Ostern Was Auferstehung heute bedeuten könnte

21.04.2019

Durch die ersten Sonnenstrahlen oder den morgendlichen Kuss vom Partner, kann Auferstehung erlebt werden.

Mit Gottes Hilfe und Vertrauen auf den Heiligen Geist kann es uns gelingen, die österliche Morgenröte sichtbar werden zu lassen, meint Theresia Reischl.
Mit Gottes Hilfe und Vertrauen auf den Heiligen Geist kann es uns gelingen, die österliche Morgenröte sichtbar werden zu lassen, meint Theresia Reischl. © imago/imagebroker

Karsamstag in der Bibel …

Stellen Sie sich vor: Es ist Karsamstag, irgendwann im Laufe des Nachmittags. Die einen, es sind nun einmal die Männer, die Jünger Jesu, ziehen sich zurück und „lecken ihre Wunden“: Ihren verletzten männlichen Stolz, dass sie eventuell einem Scharlatan gefolgt sind; ihre Trauer, dass die gemeinsame Zeit vorbei ist; ihre Angst, dass sie ebenfalls verfolgt und getötet werden könnten; ihre Wut auf die scheinbar stärkere und größere Menschenmenge, die lauter gebrüllt hat.

Die anderen, die Frauen, die Jüngerinnen Jesu, rappeln sich wieder auf und versuchen zu heilen, zu trösten, neue, andere Wege zu gehen, um mit der Situation umzugehen und Leben möglich zu machen. Einen letzten Liebesdienst wollen sie ihrem Herrn und Meister erweisen, wollen seinen Leichnam salben, machen sich auf den Weg, brechen auf. Auch sie mit Trauer, Angst und Wut im Gepäck. Aber trotzdem mit der festen Überzeugung und Hoffnung, dass es irgendwie weitergehen wird.

… und im Leben der Kirche

Zumindest meinem Gefühl nach stecken wir, Christinnen und Christen heute, auch in dieser grauen Zwischenstufe des Karsamstages. Es ist etwas unwiederbringlich vorbei, zum Teil gewaltsam beendet, mit Schuld beladen: die Zeit der klassischen Volkskirche, zu der man und frau einfach gehört; die Zeit, in der Kirche eine moralische Instanz war; die Zeit, in der Vertreterinnen und Vertreter der Kirche unumstritten als Vorbilder im Leben taugten. Der Missbrauchsskandal mit seiner ganzen Wucht hat uns getroffen und viel Vertrauen verspielt, die diversen Finanzskandale haben ihr Übriges dazu getan. Viele, beileibe nicht nur Kleriker, würden darüber gerne den Mantel des Schweigens breiten, den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass der Sturm einfach vorüberzieht. Es erscheint dunkel und trist, die frohe Botschaft verschwindet hinter den menschlichen Verfehlungen. Dem Schwarzen des Karfreitags, der Nacht.

Trotzdem bricht gleichzeitig etwas Neues auf: Es wird anders gedacht von Kirche; es wird diskutiert, wie gemeinsame Gemeindeleitung funktionieren kann; es wird lauter denn je ausgesprochen, dass auch Frauen ihren Teil der Verantwortung in der Kirche übernehmen wollen, können und müssen; es werden Schutzkonzepte entwickelt und umgesetzt, damit Macht- und sexueller Missbrauch verhindert werden können. Laien und Hauptamtliche machen sich auf den Weg, die Botschaft Jesu in unserer heutigen Zeit zu Gehör zu bringen. Sie machen sich Gedanken darüber, wie es weitergehen kann. Ein leichtes Erahnen des Ostermorgens.

Auferstehung heute?

Mit dieser Karsamstagsstimmung, in der wir uns befinden, können wir unterschiedlich umgehen, genauso wie schon vor 2.000 Jahren die Jüngerinnen und Jünger Jesu: Mit Rückzug, mit trotzigem „Weiter so!“, mit Bestandswahrung. Mit Schuldzuweisungen an die Gesellschaft. Mit Beharren auf angeblich Unabänderlichem. Oder eben mit Aufbruch, Neubeginn, Ausprobieren, und auch, ja, mit Ungewissheit, mit der Gefahr des Scheiterns, mit Anstrengung und Überwindung.

Biblisch ist mit Sicherheit Letzteres: Der Ostermorgen ist ganz und gar kein beschaulicher, ruhiger Feiertag, schön anzuschauen und zu meditieren. Ständig sind die Menschen in Bewegung, die einen „schleichen“ traurig durch die Gegend, die anderen machen Wettrennen, die Dritten laufen begeistert und freudig zu ihren Freunden … Nein, ein entspannter Feiertag war dieses allererste Osterfest sicher nicht.

Es fängt schon damit an, dass es gar kein Feiertag war, sondern der normale Wochenbeginn, ein Arbeitstag, schließlich war es ja der erste Tag nach dem Sabbat – für Juden ein Tag wie jeder andere Arbeitstag. Das allein finde ich schon bemerkenswert: Jesus ist also im Alltag auferstanden. Nicht dann, wenn es für die Menschen passt, wenn sie frei haben und vielleicht Zeit und Muße dafür haben .... Nein, mitten im Alltag, mitten im Trubel des Lebens. Das Lied „Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung“ kommt mir in den Sinn: Wo erlebe denn ich Auferstehung in meinem Leben?

