Demenzgruppen in Rosenheim Was bleibt, ist das gute Gefühl

08.02.2019

Der Hauskrankenpflegeverein Rosenheim bietet seit zwölf Jahren wöchentliche betreute Treffen für Demenzkranke an. Warum sie für Betroffene und Angehörige gleichermaßen eine Hilfe sind, lesen Sie hier.

Manchen Besuchern der Demenzgruppen geben Puppen Halt, mit anderen tanzt Betreuerin Anneliese Grimbs (im gestreiften Pullover).
Manchen Besuchern der Demenzgruppen geben Puppen Halt, mit anderen tanzt Betreuerin Anneliese Grimbs (im gestreiften Pullover). © Schlecker

Rosenheim – Gut gelaunt sitzt die Seniorin an der reich gedeckten Kaffeetafel im Pfarrheim St. Hedwig in Rosenheim. Liebevoll wiegt sie die Puppe auf ihrem Schoß zum Takt der Musik. Bereits wenige Stunden später wird sich die alte Dame nicht mehr daran erinnern können. Was ihr bleibt, ist ein gutes Gefühl. „Dafür lohnt sich unser Einsatz“, ist Helga Spiegelsberger überzeugt, die gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen des Hauskrankenpflegevereins Rosenheim die wöchentlichen Treffen für Demenzkranke organisiert und betreut.

Vor zwölf Jahren hat der Hauskrankenpflegeverein die Treffen für Demenzkranke ins Leben gerufen. „Hilfe für Betroffene und deren Angehörige gleichermaßen“, weiß Spiegelsberger. Auch eines ihrer Familienmitglieder litt an dem Syndrom. „Rückblickend haben wir im Umgang mit meiner an Demenz erkrankten Großmutter viel falsch gemacht“, erzählt sie. Aus dieser Erfahrung heraus entschloss sich die 65-Jährige vor sieben Jahren dazu, sich beim Hauskrankenpflegeverein zur Demenzhelferin ausbilden zu lassen: „Ich wollte diese Erkrankung besser verstehen.“ Seitdem ist sie diesem Ehrenamt treu geblieben. Vor fünf Jahren übernahm sie sogar die Leitung der wöchentlichen Treffen.

„Man bekommt unendlich viel zurück“

Diese Aufgabe erfordert viel Kraft und Einfühlungsvermögen. „Aber man bekommt dabei auch unendlich viel zurück“, sind sich die ehrenamtlichen Helfer einig. „Wenn uns die Senioren am Ende des Nachmittags mit einem glücklichen Lächeln wieder verlassen, wissen wir, dass wir alles richtig gemacht haben“, erzählt Spiegelsberger.

Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto mehr Gedächtnisinhalte gehen bei Demenzkranken verloren. Für die Betreuer bedeutet das, sie müssen sich bei jedem Treffen zuerst einmal bei vielen ihrer Besucher neu vorstellen. Was für Außenstehende befremdlich wirkt, ist für Spiegelsberger längst Normalität. Herzlich nimmt sie ihre Gäste in Empfang und begleitet sie zur Kaffeetafel.

Ein älterer Herr wirkt von Beginn an nervös. „Ich muss jetzt gleich los zu einem wichtigen Tennisturnier“, erzählt er aufgeregt. Einst war der 81-Jährige sehr sportlich, heute kann er kaum noch selbstständig gehen. Doch selbst diese körperliche Einschränkung nimmt er nicht mehr wahr. „In seinen Gedanken lebt er in einer anderen Zeit“, weiß Spiegelsberger. Durch ihre Ausbildung zur Demenzhelferin hat sie gelernt, wie sie mit so einer Situation umgehen muss. Zusammen mit einer anderen ehrenamtlichen Betreuerin führt sie den älteren Herrn langsam eine Runde durch den Saal. „Wie ging das Tennisturnier denn aus?“, fragt sie danach. „Gut“ antwortet der Senior und setzt sich zufrieden wieder zu den anderen an den Tisch.

„Er steckt im Krieg fest“

Durch Gespräche mit den Angehörigen wissen die Betreuer viel über die Lebensgeschichten ihrer Gäste. „Das ist wichtig, um auf ihre Bedürfnisse eingehen zu können“, erklärt Spiegelsberger. Gerade die negativen Erfahrungen und Schicksalsschläge sind es, die Demenzkranken häufig am längsten in Erinnerung bleiben. So auch bei dem 95-Jährigen, der seit vielen Jahren regelmäßig an den Treffen für Demenzkranke teilnimmt. Jedes Mal, wenn er ein lautes Geräusch hört, zuckt er ängstlich zusammen und schaut besorgt aus dem Fenster. „Er steckt im Krieg fest“, erläutert Spiegelsberger. Mit den Betroffenen selbst leiden auch deren Angehörige. Ihnen schenken die wöchentlichen Treffen einige Stunden Zeit für sich selbst.

Trotz der Aufwandsentschädigung, die erhoben wird, kann der Hauskrankenpflegeverein die Kosten für die Demenzgruppen nicht decken. Vorstandsmitglied Anton Heindl hofft darum weiter auf die Bereitschaft von Spendern und Sponsoren, die sich finanziell zu engagieren. (Karin Wunsam)

Weitere Informationen zum Hauskrankenpflegeverein Rosenheim und zu den Demenzgruppen gibt es unter Telefon 08031/13230 oder direkt hier.


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