Weihnachten 2020 Warum wir heuer trotz allem "Oh du fröhliche!" singen

23.12.2020

Kardinal Reinhard Marx betrachtet das bekannte Weihnachtslied in seinem Text einmal genauer und findet, dass es nach diesem geplagten Coronajahr besonders gut passt.

Mosaik vom Christuskind
Die Geburt Christi ist jedes Jahr Grund genug um "Oh du fröhliche!" zu singen. © imago images / imagebroker

So wie „Stille Nacht“ ist es eines der bekanntesten Weihnachtslieder, das weltweit gesungen wird: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! ...“ Es gehört zu den Liedern, die in einer Christmette oder an Weihnachten kaum fehlen dürfen.

Die Geschichte der Entstehung des Liedes erklärt vielleicht, warum es bis heute gesungen wird: Es geht zurück auf Johannes Daniel Falk (1768–1826), der als Schriftsteller und Theologe in Weimar lebte. Zur Melodie eines sizilianischen Marienliedes schrieb Falk 1815 den Text des Liedes, das damals noch anders aufgebaut war. Es hatte ursprünglich drei Strophen – eine zu Weihnachten, eine zu Ostern und eine zu Pfingsten – und Falk wollte damit den Kindern des Waisenhauses den Festkreis der Kirche näherbringen. Von diesen ursprünglichen Strophen ist uns heute noch die erste bekannt, die anderen beiden heute gebräuchlichen Strophen kamen etwas später von Heinrich Holzschuher dazu.

Weihnachtsglauben gegen Weltuntergangsstimmung

Die Melodie klingt fast hymnisch, etwas getragen und zugleich beschwingt, und versetzt uns in Festtagsstimmung. In der ersten Strophe ist bei diesem musikalischen Grundton der Text doch irritierend, wenn es heißt: „Welt ging verloren, Christ ist geboren“. Das klingt nun doch – auch wenn man es eschatologisch versteht – nicht wirklich nach einer „o so fröhlichen“ Zeit. Ein Blick in die Zeit- und Lebensgeschichte des Autors macht es verständlicher: 1815 – die napoleonischen Kriege sind gerade vorbei – kümmern sich Johannes Daniel Falk und seine Frau Caroline Falk in Weimar um Kriegswaisen, nehmen diese zuerst in ihrem Haus auf und gründen mit Freunden ein Waisenhaus.

In den Jahren des Krieges sind vier ihrer sieben Kinder verstorben. Trotz ihres eigenen Leids kümmern sie sich um andere. Die aufkommende Hoffnung nach dem Kriegsende wird getrübt, als im April 1815 in Indonesien der Vulkan Tambora ausbricht, was weltweit eine Klimakatastrophe auslöst, das „Jahr ohne Sommer“ mit Überflutungen, Temperatureinbrüchen und Schnee. Es folgen Missernten und Hungersnöte. Nein, wahrlich keine fröhliche Zeit, vielleicht eher Weltuntergangsstimmung: „Welt ging verloren“. Dagegen setzt Falk den Weihnachtsglauben in Kurzfassung, nämlich: „Christ ist geboren: Freue, freue dich o Christenheit!“

Gemeinsame Lebens- und Zeiterfahrung

Wenn ich mir die Entstehungsgeschichte dieses Liedes klarmache, dann kann ich die Spannung zwischen Melodie und Text, zwischen Strophe und Refrain besser verstehen. Vielleicht ist das Lied ja auch deshalb fest in unseren Traditionen verankert, weil man eben spüren kann, dass hinter diesem Text eine intensive Lebens- und Zeiterfahrung steht. Und vielleicht ist es genau deshalb auch ein gutes Lied für unser Weihnachtsfest 2020.

Kardinal Reinhard Marx und Bayerns evangelischer Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm feiern an Heiligabend gemeinsam Gottesdienst um 16 Uhr in der Jugendkirche "Vom Guten Hirten" in München-Haidhausen. Dieser steht unter dem Leitwort "Fürchtet Euch nicht!" und wird live im Internet übertragen.

Unsere je persönlichen und unsere gesellschaftlichen Erfahrungen in diesem Jahr, in dem alles um die Corona-Pandemie kreist, machen überdeutlich, dass unser Leben endlich und zerbrechlich ist, dass Tod und Leid zu unserer persönlichen Lebensgeschichte und zur Geschichte der Menschheit insgesamt gehören. Das ist der Grundton unseres Lebens, auch wenn wir nicht dauernd darüber nachdenken. Es kommt uns meist dann zu Bewusstsein, wenn wir selbst oder Menschen, denen wir verbunden sind, Leid erfahren, oder wenn Katastrophen geschehen, die unser Begreifen überfordern. In diesem Jahr nun teilen alle Menschen gleichzeitig und weltweit diese Erfahrung der Zerbrechlichkeit und der Gefährdung des Lebens, die unser Leben und unser Miteinander auch noch „nach Corona“ prägen wird.

