Gedenktag für Opfer des Nationalsozialismus Wachsam gegen Wiederholung

26.01.2017

Der kürzlich verstorbene ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hat den 27. Januar als Gedenktag für die NS-Opfer eingeführt. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, erklärt, warum das Erinnern auch heute noch wichtig ist.

Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Darüberhinaus ist sie Beauftragte für Holocaust-Gedenken des World Jewish Congress. © imago

Nicht nur deutschtümelnde AfD-Promis wollen die Erinnerung an den Holocaust ad acta legen. Narzissten wie der thüringische AfD-Fraktionsvorsitzende frönen ihrer Brachialrhetorik, weil sie wissen, dass sie dafür Applaus und Zuspruch ernten. Die Sehnsucht nach einem „Schlussstrich“ ist nicht neu. Diesem Ruf nachzugeben, wäre verheerend.

Im Jahr 1996 schrieb der vor kurzem verstorbene damalige Bundespräsident Roman Herzog in die Proklamation des 27. Januar als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“ Diese Worte sind heute so aktuell wie damals. Zurecht weisen die Nachgeborenen jede Form der Schuld von sich. Abgesehen von den letzten greisen Tätern sind die heutigen Deutschen absolut frei von jener Sünde, die die Nationalsozialisten verbrochen haben. Völlig verfehlt wäre es, der Bundesrepublik Deutschland heute eine wie auch immer gefasste Form der Schande, des Makels anzuhängen. Doch der Holocaust, die systematisch organisierte und industriell umgesetzte Verfolgung und Ermordung beinahe aller europäischen Juden, war singulär und präzedenzlos – das Ungeheuerliche geschah in deutschem Namen. Daher tragen sowohl der deutsche Staat als auch das deutsche Volk – dazu gehören auch die jüdischen Bürgerinnen und Bürger, wenngleich NPD und Teile der AfD einen anderen „Volksbegriff“ propagieren – eine besondere Verantwortung.

Die Verantwortung der Gegenwart ist die Verantwortung für das Erbe der Vergangenheit – für die Zukunft. Mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust werden wir täglich Zeugen von Menschenverachtung – weltweit und vor unserer Haustür. Terroristen, islamische Fanatiker, aber ebenso rechte und auch linke Extremisten haben unseren christlich-jüdischen Werten, den freiheitlich-demokratischen Überzeugungen und dem Rechtsstaat den Krieg erklärt. Zudem: In Europa, auch in Deutschland, wird Antisemitismus immer offener und aggressiver artikuliert. Und zwar nicht nur an den schmutzigen Rändern, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft. Speziell im Modus des Antizionismus ist Antisemitismus nicht nur in der muslimischen Welt und in der rechtsextremen Szene ein verbreitetes Phänomen. Er findet sich im linken politischen Spektrum, in akademischen Kreisen, im Vereins- und Verbandssystem und auch in kirchlichen Gruppierungen.

Der Kampf dagegen ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung – sich ihr zu stellen, ist Teil jener oben benannten Verantwortung. Ebenso wie das entschlossene Vorgehen gegen Geschichtsklitterei und -relativierung, Revisionismus und Nationalismus sowie Menschenverachtung in jeder Form. Jedem Anfang ist zu wehren. Vielfach hat es der Staat – wenig wehrhaft – versäumt, gegen die Feinde unserer Verfassung mit der nötigen Entschiedenheit vorzugehen. Das ist das Gegenteil von „nie wieder“! Noch ist es nicht zu spät.

Das in vielen Augen falsche NPD-Urteil des Bundesverfassungsgerichts und die bewusste Grenzüberschreitung des AfD-Schreihalses fielen in dieselbe Woche, in der sich die „Wannseekonferenz“, auf der die Organisation des Mordes an den Juden festgelegt wurde, zum 75. Mal jährte. Niemand kann abstreiten, dass die NPD und der aggressive Rechtspopulismus an das Denken der Nationalsozialisten anknüpfen. Niemand wird je wieder sagen können, man habe es nicht gewusst. Gedenken heißt handeln!


Das könnte Sie auch interessieren

Juden in Bayern soll sich in Zukunft an eine Kontaktstelle wenden können.
© imago

Kampf gegen Antisemitismus Bayern plant Kontaktstelle für Juden

Der neue bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle will eine „Kultur des Hinschauens“ schaffen.

29.05.2018

© imago/epd

Zur „Woche der Brüderlichkeit“ Den Dialog fördern

Völkerverständigung beginne immer bei konkreten Menschen, meint Max Kronawitter. Warum die „Woche der Brüderlichkeit“, die vom 5. bis 12. März dauert, gerade heute notwendig ist, erläutert der...

04.03.2017

Psychiater, katholischer Theologe und Bestseller-Autor: Manfred Lütz.
© SMB/Schlaug

Leben nach Auschwitz "Mein kostbarstes Buch"

Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar stellen wir den neuen Bestseller von Manfred Lütz vor. Darin spricht Lütz mit Jehuda Bacon über dessen Erlebnisse im KZ Auschwitz und die "unglaublichen"...

26.01.2017

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren