Traditionen in Stadt und Land Was bedeutet mir Brauchtum?

15.08.2018

Im Modedirndl auf die Wiesn gehn oder im Trachtenverein alte Riten und Tänze pflegen? Brauchtum hat für jeden eine andere Bedeutung. Zwei junge Frauen aus dem Erzbistum erzählen, wie sie es mit der Tradition so halten.

Brauchtum hat für jeden eine individuelle Bedeutung. © imago/Nordphoto

Paula Germeier (16, Mittelschul-Absolventin aus Poing)

Brauchtum ist ein bedeutender Teil meines Lebens. Das fängt schon bei der Sprache an: In meiner Familie – mein Vater ist gebürtiger Poinger, meine Mutter stammt aus Rosenheim – sprechen wir alle bairisch. Leider bringt das manchmal auch Nachteile. Gerade jetzt in meiner Abschlussprüfung wurde ich schlechter bewertet, weil ich laut Lehrerin und Prüfer in einer anderen Sprache geantwortet hätte, nämlich Bairisch.

Selbstverständlich bin ich auch in vielen Vereinen Mitglied: zum Beispiel beim Trachtenverein „Aubergler“ oder bei der Freiwilligen Feuerwehr, seit fast drei Jahren bin ich Oberministrantin in der Pfarrei St. Michael hier in Poing. Für mich gehört es einfach dazu, beim Volksfest-Einzug, bei Gründungsfesten der Vereine oder neulich bei der Weihe unserer neuen Kirche mitzulaufen. Natürlich in Tracht! In unserem Verein tragen wir die Miesbacher Tracht.

Paula Germeier aus Poing pflegt gerne altes Brauchtum und ist Mitglied in vielen Vereinen. © privat

Gerade in den Vereinen erlebe ich sehr lebendiges Brauchtum und wir haben eine Riesengaudi miteinander. Zum Beispiel haben wir neulich auf dem Volksfest einen Tanzkurs angeboten und viele Besucher damit angesteckt. Man muss sich schon konzentrieren und Geduld haben, wenn man am Anfang auch mal ein paar falsche Schritte macht.

Brunch nach der Osternacht

Auch die Fronleichnamsprozession genieße ich, wenn wir gemeinsam zu den verschiedenen Altären durch den Ort ziehen. An Ostern geht meine Familie um 5 Uhr gemeinsam in die Osternacht, danach brunchen wir gemütlich miteinander. An Weihnachten sitzen wir nach dem Essen um den Christbaum, einer von uns liest das Evangelium vor und vor der Bescherung singen wir noch gemeinsam. Jetzt zu Mariä Himmelfahrt bindet meine Mutter Kräuterbuschen, sie liebt Kräuter. Auch das Beten vor dem Essen gehört für uns daheim immer dazu, und als begeisterte Rennradelfahrerin schicke ich gern mal ein Stoßgebet nach oben, wenn mir die Puste ausgeht.

Ich finde es wichtig, diese schönen Bräuche und auch die christlichen Traditionen zu pflegen – ich zumindest habe dabei sehr viel Spaß!

Elena Diehl aus München ist es wichtig, mit ihrer Familie Rituale zu finden, zum Beispiel das gemeinsame Kochen. © privat

Elena Diehl (18, Studentin aus München)

Ich bin in München geboren und aufgewachsen und fühle mich daher als Münchnerin, obwohl die Wurzeln meiner Familie in Hessen und Berlin liegen. Mit bayerischem Brauchtum habe ich bisher nicht sehr viel zu tun gehabt. Natürlich gehe ich mit meinen Freunden auf das Oktoberfest und ziehe da auch ein Dirndl an. Aber das hat mehr mit der Gruppe meiner Freunde zu tun als mit einer Tradition.

Als „Stadtkind“ hatte ich bisher nicht viel Kontakt mit Jugendlichen vom Land. Seit kurzem habe ich aber einen Freund, der vom Land kommt und mich sozusagen an bayerische Traditionen heranführt, weil er das so kennt und mir zeigen möchte. Zunächst war das schon eine Art Kulturschock für mich, aber nur weil ich etwas nicht kenne, ist es ja nicht schlecht, sondern nur ungewohnt. Ich taste mich da langsam heran.

Selbstverständlich gibt es auch Bräuche oder bestimmte für mich gewohnte Traditionen in meiner Familie. So kochen wir einmal pro Woche zusammen und schauen uns einen Film an oder wir erleben etwas gemeinsam am Wochenende – das finde ich wichtig. Gewohntes meiner Eltern aus Wiesbaden und Berlin wird da natürlich irgendwie hineingemixt und es entstehen unsere eigenen Gewohnheiten. An Weihnachten kommen meine Großeltern zu uns nach München und wir verbringen viel Zeit zusammen. Tradition ist da bei uns auch ein Mittagessen in einem bayerischen Restaurant mit anschließendem Spaziergang durch den Englischen Garten.

Ich finde, es kommt auf jeden Einzelnen an, wie er mit den Traditionen seiner Umgebung umgeht und sich darauf einlässt oder nicht.Jeder sollte so teilhaben können, wie er es möchte.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Brauchtum

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