Kolping Gesellenmord Vorgeschmack auf Radikalisierung der Weimarer Gesellschaft

06.06.2019

Beim Jubiläum '100 Jahre Freistaat' war von den blutigen Anfängen der bayerischen Republik kaum die Rede. Dabei waren Auswüchse wie der Münchner Gesellenmord wegweisend für die junge Demokratie.

Auszug aus einer Gedenk-Karte des Kolpingwerks für die Opfer des Gesellenmordes © Kolpingwerk München und Freising

München - Er ist der Höhepunkt einer Gewaltspirale, die sich verselbständigt hat: der Mord an den Kolping-Gesellen aus der Münchner Pfarrei St. Joseph am 06. Mai 1919. Zu dieser Zeit herrscht in München Bürgerkrieg. Die Staatregierung ist nach Bamberg ausgewichen und schickt von dort aus Freikorps- und Regierungssoldaten in die Landeshauptstadt, um die Revolution der Räte endgültig niederzuschlagen. Als die 26 Kolping-Gesellen sich in ihrem Vereinslokal in der Augustenstraße versammeln, um ein Theaterstück zu besprechen, das der Gesellenverein aufführen möchte, ahnen sie nicht, dass die meisten von ihnen das Treffen nicht überleben werden. Völlig überraschend stürmen Freikorps- und Regierungssoldaten das Lokal. Sie behaupten, die Gesellen seien Spartakisten und hätten eine verbotene Versammlung abgehalten. Obwohl die Gesellen das dementieren, werden sie abgeführt und in ein Arrestgebäude am Karolinenplatz getrieben. Dort werden sie in einer regelrechten Gewaltorgie brutal zusammengeschlagen und schließlich auf dem Hof und im Keller erstochen oder erschossen. Nur fünf von ihnen überleben schwer verletzt.

Wendepunkt im Bürgerkrieg

An das grausame Verbrechen erinnert nun eine Gedenktafel am Karolinenplatz, die zum einhundertjährigen Gedenken vom Kolpingwerk München und Freising eingeweiht wurde. Der Gesellenmord sei für die historische Aufarbeitung der Monate nach dem Sturz der bayerischen Monarchie von großer Bedeutung, erklärt der Münchner Historiker und frühere Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Hermann Rumschöttel. Er markiere vor allem einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Gewalt gegen die Revolutionäre. Der Skandal, dass mit den Kolping-Gesellen Unschuldige getötet werden, lässt sich anders als bei früheren Morddelikten nicht verschleiern. Die Sache kommt sogar vor Gericht. Der Prozess habe sich aber nur auf nachgeordnete Soldaten beschränkt, die Offiziere seien unbehelligt geblieben. Somit sei die rechtliche Aufarbeitung des Gesellenmordes „kein Ruhmesblatt der bayerischen Justiz“ in den Anfängen des Freistaates Bayern gewesen, so Rumschöttel.

Professor Hermann Rumschöttel © privat

Gesellschaft auch heute für Radikalisierung anfällig

Der Historiker weist auch auf die ambivalente Auswirkung der Tat hin. Einerseits leite sie das „Ende der Gründungsmassaker der Bamberger Republik“ ein, andererseits sei sie schon ein Vorgeschmack auf die Radikalisierung der Gesellschaft, die sich später Bahn bricht. Ein massiver Antisemitismus und ein Erstarken antidemokratischer Parteien seien die direkten Folgen der Bürgerkriegszeit, so Rumschöttel. Insofern mahne der Gesellenmord uns auch heute, bei radikalen Ideologien wachsam zu sein. Er zeige letzten Endes, „wie dünn die Krume der Kultur in unserer Gesellschaft ist, wie gefährdet sie immer ist und wie sorgfältig man mit ihr umgehen muss“.

Der Autor
Paul Hasel
Radio-Redaktion
p.hasel@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

© Kolpingwerk München und Freising

Kolpingstunde Erinnerung an Gesellenmord vor 100 Jahren

21 unschuldige Kolping-Gesellen wurden 1919 in den Wirren des Münchner Bürgerkriegs getötet. Der Münchner Historiker Hermann Rumschöttel erklärt in der Kolpingstunde die politischen und...

30.05.2019

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren