Ewige Menschheitsfrage Warum lässt Gott Leid zu?

18.04.2019

Seit Urzeiten beschäftigt den Menschen die Frage nach dem Leid in der Welt. Mit diesem Problem, dessen theologischer Fachbegriff "Theodizee" lautet, setzt sich in diesem Beitrag der Münchner Jesuitenpater Andreas Batlogg auseinander.

Warum lässt Gott Leid zu?
Warum lässt Gott Leid zu? © dodoardo - stock.adobe.com

Wer wie ich Rahner-Fan ist, kennt natürlich den Artikel „Warum lässt uns Gott leiden?“ – ein Vortrag aus dem Jahr 1980. Karl Rahner SJ (1904 – 1984) referiert darin alle klassischen Antwortversuche, die quer durch die Geschichte gegeben wurden – und mehr oder weniger überzeugten. Der Artikel endet mit der von Eugen Biser († 2014) festgehaltenen Schilderung des Besuchs des Publizisten Walter Dirks († 1991) bei dem sterbenskranken Romano Guardini († 1968): Dieser habe dem Besucher gesagt, er werde sich „im Letzten Gericht nicht nur fragen lassen, sondern auch selber fragen; er hoffe in Zuversicht, dass ihm dann der Engel die wahre Antwort nicht versagen werde auf die Frage, die ihm kein Buch, auch die Schrift selber nicht, die ihm kein Dogma und kein Lehramt, die ihm keine ‚Theodizee‘ und Theologie, auch die eigene nicht, habe beantworten können: Warum, Gott, zum Heil die fürchterlichen Umwege, das Leid der Unschuldigen, die Schuld?“

Keine Antwort

Hier ist der Fachbegriff gefallen: Theodizee – die „Rechtfertigung Gottes“ (griechisch theos = Gott; dike/dikaia = Recht). Er besagt ursprünglich den (mindestens negativen) Nachweis durch die gläubige oder die philosophische Vernunft, dass das Übel in der Welt die Überzeugung der Existenz eines vollkommenen und guten Gottes nicht aufhebt.

Selbst das als sehr katholisch geltende Argument, Gott wolle Menschen durch Leid prüfen und reifen lassen („eine große Wahrheit in sich, die hier gewiss nicht bagatellisiert oder verdunkelt werden soll“), lässt Rahner nicht als letzte, hinreichende Antwort gelten. Hinter alle traditionellen Antworten könne man theologie-geschichtliche Exkurse stellen. Rahner will aber nicht mit Wissen beeindrucken. „Es ist“, so der Jesuitentheologe, „in der Praxis unserer Existenz eben doch so, dass die Annahme Gottes als des unverfügbaren Geheimnisses und die schweigende Annahme der Unerklärlichkeit und Unbeantwortbarkeit des Leides derselbe Vorgang sind.“

Pater Andreas Batlogg ist Seelsorger an der Jesuitenkirche St. Michael in München und war bis 2017 Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“
Pater Andreas Batlogg ist Seelsorger an der Jesuitenkirche St. Michael in München und war bis 2017 Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ © Archiv

Mehr als dieser Artikel beeindruckt – und überzeugt – mich heute ein Interview von 1981, in dem Rahner auf seinen Artikel einging. Darauf angesprochen, dass für viele Menschen „auch das Christentum nur bruchstückhaft antworten kann“, erwiderte er: „Schauen Sie: Im 14. Band meiner ,Schriften zur Theologie‘ habe ich einen Aufsatz veröffentlicht, dessen Titel heißt: ,Warum lässt uns Gott leiden?‘ Der letzte Sinn dieses Aufsatzes war, dass es darauf keine Antwort gibt, dass diese Unbegreiflichkeit des Leidens mit allen frommen Sprüchen, die auch die Pfarrer von der Kanzel machen, das Problem nicht beseitigt werden kann, sondern nur als Konkretheit der Einstellung angenommen und bewältigt werden kann, in der wir die Unbegreiflichkeit Gottes selbst annehmen.“

Leid, soweit das Auge reicht …

Nicht weil ich inzwischen selber mit einer Krebsdiagnose konfrontiert und über ein Jahr lang in Behandlung war, sage ich das. Ich kenne diese Fragen: „Warum gerade ich?“, „Warum jetzt?“ Mittlerweile meine ich, dass man mit Gelehrsamkeit allein oder mit „frommen Sprüchen“ der Frage weniger gerecht wird, als wenn man schlicht und ergreifend bekennt: Wir wissen es nicht! Kapituliert damit die Vernunft vor der Frömmigkeit?

Natürlich gibt es auch Glückspilze: Menschen, denen lebenslang nichts Schlimmes zustößt, die nicht ernsthaft erkranken, denen Unfälle, Schicksalsschläge, Kriege oder Katastrophen erspart bleiben. Aber selbst sie sind mit Leid konfrontiert – mit der Not und der Verzweiflung der Anderen. Das biblische Buch Ijob ist Schrift gewordener Niederschlag des Ringens nach Antworten.

Das Erdbeben von Lissabon, dem fast 100.000 Menschen zum Opfer fielen, ließ 1755 nicht nur Gebäude einstürzen. Erschüttert war der neuzeitliche Glaube an die Güte und Allmacht Gottes. Mittlerweile gab es zwei Weltkriege. „Auschwitz“ wurde zur Metapher für die millionenfache Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten. Wer hätte sich vorstellen können, dass es fünfzig Jahre später vor unserer Haustüre einen Balkankrieg geben würde? Der 11. September 2001 („9/11“) wurde zur politischen Zäsur. Tsunamis und Erdbeben, Amokläufe und IS-Terror prägen unseren Alltag. Zuletzt schockierte im Frühjahr 2019 ein rechtsextremer Anschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland.

Compassion: Mitfühlen – und mitgehen

Wir sind nicht Gottes Marionetten, die er wie ein Puppenspieler tanzen lässt. Im Kreuz Christi, dem wir uns in diesen Tagen besonders zuwenden, liegt vielleicht der Schlüssel zu der Frage, warum Gott eine Welt geschaffen hat, in der es Leid und Not gibt. Gott ist nicht der unbeteiligte Zuschauer. Gerade im Blick auf das Leben Jesu gewinnen Menschen immer wieder die Kraft, sich mit der Not anderer auseinanderzusetzen.

Christlicher Glaube ist keine Entschlüsselung sämtlicher Lebensfragen. Auch keine Antwort auf alles, was uns quält, bedrückt, manchmal sogar irre macht. Glaube kann aber bei der Bewältigung helfen. Abgeschafft ist das Leid damit nicht. Aber wir haben in Jesus dem Christus einen Leidensgenossen. Der uns durch seine Auferstehung eine Perspektive eröffnet, sie bedeutet Solidarität und Compassion. Jesus hat das vorgelebt. Wer betet, findet vielleicht Antworten, die die Theologie oder die Vernunft allein nicht geben können. Darin Trost finden – das ist nicht wenig. (Andreas R. Batlogg SJ)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Karwoche

Das könnte Sie auch interessieren

© Kiderle (2), privat (3)

Leiden lindern Wie Kirche Menschen in Not hilft

Im Krankenhaus, am Telefon oder im Beichtstuhl: Die Kirche versucht auf vielerlei Weise, Leiden zu lindern. mk online hat bei verschiedenen katholischen Einrichtungen nachgefragt, wie dies gelingen...

17.04.2019

„Der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt, ist die Barmherzigkeit“, schreibt Papst Franziskus in der Verkündigungsbulle „Misericordia vultus“.
© Piotr Slizewski – stock.adobe.com

Impuls von Pater Andreas Batlogg Barmherzigkeit ist ein Lebensstil

Wie sie mit Schuld und Versagen umgingen – auch daran könne man Christen erkennen, meint Pater Andreas Batlogg. Warum Barmherzigkeit für die Kirche so wichtig ist, verrät der Jesuit hier.

07.04.2019

Pater Andreas Batlogg in seinem Zimmer in St. Michael in München
© Ertl/SMB

Glaube in Krankheit Jedes Gebet ein Schrei

Die Diagnose "Darmkrebs" veränderte mit einem Schlag das Leben des Münchner Jesuitenpaters Andreas Batlogg aus St. Michael.

05.06.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren