Finanzen Vorsichtiges Aufatmen inmitten der Krise

08.07.2021

Die finanzielle Situation des Erzbistums München und Freising stellt sich im zweiten Corona-Jahr nicht so dramatisch dar wie ursprünglich befürchtet. Dennoch bleibt die Gesamtsituation im Kontext von Vertrauenskrise, Kirchenaustritten und fortdauernder Pandemie angespannt.

Finanzbericht in gedruckter Form
Trotz sinkender Ressourcen weiter für die Menschen da sein, das ist das Ziel der Kirche im Erzbistum München und Freising. © Kiderle

München – Mit einer Finanz-Pressekonferenz, auf der Jahresabschlüsse und Haushaltsplanungen präsentiert werden, ist es wie mit einem guten Buch. Man kann auf der Oberfläche dessen bleiben, was schwarz auf weiß dasteht, sich an Zahlen und Buchstaben festhalten – man kann aber auch zwischen den Zeilen lesen, die Gesamtatmosphäre erfassen und leisere, aber entscheidende Töne heraushören. So war es auch bei der Vorstellung des Jahresabschlusses 2020 und des Haushalts 2021 des Erzbistums im Münchner Karmelitensaal, die ganz im Zeichen der aktuellen Mehrfachkrise inmitten von Kirchenaustritten, Priestermangel, Missbrauchsskandal und Corona stand.

Breites kirchliches Handeln

Es sprachen Finanzdirektor Markus Reif, Generalvikar Christoph Klingan, Amtschefin Stephanie Herrmann und der Kapuzinerpater Bernd Kober, Leiter des Pfarrverbands Isarvorstadt – eine dramaturgisch gelungene Reihenfolge, die einen spannungsreichen Bogen schlug: vom zahlenbasierten Finanzbericht über den nach Zukunftslösungen suchenden Gesamtstrategieprozess bis hin zum konkret geleisteten Engagement für Mitbürger in Not. Von der schier unfassbaren Bilanzsumme des Erzbistums in Höhe von 3,7 Milliarden Euro bis hin zum Obdachlosen, der eine Essensausgabe aufsucht, zeigten die gesetzten Schlaglichter, wie weit die Koordinaten gesteckt sind, innerhalb derer sich kirchliches Handeln abspielt.

Positives Jahresergebnis

Mit Spannung und Sorge war erwartet worden, wie sich das von der Pandemie geprägte Jahr 2020 in finanzieller Sicht für die Kirche darstellte – waren doch zwischenzeitlich dramatische Einbußen bei den Kirchensteuereinnahmen befürchtet worden. Generalvikar Christoph Klingan konnte jedoch vorsichtige Entwarnung geben: „Das Erzbistum wurde 2020 nicht so massiv getroffen, wie es nach dem ersten Lockdown und den zunächst sehr schlechten Nachrichten vom Arbeitsmarkt zu befürchten war.“

Die Kirchensteuereinnahmen gingen mit einem Minus von 2,7 Prozent oder 18 Millionen Euro nicht so stark zurück wie vermutet, was neben den im Laufe des Jahres kurzfristig ergriffenen Sparmaßnahmen ein Hauptgrund dafür war, dass letztendlich ein positives Jahresergebnis erzielt werden konnte: Den Aufwendungen in Höhe von 839 Millionen Euro standen Erträge von 864 Millionen Euro gegenüber. Damit fiel das Plus allerdings deutlich kleiner aus als noch 2019.

Weitere Entwicklung unklar

Trotz aller zwischenzeitlichen düsteren Prognosen konnte 2020 die drastische Maßnahme einer allgemeinen Haushaltssperre vermieden werden, und in einzelnen Bereichen wirkte sich Corona sogar günstig auf die Haushaltslage aus, beispielsweise durch entfallene Reisekosten. Unter dem Strich hatte die Pandemie im vergangenen Jahr jedoch zweifelsfrei negative Folgen für die Bistumsfinanzen.

Wie sich die weitere Entwicklung darstellen wird, bleibt auch wegen des nach wie vor nicht abzusehenden Endes der Pandemie unklar. Finanzdirektor Reif sagte zwar mit Blick auf die Gegenwart, dass sich die Situation beruhigt habe und dass die Kirche vom derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung der Region unmittelbar profitiere, doch gebe es weiterhin viele Unbekannte, die noch keine sichere Prognose erlaubten. Sicher sei nur, dass die Aufwendungen, die durch Personal- und Baukosten zustande kommen, weiter steigen würden, womit die Erträge nicht Schritt halten könnten.

