Trauriger Exportschlager Was Bayerns Kirche aus dem Missbrauchsskandal gelernt hat und weitergibt

18.03.2020

Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche spielen bedeutende Fälle in Bayern. Um diese auzuklären, waren Experten gefragt. Die geben ihr Wissen weiter.

Kreuz wirft Schatten an Ziegelwand
Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche wirft immer noch weite Schatten. © MichaelGaida - pixabay.com

München – Er kennt sich aus mit schwierigen Fällen: Ulrich Weber, Rechtsanwalt in Regensburg. 2015 hat er dazu beigetragen, die damals seit fünf Jahren stockende Aufklärung bei den Domspatzen mit verhärteten Fronten zwischen Kirche und Betroffenen auf einen guten Weg zu bringen. Das hat dem Opferanwalt vom Weißen Ring nicht nur viel Aufmerksamkeit in seiner Heimatstadt eingebracht, sondern gleich auch einen Folgeauftrag im Bistum Mainz, dort Fälle bis 1945 zurück zu untersuchen. Weber ist nicht der einzige Fachmann in Bayern. Die Erfahrungen von Experten, aber auch von Kirche und Orden beim Missbrauchsskandal sind quasi zum traurigen Exportschlager geworden.

Einbindung der Opfer

In mehreren Punkten interessant ist eines der ersten weitgehend gelungenen Aufarbeitungsprojekte bundesweit, nämlich das im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal. Nach konfliktreichen Monaten zwischen Mönchen und Betroffenen und einer Intervention des Erzbistums München und Freising gelangen Aufklärung und Aufarbeitung relativ schnell. Rund 70 Opfer erhielten finanzielle Anerkennungsleistungen, die mit bis zu 20.000 Euro pro Person weit über die in Bistümern üblicherweise empfohlene bisherige Höchstsumme von 5.000 Euro hinausgingen.

Bemerkenswert sind dabei nicht allein die bis dato für eine kirchliche Institution einmalig hohen Summen, sondern auch die Einbindung der Opfer über deren eigens gegründeten Verein. Dieses Modell stand in Teilen Pate für die spätere Aufarbeitung bei den Domspatzen. Ein Baustein ist dabei die wissenschaftliche Studie des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) um den Sozialpsychologen Heiner Keupp, die im März 2013 vorgelegt wurde.

Vorbildlicher Weg

Auch für das IPP gab es nach der erfolgreichen Arbeit in Ettal Folgeaufträge. Dazu gehörte eine Untersuchung zu Gewalt und Missbrauch im österreichischen Stift Kremsmünster oder im Bistum Hildesheim, wo ein Fokus auf dem 1988 verstorbenen früheren Bischof Heinrich Maria Janssen sowie einem der Täter aus dem Canisius-Kolleg in Berlin liegt, wo der Missbrauchsskandal 2010 seinen Anfang nahm.

Die Münchner Forscher sind inzwischen auch weit über die katholischen Grenzen hinaus gefragt. 2018 schloss das IPP eine Studie zu sexualisierter Gewalt in der Odenwaldschule ab. Und Sozialpsychologe Keupp ist mittlerweile Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin.

Das Modell der wissenschaftlichen Untersuchung hat Maßstäbe gesetzt. So gab es bei den Domspatzen erstmals neben einer kriminologisch-soziologischen Studie auch eine historische, die im Sommer 2019 vorgestellt wurde. Ettal wie auch die Domspatzen werden mittlerweile von Experten als gelungene Projekte der Aufklärung und Aufarbeitung gesehen. Der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sprach etwa in Bezug auf Regensburg von einem "vorbildlichen" Weg.

Bayrische Pionierarbeit

Beispielgebend sind beide Fälle auch bei der "Mitsprache der Betroffenen", wie Keupp es formuliert. So will die Deutsche Bischofskonferenz nach der im Herbst 2018 veröffentlichten Missbrauchsstudie einen eigenen Betroffenenbeirat einrichten. Bistümer planen dies ebenfalls oder haben es schon getan. Wobei dort eine repräsentative Besetzung um einiges schwerer fallen dürfte als in den bayerischen Internatsschulen.

Pionierarbeit leisten aber auch immer wieder bayerische Bistümer. 2010 war es etwa das Erzbistum München und Freising, das die Münchner Anwältin Marion Westpfahl damit beauftragte, die Personalakten der Erzdiözese nach Hinweisen auf Missbrauch zu durchsuchen. Der Bericht ist nicht vollständig veröffentlicht; aus Datenschutzgründen, wie es heißt. Nun wurde die Münchner Kanzlei auch vom Erzbistum Köln mit einer Untersuchung beauftragt.

Mit einbezogen ist hier zugleich der Leiter des Zentrums für Kinderschutz an der päpstlichen Gregoriana-Universität, der Jesuit Hans Zollner. Auch diese Institution ist eine Art bayerischer Export. Zunächst hatte sie ihren Sitz in der bayerischen Landeshauptstadt. Und immer noch fließen dafür aus München beträchtliche Mittel nach Rom.

Aufarbeitung und Prävention

Demnächst erhält der in Regensburg aufgewachsene Jesuit auch personelle Verstärkung in Gestalt des früheren Münchner Generalvikars Peter Beer. Der 53-Jährige wechselt im Frühjahr ans Kinderschutzzentrum. Kurz vor seinem Ausstand im Münchner Ordinariat bekannte er in dessen Mitarbeiterzeitung, wie der Missbrauchsskandal ihn an seine Grenzen gebracht habe. Dabei hätten ihn sogar Zweifel gequält, ob seine Entscheidung, Priester zu werden, richtig gewesen sei.

Beer wird sich nun in Rom weiter für Aufarbeitung und Prävention einsetzen. Kirche müsse versuchen, "alles zu unternehmen, damit Missbrauch möglichst nicht mehr vorkommt", ist er überzeugt. "Das ist eine Aufgabe, die nie abgeschlossen werden kann."(kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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