und Unerschrockenheit bewahren freilich nicht vor historischen Irrtümern und falschen Akzentsetzungen: Dass es nicht nur um die theologische Rettung des Alten Testaments für die Kirche ging, sondern um das Leben von vielen tausend jüdischen Mitbürgern, die mit den Christen in dem einen Boot der Regimegegner saßen, hat Kardinal Michael von Faulhaber lange nicht begriffen.

Die 1933 mehrfach an ihn herangetragene Bitte, gegen die beginnende Judenverfolgung zu protestieren, wies er mit dem Argument von sich, für die Kirche gebe es wichtigere Probleme wie den Kampf um die katholischen Schulen und Vereine – „zumal man annehmen darf und zum Teil schon erlebte, dass die Juden sich selber helfen können, dass wir also keinen Grund haben, der Regierung einen Grund zu geben, um die Judenhetze in eine Jesuitenhetze umzubiegen“. Später setzte er sich dann intensiv vor allem für die getauften Juden ein.

Der widerborstige Münchner Erzbischof ist eine schillernde Figur in der Geschichte des kirchlichen Widerstands: Seine tiefsitzende Abneigung gegen republikanische Ideen und politischen Wandel, seine Anfälligkeit für den autoritären Ordnungsstaat und seine daraus folgende Fehleinschätzung des Nazi-Regimes teilt er mit vielen Katholiken jener Ära. Einzigartig blieb freilich der Mut, mit dem er sich gegen einmal erkanntes Unrecht auflehnte.

Predigt in Schützengräben

Dass er einmal ein Wortführer des deutschen Katholizismus im Konflikt mit den Faschisten werden würde, war dem am 5. März 1869 – also vor 150 Jahren – geborenen fränkischen Bäckersohn nicht in die Wiege gelegt worden. 18-jährig meldete er sich voller Begeisterung, „des Königs Rock zu tragen“, freiwillig zur Infanterie. Nach der Promotion mit höchster Auszeichnung und jahrelangen Studienaufenthalten in Rom, Oxford, Cambridge, Madrid und Barcelona erfolgte 1903 die Berufung als Professor für alttestamentliche Exegese an die Universität Straßburg. 1911 wurde von Faulhaber Bischof von Speyer, 1917 Erzbischof von München und Freising. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, ging er als Feldpropst der Bayerischen Armee an die Front, predigte in Schützengräben und Bergstellungen, ohne den Gedanken des „gerechten Krieges“ infrage zu stellen: Eine „heilige Sache“ verfochten die deutschen Soldaten seiner Ansicht nach auf dem Schlachtfeld.

Kein „Bischof mit Mundschloss“

Ein Jahrzehnt später, nach einem schwierigen Lernprozess, stellte er jedoch erfreut fest: „Die Friedensbewegung ist im Wachsen.“ Er war misstrauisch gegenüber der Ökumene, brach aber im Vatikan eine Lanze für die damals sehr umstrittenen überkonfessionellen christlichen Gewerkschaften und wirkte an der Gründung der ersten Priestervereine mit.

Ein „Bischof mit Mundschloss“ wollte er nie sein, auch dann nicht, als die braunen Herrenmenschen die Macht übernommen hatten und eine gleichgeschaltete deutsche Nationalkirche, losgelöst von Rom, zu schaffen versuchten. Schon 1930 erklärte er lapidar, der Nationalsozialismus sei „mit der christlichen Weltanschauung nicht in Einklang zu bringen“, und verbot den Nazis die Teilnahme am Gottesdienst „in geschlossenen Kolonnen mit Uniform und Fahne“. Denn eine solche „Kirchenparade“ müsse dem Volk die falsche Tatsache vorgaukeln, die Kirche habe sich mit der neuen „Häresie“ abgefunden.

Noch konsequenter wäre von Faulhabers Kampf gegen die neuen Machthaber freilich gewesen, hätte er seine Ablehnung demokratischer Strukturen und seine zutiefst konservative Einstellung zur Obrigkeit überwinden können: Noch kurz vor Hitlers Machtübernahme forderte er Respekt vor der Staatsführung, „auch wenn ein Pilatus oder ein Nero auf dem Throne sitzt“.

Adventspredigten in St. Michael

Zum lauten Widerspruch gegen die Nazis veranlassten ihn zunächst nicht so sehr die Terrorhandlungen des neu etablierten Regimes, sondern dessen Heilslehre, dessen arroganter Sendungsanspruch. Von Faulhabers aufsehenerregende Adventspredigten in St. Michael, der größten Kirche Münchens – sie mussten wegen des großen Andrangs durch Lautsprecher in benachbarte Kirchen und Säle übertragen werden und gingen bald in ganz Deutschland von Hand zu Hand –, enthielten eine klare Kampfansage: „Niemand darf die Heiligen Schriften des Alten Bundes mit Füßen treten“, sagte er zu der allen Ernstes erhobenen Forderung nach einer „Germanenbibel“, „der Name Gottes steht darin!“ Der Jude Jesus habe keinen „falschen Geburtsschein“ nötig. In seinem Reich komme es nicht auf „Blutsbeziehungen“ an, sondern auf Glaubenshaltungen.

Öffentliche Morddrohungen

Mit solchen Sätzen riskierte man damals sein Leben. Geistliche und Laien, die von Faulhabers Ansprachen verbreiteten, wurden terrorisiert und eingekerkert. Im Münchner Bürgerbräukeller wurde dem Erzbischof öffentlich der Mord angedroht. 1938 – mittlerweile hatte er scharfe Kritik an der Tötung „unproduktiven“ Lebens geübt – warf ein aufgehetzter Mob sämtliche Fensterscheiben des Erzbischöflichen Ordinariats ein und forderte in Sprechchören, den „Hochverräter“ ins KZ zu schaffen: „In Schutzhaft mit dem Hund! Nach Dachau mit dem Hochverräter!“ Die Pflastersteine verfehlten nur knapp den Erzbischof, der in unerschütterlicher Ruhe hinter seinem Schreibtisch saß.

Tod während Prozession an Fronleichnam

Als die Alliierten Bomben auf deutsche Städte warfen, wurde auch München zum Ziel schwerer Luftangriffe. Der Erzbischöfliche Hof wurde mehrfach getroffen; der Luftschutzkeller, der auch Passanten Zuflucht bot, hielt stand. Von Faulhaber leitete persönlich die Löscharbeiten. Sofort nach den Bombardierungen eilte der Erzbischof im Stahlhelm zu den brennenden Kirchen Münchens.

Nach Kriegsende erwies sich der Kardinal als unbequemer Partner der Besatzer, die ihre ersten Verhandlungen mit ihm führen mussten: Die braune Stadtverwaltung hatte sich abgesetzt, und das Bischofshaus war Arbeitsamt, Wohlfahrtsbehörde, Wohnungsvermittlung in einem. Am 12. Juni 1952 starb von Faulhaber – während die Fronleichnamsprozession durch die Straßen zog. (Christian Feldmann freier Journalist, Rundfunkautor und Theologe)


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