Konstante im Leben Warum Christen keine Angst vor Veränderung haben müssen

04.07.2020

Ob herbeigewünscht, verflucht oder unaufhaltsam - Für Psychotherapeut Tobias Skuban gibt Veränderung Anlass zur Hoffnung.

Chamäleon
Veränderung gehört zum Leben dazu. © blackdiamond67 - stock.adobe.com

Neulich wollte sich eines meiner Projekte einfach nicht so entwickeln, wie ich es geplant hatte. Das hatte mich sehr geärgert, und als ich meinem Ärger bei einem Freund Luft gemacht habe, sagte dieser nur lapidar: „Ach, es ist eben alles im Fluss!“ Wahrscheinlich war das als eine Art Trost gemeint, in diesem Moment indes konnte diese altbekannte Weisheit wenig an meinem Verdruss ändern.

Dennoch – ich habe angefangen, nachzudenken und frage mich seither: Ist wirklich alles im Fluss? Ist wirklich alles einer ständigen Veränderung unterworfen? Und – wenn es so sein sollte – bin ich damit überhaupt einverstanden? Bitte verstehen Sie mich nicht miss – ich bin nicht so vermessen, dass ich davon ausgehe, dass Aspekte der Realität von meinem Einverständnis abhängen könnten. Ich frage mich eher, ob ich der Behauptung einer allseitigen Veränderung zustimmen würde. Und vielleicht überlege ich auch, ob mir das so gefällt oder nicht.

Veränderung sehnlichst erwünscht

Also, nehmen wir uns die erste Frage vor: Ist wirklich Veränderung allenthalben? Interessanterweise fallen mir in diesem Zusammenhang eher viele Situationen meines Lebens ein, in denen sich eine sehnlichst erwünschte Veränderung der Umstände einfach nicht einstellen wollte. Ich denke an anstrengende Arbeiten, die kein Ende nehmen wollten, an persönliche Probleme, die mich von Tag zu Tag in stets gleicher Weise zu begleiten scheinen, an die chronische Erkrankung einer guten Bekannten, in deren Verlauf sich zur Frustration aller Beteiligten keinerlei Besserung abzuzeichnen scheint. Von Veränderung war und ist in solchen Situationen nicht wirklich etwas zu spüren.

Mir kommen in diesem Zusammenhang auch viele meiner Patienten in den Kopf, die sich in sehr herausfordernden Zeiten ihres Lebens nichts lieber wünschen würden, als dass „endlich alles anders“ wird. Auch hier begegnen mir Menschen, die die Erfahrung machen, auf Veränderung scheinbar warten zu müssen.

Gibt es überhaupt Unveränderliches?

Umgekehrt erinnere ich mich an manche Momente, in denen ich das dringende Bedürfnis verspürte, dass die Uhr doch bitte stehen bleiben möge, weil ich dachte, dass es in meinem Leben einfach nicht besser werden könnte. Der erste Kuss, die bestandene Prüfung, die Gesundung von einer Erkrankung – wie gerne hätte ich dann einfach den Pause-Knopf meines Lebens gedrückt, um den Moment nicht mehr entwischen zu lassen.

Ich sollte mich aber nicht nur auf meine eigenen Beobachtungen verlassen und weiter nachdenken. Gibt es überhaupt Unveränderliches – unabhängig davon, dass es mir manchmal so scheinen mag? Wenn man allein bedenkt, dass täglich allein etwa 50 bis 70 Milliarden Zellen unseres Körpers sterben und ersetzt werden, dann scheint sich doch sehr viel zu verändern. Verfolge ich diesen Gedanken weiter, dann erkenne ich, wie allumfassend der Wandel allen Seins ist: Ich altere in jeder Sekunde, meine Haare sind heute (leider) schon grauer als noch vor zehn Jahren, ich mache täglich neue und manchmal sehr unerwartete Erfahrungen und Begegnungen, die angetan sein können, mich zu verändern, Zeiten kommen und gehen, was vor zehn Jahren noch modisch war, wird heute als altbacken eingestuft, Menschen werden geboren und sterben – und mit so einer einschneidenden Erfahrung wie der aktuellen Corona-Pandemie hätte ich vor einigen Monaten auch noch nicht gerechnet.

Grundkonstante des Lebens

Ich muss also feststellen, dass trotz manch subjektiver Erfahrung von Erstarrung die Veränderung die größere Wirkmacht hat. Verkrustung und Unveränderlichkeit haben offenbar gar keinen wirklichen Platz in diesem Leben. Ja, vielleicht ist Veränderung sogar eine Grundkonstante des Lebens und ein Leben ohne Veränderung wäre gar nicht denkbar. Ja, ich bin geneigt, das anzunehmen und muss mich nun wohl fragen, ob ich das für eine erfreuliche oder frustrierende Erkenntnis halte.

Nicht selten ist nämlich meine Sehnsucht auf den berühmten festen Punkt gerichtet, von dem aus ich Sicherheit erfahren könnte, aber offenbar scheint es diesen nicht zu geben. Aber vielleicht bin ich auch ganz glücklich, dass es so ist. Denn wäre das Leben ein Hort der Unveränderbarkeit – wie könnte ich dann Hoffnung haben? Hoffnung ist doch auf neue, auf andere Umstände in der Zukunft ausgerichtet, und Hoffnung braucht Veränderung. Wenn nun das einzig unveränderliche die Veränderung ist, dann gibt das Anlass zu Hoffnung. Nichts bleibt, wie es ist, alles ist tatsächlich im Fluss und ich darf darauf vertrauen, dass sich auch noch so widrige und belastende Situationen meines Lebens ändern werden. Das ist Anlass zu großer Erleichterung – ja, ich bin glücklich darüber, dass sich um mich herum alles wandelt.

Fester Grund in Gott

Und wissen Sie was? Ich bin froh, dass ich Christ bin. Denn, immer wenn mir im Angesicht dieses allseitigen Wandels schwindlig wird, dann weiß ich, dass es den festen Grund, nach dem ich mich oft sehne, eben doch gibt. Ich finde ihn nicht in den Dingen um mich herum, aber ich bin dankbar, ihn in Gottes Gegenwart immer wieder erfahren zu dürfen. Welch eine Gnade in manchen stürmischen Zeiten. (Tobias Skuban, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Oberarzt im Psychiatrischen Krisenzentrum Atriumhaus in München)


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