Menschen, die um jemanden trauern, dem sie im Leben besonders eng verbunden waren – wie Eltern, Kinder, Partner, enge Freunde – erzählen häufig, dass sie vor dem ersten Weihnachtsfest ohne die Verstorbenen Angst haben und besonders traurig sind, weil eben nichts mehr so ist wie vorher. Vielleicht merken wir eine so tiefgreifende Erfahrung gerade an Weihnachten, weil das Weihnachtsfest von so vielen Traditionen und Bräuchen geprägt ist, die bis in unsere Kindertage zurückreichen. Vieles davon drückt die Sehnsucht der Menschen nach einer heilen Welt aus, auch wenn genau das überfordern, die Erwartungen an das Weihnachtsfest überhöhen und zu Spannungen führen kann. Aber es gibt diese Sehnsucht, dass das Leben gut und friedlich sein soll.

Die Hoffnung kommt in die Welt

In diesem Jahr wird es für viele Menschen ein anderes Weihnachtsfest sein als sonst: Die Familienbesuche sind reduziert, die Vorbereitungen sind mühsamer, viele gehen mit Sorgen um ihre Arbeit und ihre Zukunft in dieses Fest, viele haben Angst, an Corona zu erkranken oder andere anzustecken. Täglich können unsere Pläne wieder überholt sein, weil die Pandemie-Entwicklung andere Einschränkungen erforderlich macht. Auch die Teilnahme an Kinderkrippenfeiern, Christmetten und Festgottesdiensten an Heiligabend und zu Weihnachten wird für viele nicht so möglich sein, wie es ihnen wichtig ist. Auch dass wir in den Gottesdiensten nicht gemeinsam singen können, macht viele traurig. Es ist dieses Jahr keine nur fröhliche und unbeschwerte Weihnachtszeit.

Die Christmette mit Kardinal Reinhard Marx aus dem Münchner Liebfrauendom (mit Gebärdensprachdolmetscherin) am 24. Dezember um 19:00 Uhr ist online auf der Seite des Erzbistums München zu sehen und im Münchner Kirchenradio online oder über DAB+ zu hören.

Und dennoch ist es heute so wie auch zu der Zeit, als Johannes Daniel Falk „O du fröhliche“ getextet hat: „Christ ist geboren!“ Daran ändert sich nichts und das ist der wahre Grund unserer Weihnachtsfreude. In dieser gesungenen Kurzfassung des Weihnachtsglaubens schwingt all das mit, was wir auch in den biblischen Texten hören: Gott wird Mensch in einer Welt, die damals wie heute nicht vollendet ist, die nicht einfach nur gut ist. Die Geburt Jesu von Nazareth hat die Welt nicht mit einem Lidschlag besser gemacht: Krankheit, Tod, Angst und Not der Menschen sind nicht aus der Welt. Das erleben wir jeden Tag. Aber wir glauben, dass die Geburt des Gottessohnes die Welt eben doch ein für allemal verändert hat, weil damit eine Hoffnung in die Welt kam, die durch nichts zu zerstören ist.

Gottes Nähe

Wenn wir im Glauben davon ausgehen können, dass dieses Gotteskind der Retter ist, dass Jesus von Nazareth uns erlöst, dass Gottes Reich anbricht, dann hat das schon jetzt in unserem Leben mit all seinen Unzulänglichkeiten, aller Not und Sorge, aller Angst und Verzweiflung eine Wirkung: Es verändert unser Denken, unser Reden, unser Handeln. Nicht die Welt an sich ist automatisch eine bessere, aber dieser Glaube verändert die Menschen, die ja die Welt gestalten.

Es ist der Glaube an die Hoffnung, dass das Leben durch die Geburt des Gottessohnes zum Guten gewendet ist. Was das konkret bedeutet, können wir am Leben und in der Verkündigung des biblischen Jesus sehen, der uns das in Gleichnissen und Wundern zeigt. Gott hat in seinem Sohn Jesus klargemacht, dass er uns nahekommen will. Auch in Zeiten von „social distancing“ ist Gott uns nahe. Er ist bei uns.

Menschliche Wachheit

Dieser Glaube kann uns auch in schweren Zeiten und in Krisen tragen. Und wir können uns gegenseitig tragen, indem wir aufeinander achten und füreinander beten. Das Gebet ist, besonders im Advent und in der Weihnachtszeit, ein Gebet der Hoffnung, denn wir beten nicht ins Leere hinein, sondern schauen auf einen Gott, der in unsere Welt kommt und sich mit dem Leid der Menschen verbindet, der selber stirbt und den Tod annimmt, der auch meinen Tod mitstirbt und so eine Wende ermöglicht, die Ausdruck findet in der österlichen Hoffnung, die auch unsere weihnachtliche Hoffnung ist.

Das Gebet öffnet unser Herz für alle Menschen, insbesondere für diejenigen, deren Leben in besonderer Weise gefährdet ist durch Krankheit, Alter, Armut, Not, Einsamkeit, durch Kriege und Katastrophen, durch Hunger und Flucht. Denn das Gebet ist kein Rückzug in sich selbst, sondern eine Form menschlicher Wachheit für die Wunden der Welt, ein Gebet mit offenen Augen. Das Netzwerk des Gebetes kann auch durch „social distancing“ nicht unterbrochen werden. Auch das ist eine Erfahrung dieser Zeit. Ohne Gebet können wir uns selbst und die Welt und auch diese Zeit nicht wirklich vom Evangelium her verstehen und so Kraft erfahren für unseren Einsatz in der Welt und für den Nächsten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und allen, mit denen Sie verbunden sind, ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest! (Kardinal Reinhard Marx)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Advent & Weihnachten

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