Brauch zu Lichtmess Wachsstöckerl - garantiert nicht "Made in China"

28.01.2019

Sie bestehen aus einem Kerzenstrang und Verzierungen: die Wachsstöckerl, die früher als Andenken zum Fest Mariä Lichtmess verschenkt wurden. Anneliese Hutterer stellt sie noch her.

Wachstöckerl für Brautpaare: für gute und schlechte Tage.
Wachstöckerl für Brautpaare: für gute und schlechte Tage. © SMB/Bierl

Kirchdorf am Inn - Im vergangenen Jahr hat ein Mann einen ihrer verzierten Wachsstöcke ständig hin und her gedreht. Anneliese Hutterer aus Kirchdorf am Inn verkauft sie vor Mariä Lichtmess auf den traditionellen Wachsmärkten in Tann und in Massing. „Der Preis steht vorne drauf“, meinte sie schließlich. Doch der Mann suchte nach dem Etikett, auf dem „Made in China“ steht. Er konnte nicht glauben, dass solche Stücke noch in Handarbeit hergestellt werden und für 20 bis 30 Euro zu haben sind. „Ich hab dem Mann gesagt, da könnt´ höchstens Gemacht in Niederbayern drauf stehen, aber bestimmt nicht Made in China“, lacht die 55jährige, während sie an einem ihrer Wachsstöcke arbeitet. Vor ihr liegt ein meterlanger Kerzenstrang, der etwa einen halben Zentimeter dick ist. Sie legt ein paar Schlingen hochkant, dreht das Ganze dann herum und wickelt den Kerzenstrang waagrecht um die Schlingen, bis ein rechteckiger Block mitabgerundeten Ecken entsteht. Mit einem Pinsel streicht sie Flüssigwachs in die Ritzen und Fugen, damit das Ganze zusammenhält. „Früher war´s üblich, dass die Gläubigen solche Wachsstöckerl beim Rosenkranzbeten in der Kirche und daheim angezündet haben“, erzählt Anneliese Hutterer. Und manche ihrer Käufer verlangen diesen in eine kompakte Form gewickelten, einfachen Kerzenstrang noch heute. Normalerweise aber wollen sie die Stücke, die auch verziert sind und die niemand als stimmungsvolle Lichtquelle abbrennt. Mit einem kleinen Andachtsbild oder dem bemalten Wachsmedaillon von Maria, Jesus oder dem Heiligen Bruder Konrad, eingefasst mit Goldleisten oder farbigen Wachsblumen. 50 bis 60 solcher Wachsstöcke stellt Anneliese Hutterer pro Jahr her. Gewinn macht sie damit keinen, denn das Material ist teuer. Ihr liegt daran, eine alte Kunst und einen Brauch zu erhalten.

Audio

Zum Nachhören

Beitrag über Wachsstöckerl im Münchner Kirchenradio

Anneliese Hutterer.
Anneliese Hutterer © SMB/Bierl

Wachsstöckerl als Arbeitsvertrag

Denn die Wachsstöcke waren einst ein frommes und beliebtes Geschenk. Bauern schenkten sie zu Mariä Lichtmess ihren Dienstboten, die am 2. Februar die Stellen wechseln konnten. Wer den Knecht oder die Magd halten wollte, gab ihnen ein Wachsstock, quasi wie einen Arbeitsvertrag. Sie waren aber auch ein Dank an die Frauen, die die Betten machten. Zu Lichtmess versteckten die Männer die kleinen Kunstwerke zwischen den Kissen. Heute machen die ihr Bett oft selber und auch das der Gemahlin. Anneliese Hutterer erlebt es gelegentlich, dass dann die Frauen, gut emanzipiert, ihren Ehemännern einen verzierten Wachsstock schenken. Während sie erzählt, hebt sie gerade das Endstück des Kerzenstranges an, aus dem sie abschließend einen Rahmen biegt. Mit einer einfachen Kombizange zwickt sie noch ein Muster hinein, hebt den Rahmen noch einmal an und legt dann ein Marienbildchen darunter. Am besten gehen aber Schutzengel-Motive. Die verwendet die Mutter von fünf erwachsenen Kindern auch gerne für die Wachsstöckerl, die sie zusätzlich für die Kommunionkinder ihrer Pfarrei anfertigt und an sie verschenkt: am Lichtmesstag, wenn der Pfarrer die Kommunionkerzen segnet. Und Anneliese Hutterer freut es, wenn die Eltern erzählen, dass sie es als besonderes Andenken in der Wohnzimmer-Vitrine aufheben und die Kinder es immer wieder anschauen wollen. Dafür schwitzt sie gerne, denn die Kerzenstränge lassen sich nur bei hohen Temperaturen biegen ohne zu brechen. Im Sommer setzt sie sich dafür in ihren dann tropisch warmen Wintergarten, in der kalten Jahreszeit heizt sie den Kachelofen im Esszimmer ein, wenn sie an ihren Wachsstöckerln arbeitet. Etwa zwei bis drei Stunden arbeitet sie an einem Stück, je nachdem, wie aufwändig sie es verziert. Anschließend packt sie die kleinen Kunstwerke in Span- oder Pappschachteln, die sie sie mit Spitzen, Seide oder Papier ausfüttert.

