Die 68er sind an allem Schuld! Warum die Aussagen Benedikts XVI. gefährlich sind

12.04.2019

Sexuelle Aufklärung, Atheismus, Abkehr von der Kirche - für Benedikt XVI. sind das die Gründe für den Missbrauchsskandal. Das ist unlogisch und gefährlich, meint Redakteur Lukas Fleischmann.

Papst em. Benedikt XVI.
Papst em. Benedikt XVI. © imago

Manchmal ist es schwer Katholik zu sein. Denn es macht schon sprachlos, welche Meinungen bisweilen öffentlich hinausposaunt werden, wenn es um das Thema Missbrauch in der Kirche geht. Vor allem für die konservative Fraktion ist klar: Schuld am Missbrauch sind die Abwendung vom Glauben, von der heiligen Lehre der Kirche, und der böse Einfluss der 68er. Der Beitrag von Papst Benedikt XVI. ist der jüngste einer langen Liste. Mich machen diese Zuordnungen sprachlos, denn sie zeigen einmal mehr, wie wichtige Würdenträger oder emeritierte Päpste ein Leben führen, das völlig an der Realität der Menschen vorbeigeht.

Ich bin froh, dass es die 68er gab. Nicht nur, weil sie die Initialzündung der besten Musik überhaupt waren, sondern weil ich unter anderem durch ihren Einfluss so leben kann, wie ich will – und meine Freunde und Familie das auch können. Es ist mir völlig egal, ob jemand schwul ist, transgender, bisexuell oder was auch immer. Die Sexualität wird nicht mehr in Formen gepresst, nicht mehr dem Korsett einer spätantiken Moralvorstellung angepasst – nicht mehr verdrängt. Dass Papst Benedikt XVI. damit seine Probleme hat, verwundert mich nicht. Ich kann verstehen, warum er mit der kirchlichen Sexualmoral argumentiert und von mir aus könnte man auch über einige Punkte diskutieren. Aber Sätze wie: Es habe zur Physiognomie der 68er-Revolution gehört, dass auch Pädophilie erlaubt sei, sind nicht nur falsch, sondern gefährlich. Weiter schreibt er: In derselben Zeit habe sich ein "Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie" ereignet, der auch Teile der Kirche Zitat "wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft" gemacht habe. Der Klassiker der erzkonservativen Fraktion: Die Kirche ist das eigentliche Opfer, sie ist wehrlos geworden!

Fehlende Stringenz

Ich bin kein Theologe und kann daher wenig über die theologische Tiefe der Arbeiten Benedikts sagen. Aber: Indem Benedikt XVI. den sexuellen Missbrauch mit den 68ern und dem Verlust katholischer Autorität verbindet, behauptet er indirekt, dass diese Zeit die Initialzündung für den Missbrauch sein muss. Das ist falsch. Dazu lohnt schon einer kleiner Blick in die MHG-Studie, die ja bis 1946 zurückgeht. Auch vor 1968 ereigneten sich Missbräuche.

Benedikt stößt sich außerdem an Aufklärungsfilmen. Vor allem an denen, die Anfang der 70er Jahre produziert worden. Denn darin sei „alles, was bisher nicht öffentlich gezeigt werden durfte, einschließlich des Geschlechtsverkehrs, nun vorgeführt“ worden. Sex- und Pornofilme seien daraufhin „zu einer Realität“ geworden. Statt Aufklärung als etwas Erstrebenswertes zu sehen, als etwas was Krankheiten, Leid und Ausbeutung verhindert, dämonisiert Benedikt das Ganze. Das ist gefährlich und eine indirekte Verurteilung des Lebens der allermeisten Katholiken.

Menschen machen Kirche

Benedikt stört sich auch daran, dass man in politischen Kategorien über die Kirche spricht, also die Kirche nach menschlichen und politischen Maßstäben reformieren zu wollen. Er sagt, dass die Krise „die durch die vielen Fälle von Missbrauch durch Priester verursacht wurde, drängt dazu, die Kirche geradezu als etwas Missratenes anzusehen, das wir nun gründlich selbst neu in die Hand nehmen und neugestalten müssen. Aber eine von uns selbst gemachte Kirche kann keine Hoffnung sein."

Aber für mich ist das die einzige Hoffnung, die die Kirche noch hat. Denn trotz Ihrer Heiligkeit – und ich bin der Meinung, dass die Kirche etwas Heiliges ist – ist sie eine von Menschen gemachte Institution. Sie ist von Menschen organisiert und strukturiert. Menschen haben Ihre Regeln aus den Evangelien hergeleitet und versucht nach ihrer Facon umzusetzen. Und Menschen haben sie in Teilen zu etwas Missratenem gemacht. Jeder Missbrauch ist missraten, jede Vertuschung ist missraten, jede Bagatellisierung der Verbrechen ist missraten, jede Verhöhnung der Opfer ist missraten – und nichts Anderes.

Wie gerne hätte ich in einem Statement Benedikts XVI. Sätze gehört wie: „Ich hätte vielleicht besser hinsehen müssen.“ Oder sogar: „Wir haben uns geirrt.“ Aber das wird nicht kommen, jedenfalls nicht von ihm.

Der Autor
Lukas Fleischman
Radio-Redaktion
l.fleischmann@st-michaelsbund.de


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