Erhöhte Ausgaben

Dieses Phänomen der gegenläufigen Bewegung von sinkenden Einnahmen einerseits und steigenden Ausgaben andererseits schlägt sich auch im Haushaltsvoranschlag für das laufende Jahr nieder, in dem sich die beiden Linien erstmals kreuzen werden: Für 2021 wird mit höheren Aufwendungen als Erträgen gerechnet, mit einem Minus also, das durch Rücklagen ausgeglichen werden muss. Im Einzelnen ist davon auszugehen, dass die Kirchensteuereinnahmen noch stärker als 2020 zurückgehen werden. Demgegenüber werden Löhne und Gehälter der Beschäftigten weiter steigen, und mit den großen Bau- und Sanierungsprojekten – unter anderem der Irmengard-Schulen in Garmisch-Partenkirchen, der Franziskus-Grundschule in München, dem ehemaligen Ursulinenkloster in Landshut sowie dem Umbau des Diözesanmuseums in Freising – werden auch im Immobilienbereich hohe Ausgaben fällig.

Vor dem Hintergrund dieser finanziellen Situation verwies Generalvikar Klingan auf den aktuell laufenden Gesamtstrategieprozess des Erzbistums, der auch die Frage zurückgehender personeller wie auch materieller Ressourcen in den Blick nehme. Dabei würden Antworten auf die Frage gesucht, wie die Kirche, auch wenn sie weniger Personal und Geld zur Verfügung haben werde, weiterhin für die Menschen da sein könne. Der Prozess befinde sich derzeit, wie der Generalvikar informierte, in seiner „heißen Phase“, die sechs Arbeitsgruppen seien gerade intensiv damit beschäftigt, Möglichkeiten zu ermitteln, wie die Kirche am besten Wirkung entfalten könne. Trotz Corona sei man weiterhin im Zeitplan, noch dieses Jahr sei mit Ergebnissen zu rechnen.

Konkrete Hilfe

Wie eine wirksame Hinwendung der Kirche zu den Menschen ganz aktuell und konkret aussehen kann, erläuterte Amtschefin Stephanie Herrmann anhand von zwei Beispielen. Zum einen habe die Erzdiözese in Not geratene freischaffende Künstlerinnen und Künstler unterstützt, die infolge der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Absage von Veranstaltungen, Konzerten und Ausstellungen keine Einnahmen mehr erzielen konnten. Die Abteilung Kulturmanagement im Erzbischöflichen Ordinariat habe in dieser Situation gemeinsam mit den Pfarreien Konzepte entwickelt, wie Künstler in Kirchenräumen und sogar im Rahmen von Gottesdiensten im Einklang mit den geltenden Beschränkungen aktiv werden können. Dies sei für alle Beteiligten ein Gewinn gewesen, da nicht nur die Kunst am Leben gehalten und Honorare gezahlt hätten werden können, sondern da auch die Gottesdienstbesucher durch Lesungen, Kunstinstallationen und tänzerisch dargestellte Bibelverse ganz neue Impulse für ihr Glaubensleben bekommen hätten.

Zum anderen engagiere sich die Erzdiözese seit Ende 2020 finanziell im gemeinsam mit der diözesanen Caritas und der Pfarrei St. Anton betriebenen Projekt der Antonius-Küche, mit dem eine mittägliche Essensausgabe für Bedürftige in der Kapuzinerkirche St. Anton realisiert wurde. Mit welch großem Erfolg und weiterhin steigender Nachfrage die Antonius-Küche läuft, berichtete abschließend Bruder Bernd Kober. „Wir haben zusätzlich zum Altar auch diesen anderen Tisch gedeckt. Die Kirche wird lebendig an dieser Stelle“, erzählte der Kapuzinerpater mit Begeisterung.

Es war, als springe ein Funke über. Und am Ende waren nicht mehr so sehr die Zahlen von Bedeutung, sondern das hoffnungsvolle Gefühl, dass die Kirche trotz aller Unkenrufe immer noch sehr viel bewegen kann.

Zahlen zum Weiterlesen

3,7 Milliarden Euro Bilanzsumme, 38,9 Millionen Euro für den Umbau des Diözesanmuseums im laufenden Jahr, 280.000 Euro für die Antoniusküche bis zum Jahresende, 210.000 Euro Honorar für den Abschlussprüfer – der Finanzbericht 2020 listet nicht nur interessante Geldbeträge auf, sondern enthält auch aktuelle statistische Daten aus dem Erzbistum. So stehen derzeit 517 Priester im Dienst, und die Katholikenzahl in der Erzdiözese ist 2020 trotz Zuzugs um 34.460 (2,1 Prozent) gesunken. Die gesamte Broschüre kann kostenlos auf der Website des Erzbistums heruntergeladen werden. Des Weiteren stehen dort auch die Berichte der diözesanen Stiftungen und des Erzbischöflichen Stuhls (in dessen Haushalt die Anerkennungsleistungen für Opfer sexualisierter Gewalt enthalten sind, um die Kirchensteuermittel unberührt zu lassen) sowie eine Broschüre mit Informationen über die Kirchensteuer 2021 zum Download bereit.

Der Autor
Joachim Burghardt
Redakteur bei der Münchner Kirchenzeitung
j.burghardt@muenchner-kirchenzeitung.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Die Kirche und das liebe Geld

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