Kleine Kunstwerke: Wachsstöckerl, gemacht in Niederbayern.
Kleine Kunstwerke: Wachsstöckerl, gemacht in Niederbayern. © SMB/Bierl

Meditieren mit Kerzenstrang und Kombizangerl

Bei 27 bis 30 Grad Raumtemperatur und geröteten Wangen vergisst sie dann schon einmal die Zeit. „Mich beruhigt des, wenn ich Wachsstöckerl mach´ und es ist schon immer der Hintergedanke dabei, dass es etwas Religiöses ist“, sagt sie. Nicht nur wegen der frommen Bildchen darauf. Weißes Wachs „zählt neben Wasser, Salz und Öl zu den Sakramentalien“, weiß das Lexikon für Theologie und Kirche, ist also Teil kirchlicher Segenshandlungen. Es galt zudem als Zeichen für Maria, denn die wachsproduzierenden Bienen galten als jungfräuliche Tiere, die durch ihr Wirken mithelfen, Licht in die Welt tragen. Vor der industriellen Produktion war das Material teuer und kostbar. Kerzen und Kerzenstränge wurden vor allem für den Gottesdienst oder die Andacht verwendet. Und wenn man Anneliese Hutterer bei ihrer Arbeit zusieht, fühlt es sich tatsächlich an wie eine Meditation oder ein stummes Gebet: „Ja, man denkt sich schon seinen Teil im Stillen mit, wenn man die Stöckerl wickelt“, sagt die gebürtige Rottalerin. Angefangen hat sie damit, als sie vor zwölf Jahren selbst ein Wachsstöckerl von einer Bekannten geschenkt bekam. Sie hatte sich um deren Enkel gekümmert und ihn heimgefahren, als der sich in der Nachbarstadt verlaufen hatte. Damals ist ihr aufgegangen, „dass es schad´ wäre, wenn´s so was nimmer gäb´“. Seitdem ist sie auch auf den Wachsmärkten der Umgebung zu finden, die ihren Namen deshalb tragen, weil die Bauern dort früher vor Lichtmess den Kerzenbedarf für das kommende Jahr deckten. Heute sind an den Verkaufsständen fast nur noch Kleider, Töpfe oder Putzmittelangeboten zu finden, es sind immer öfter Wachsmärkte ohne Wachs. Anneliese Hutter ist meistens die einzige, die dort die Tradition noch aufrechterhält. „Da darf man nicht ganz richtig ticken, wenn man das macht“, sagt sie. Um sechs Uhr morgens baut sie für nur einen Tag den Stand auf, oft regnet es, es liegt Schneematsch oder es ist einfach kalt und zugig. „Aber wenn die ersten Leut´ kommen und sich für die Wachsstöckerl interessieren, dann ist das alles vergessen.“ Besonders gern erinnert sie sich an einen jungen Mann im ölverschmierten Monteursanzug, der während des Standaufbaus, als der Marktplatz noch im Finstern lag, ein Exemplar kaufte. „Der wollte das unbedingt für seine Freundin haben.“ Tatsächlich lässt sich eine schönere Liebesgabe für Kinder, geschätzte oder geliebte Menschen kaum vorstellen. Sie ist im besten Sinne unnütz und erinnert gerade deshalb an einen besonderen Moment im Leben oder in einer Beziehung.