Das klingt vielleicht erst einmal sehr abgehoben, aber ganz ehrlich: Die erste Tasse Kaffee am Morgen, wenn meine Kinder wieder eine Nacht zum Tag gemacht haben, kann für mich schon so etwas wie Auferstehung bedeuten. Oder die ersten Sonnenstrahlen, wenn ich das Rollo hochziehe. Oder der morgendliche Kuss, den mein Partner mir schenkt. Auferstehung heißt aus dieser persönlichen Warte heraus: Im Alltag, im Leben das Ungewöhnliche zulassen, es entdecken, wertschätzen und annehmen als Geschenk und Chance.

Theresia Reischl ist Pastoralreferntin in Freising.
Theresia Reischl ist Pastoralreferntin in Freising. © Ecker

Sich einsetzen für die Sache Jesu

Übertragen auf die Situation der Kirche: Es ist schon ein Zeichen der Auferstehung, dass es Menschen gibt, die sich für die Sache Jesu einsetzen. Es ist nicht mehr normal und selbstverständlich, seine Kinder taufen zu lassen, zur Erstkommunion und zur Firmung zu gehen, sich kirchlich trauen zu lassen. Es ist auch nicht mehr normal, kirchlichen Beistand bei der Beerdigung zu wünschen. Mit diesem „nicht mehr normal“ müssen wir umgehen, es wertschätzen, auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen und qualitativ hochwertig arbeiten. Es ist ein besonderes Angebot, dass wir den Menschen heute machen können – aber es muss auch so behandelt werden. Lieblosigkeit, Konzeptlosigkeit, Sprachlosigkeit und um sich selber kreisen nehmen die Menschen nicht mehr einfach so hin – und das ist auch gut so!

Es werden da schon viele neue, gute Wege begangen, wir dürfen dabei aber nicht den Mut verlieren und die Geduld. Auch die Jüngerinnen und Jünger Jesu brauchten mehrere Anläufe, um zu verstehen, dass der Herr wirklich lebt.

Ein zweiter Gedanke, der mich wortwörtlich bewegt: Ostern brachte keine Ruhe für die Anhänger Jesu, ganz im Gegenteil. Sie mussten sich bewegen, damit Auferstehung wahr werden konnte. Betrachten wir nur die Begegnung des Auferstandenen mit Maria Magdalena mit den Augen eines Regisseurs: Wie oft muss sie sich, wie oft aber auch Jesus sich bewegen, damit sie einander ansehen können, damit es zum Kontakt kommen kann? Das traditionell überlieferte Bild einer Frau, die am Boden liegt, um den Rocksaum des Meisters zu berühren, ist der Phantasie der Künstler entsprungen – Maria Magdalena muss aufrecht stehen, um mit Jesus ins Gespräch zu kommen. Sie muss aber auch akzeptieren, dass sie den Moment nicht festhalten kann, genauso wie es Petrus bei der Verklärung nicht konnte.

Nachdenken über geschichtliche Entwicklungen

Für uns heute kann das bedeuten, dass wir durchaus selbstbewusst, wissend um unsere Traditionen, aber auch vertrauend darauf, dass sich etwas wenden kann, mit der Situation umgehen können. Jesus selbst wandte sich Maria zu, er muss sich, wenn wir das Johannesevangelium wörtlich nehmen, bewegen, um sie anzuschauen – und dann soll es unmöglich sein, zum Beispiel über manche geschichtliche Entwicklung wie die Teilhabe der Frauen am Amt nachzudenken und anders zu entscheiden?

Sich wenden, sich wandeln, verändern lassen, gestärkt ins Leben gehen – das feiern wir in jedem Gottesdienst. Wenn wir das ernst nehmen, dann gehört Wandlung, dann gehört auch Auferstehung zu unserem Leben und zum Leben unserer Kirche.

Sich öffnen für die Stimme Gottes

Die Frage ist, ob wir das wirklich wollen, mit aller Konsequenz. Denn es bedeutet, sich, die eigene Rolle, die eigene Identität, die Stellung in der Gemeinde, Kirche als Ganzes ehrlich anzuschauen, zu hinterfragen und sich zu öffnen für die Stimme Gottes. Es bedeutet Versuch und Irrtum, es bedeutet Ungewissheit, Abenteuer und Neuaufbruch. Das ist anstrengend und wird es auch bleiben. Aber Ostern und Auferstehung sind nun einmal eine Herausforderung – der wir uns stellen dürfen und wohl auch müssen. Sonst bleibt es beim Grau des Karsamstags.

Mit Gottes Hilfe aber und Vertrauen auf den Heiligen Geist kann es uns gelingen, die Morgenröte sichtbar werden zu lassen. (Theresia Reischl)

Zur Autorin


Die Autorin, Theresia Reichl, ist promovierte Theologin und kirchliche Organisationsberaterin. Sie arbeitet als Pastoralreferentin im Pfarrverband St. Korbinian in Freising mit Arbeitsschwerpunkt auf den Familiengottesdiensten, der Erstkommunionvorbereitung und Frauenliturgien.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Ostern

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