Missbrauch in Ordensgemeinschaften Vorwürfe gegen 654 katholische Ordensleute

26.08.2020

Die Deutsche Ordensobernkonferenz hat das Ergebnis einer Umfrage zu Missbrauch in ihren Gemeinschaften veröffentlicht: Demnach gibt es über 1.400 Betroffene und 654 Ordensleute, die sexueller Übergriffe beschuldigt wurden.

Einer Umfrage von 392 Gemeinschaften zufolge waren wenigstens 1.412 Kinder, Jugendliche oder Schutzbefohlene von sexuellen Übergriffen betroffen.
Einer Umfrage unter 392 Gemeinschaften zufolge waren wenigstens 1.412 Kinder, Jugendliche oder Schutzbefohlene von sexuellen Übergriffen betroffen. © imago/Christian Ohde © imago/Christian Ohde

Bonn/München – In den zurückliegenden Jahrzehnten hat es Missbrauchsvorwürfe gegen mindestens 654 katholische Ordensleute in Deutschland gegeben. Nach dem am Mittwoch in Bonn veröffentlichten Ergebnis einer Befragung von 392 Gemeinschaften waren wenigstens 1.412 Kinder, Jugendliche oder Schutzbefohlene von sexuellen Übergriffen betroffen. Von ihnen waren rund 80 Prozent (1.131), männlich und etwa 20 Prozent (281) weiblich. Die Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK), Katharina Kluitmann, sprach zudem von einer nicht näher bestimmbaren Dunkelziffer.

Nach den Worten der Franziskanerin hat auch der Umgang von Leitungsverantwortlichen und anderen Ordensmitgliedern mit Betroffenen diese noch einmal verletzt: "Wir bedauern das sehr und erkennen unser Versagen erneut an."

Unvorstellbares Leid

Betroffen ist auch die Deutsche Provinz der Salesianer Don Boscos mit Sitz in München. Seit 2010 hätten sich 188 Anschuldigungen gegen den Orden gerichtet, so Sprecher Pater Alfons Friedrich. Die Zahlen seien "schockierend", weil man sich das Leid der Betroffenen von sexuellen Übergriffen gar nicht vorstellen könne.

Gerade die Salesianer, die sich die Fürsorge für Kinder und Jugendliche in den unterschiedlichsten Lebenslagen auf die Fahnen geschrieben haben, hätten in den vergangenen Jahren ein ausgefeiltes Präventions- und Schutzkonzept entwickelt. "Es geht um eine Kultur des Hinschauens und der Transparenz", betont Friedrich. Schutzbeauftragte in den Einrichtungen, regelmäßige Schulungen und polizeiliche Führungszeugnisse von allen Mitarbeitern seien Ausdruck dieser Kultur.

Die Umfrage der Ordensobernkonferenz zeige, dass "die Zeit des Wegschauens und Schweigens" vorbei sei. "Wir können an diesem Thema nicht vorbei gehen", so Pater Friedrich, der in München den Pfarrverband Haidhausen leitet.

Keine wissenschaftliche Studie

Die DOK hatte Ende 2019 einen in Eigenregie verfassten Fragebogen an die Leitungen der Gemeinschaften verschickt. Etwa drei Viertel - 291 von 392 - antworteten. In ihnen leben 88 Prozent der heutigen Ordensmitglieder. 100 Gemeinschaften gaben an, mit Vorwürfen zu verschiedenen Missbrauchsformen konfrontiert worden zu sein. Während einige Gemeinschaften von mehr als 100 Meldungen berichteten, waren es bei den meisten anderen weniger als 10. Vorwürfe verzeichneten 53 von 77 Männerorden und 47 von 214 Frauenorden. 80 Prozent der Beschuldigten sind verstorben. Zusätzlich zu den 654 Ordensleuten wurden 58 Angestellte von Orden belastet.

Vorsitzende Kluitmann wertete die Befragung als einen weiteren Schritt zur Aufarbeitung. Sie erhebe aber keinen wissenschaftlichen Anspruch; für ein solches Vorhaben fehlten der DOK die finanziellen und personellen Ressourcen. Somit könne die Erhebung auch nicht mit der MHG-Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz verglichen werden. Nach dieser im Herbst 2018 vorgelegten Untersuchung eines Forscherkonsortiums fanden sich in den 38.156 ausgewerteten Akten der 27 deutschen Bistümer Hinweise auf 3.677 Missbrauchsbetroffene und 1.670 beschuldigte Kleriker im Zeitraum von 1946 bis 2014. Die Ordensobernkonferenz machte bei ihrer Befragung keine zeitlichen Vorgaben.

Mit Blick auf die Zahlungen an Betroffene in Anerkennung ihres Leids streben die Orden laut DOK-Generalsekretärin Agnesita Dobler ein einheitliches System mit der Bischofskonferenz an. Die Gemeinschaften benötigten aber finanzielle Unterstützung. Ein im Frühjahr beschlossenes Konzept der Bischöfe sieht Summen zwischen 5.000 und 50.000 Euro pro Fall vor.

Große Unterschiede

Kluitmann kündigte weitere Anstrengungen der Aufarbeitung und Prävention an. So wolle die DOK einen Leitfaden zu Führung von Personalakten erarbeiten, Workshops zur Erarbeitung von Schutzkonzepten veranstalten und eine Tagung zum Thema Machtmissbrauch anbieten. Zudem stelle die Konferenz eine Fachkraft für Prävention ein, die die Orden berät.

Die Vorsitzende verwies auf die Grenzen der DOK bei der Aufarbeitung. Wegen der großen Unterschiedlichkeit der Gemeinschaften seien nur Studien zu einzelnen Orden oder zu bestimmten Einrichtungen wie Klöster und Schulen sinnvoll. Bisher gebe es 14 Studien von 7 Gemeinschaften; 4 weitere seien geplant. (kna/ww/ksc)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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