Doppelstöckerl für Eheleute

Für Brautpaare hat sich Anneliese ein besonderes Wachsstock-Paar ausgedacht: Das linke Stück steht für glückliche Tage, ist weiß und zwei Tauben mit Eheringen sind darauf zu sehen. Das rechte ist schwarz und trägt ein Medaillon mit der Muttergottes von Altötting. So wie bei den schwarzen Wetterkerzen, die bei den Devotionalienhändlern in dem Wallfahrtsort zu haben sind. Noch heute stehen sie auf der Einkaufsliste vieler Pilger, die sie bei Gewittern aus dem Schrank holen und anzünden, um Schaden vom Haus abzuwenden. Bei Anneliese Hutterer symbolisiert das schwarze Wachsstöckerl die „dunklen Stunden in einer Ehe“. Sozusagen wenn das gemeinsame Glück verhagelt ist und dauerhafte Zerstörungen drohen. Die Muttergottes darauf soll deutlich machen, „dass Mann und Frau auf die Hilfe von oben vertrauen können, wenn´s schwarz ausschaut“. Natürlich könnte Anneliese Hutterer versuchen, mit ihren Wachsstöckerln ein Geschäft zu machen. Immer wieder bekommt sie zu hören, dass sie doch ohne großen Aufwand damit im Internet handeln könnte. „Aber dann wäre es ja nur noch eine Ware, die man verscheppert, ohne etwas Hintergründiges.“ Darum lässt sie davon die Finger. „Mich freuts, wenn die Leut´ die Arbeit schätzen und die Stücke in Ehren halten, darum mach´ ich des“, sagt sie. Ihre kleinen Kunstwerke sind deshalb nur zu Mariä Lichtmess auf niederbayerischen Wachsmärkten oder bei ihr daheim zu bekommen.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Video


Das könnte Sie auch interessieren

Im Winter wird das "Lichttanken" wegen der geringeren Lichtstärke um so wichtiger.
© Ingo Bartussek - stock.adobe.com

Mariä Lichtmess Licht – Sehnsucht und Erkenntnis

Warum haben wir Menschen so eine Schwäche für das Licht? Eine Ursachenforschung zu Mariä Lichtmess aus medizinischer, philosophischer und theologischer Sicht.

02.02.2019

© imago

München am Mittag Blick ins Jenseits

Millionen auf der ganzen Welt haben es schon erlebt: in einer lebensgefährlichen Situation haben sie den Blick in eine jenseitige Welt erhascht. Jedenfalls sind die Betroffenen selbst fest davon...

30.01.2019

Lichterprozession bei der Mini-Lichtmessfeier
© Kiderle

Diözesane Mini-Lichtmessfeier in Sankt Benno Kerzen gießen, Schokoladen-Tasting und Ministrieren

Rund 200 Minis aus dem ganzen Erzbistum München und Freising ziehen bei der Vesper in ihren roten Gewändern mit Teelichtern in den Händen durch Sankt Benno. Es wird gesungen, gebetet und über das...

27.01.2019

Das Columba-Jesulein trägt zu jeder Jahreszeit das passende Gewand und hat eine zeitlose Botschaft.
© Kiderle

Columba-Jesulein in Altenhohenau Jesuskind mit Kleiderschrank

In Altenhohenau bei Wasserburg am Inn wird seit Jahrhunderten eine mittelalterliche Schnitzfigur des Jesusknaben mit unterschiedlichen Gewändern eingekleidet.

08.12.2018

Kerzen-Segnung zu Lichtmess - ein beliebtes Brauchtum
© gudrun-fotolia.com

Mariä Lichtmess Ein Hochtag für die Kerze

Am 2. Februar feiert die katholische Kirche Lichtmess. Viele Menschen gehen in die Kirche zur Kerzenweihe, wobei Weihe eigentlich nicht ganz stimmt.

02.02.2017

Brauchtum zu „Mariä Lichtmess“ Rosenkranz am Holzboden gebetet

Heute werden in den Kirchen die Kerzen für das ganze Jahr gesegnet. Das findet immer am 2. Februar an "Mariä Lichtmess" statt. Doch das ist nicht das einzige Brauchtum an diesem Festtag.

02.02.2014

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren