Landeskomitee der Katholiken Was Frauen in der Kirche an Verletzungen erleben

16.11.2020

Am Ende der Herbstvollversammlung steht ein eindeutiges Votum. Das Landeskomitee der Katholiken in Bayern fordert die volle Gleichberechtigung von Frauen. Zuvor breitet eine Seelsorgerin Verletzungsgeschichten aus.

Bei der vergangenen Bischofsversammlung in Fulda überreichte die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) den Bischöfen Bätzing und Bode einen symbolträchtigen "MachtMeter".
Bei der vergangenen Bischofsversammlung in Fulda überreichte die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) den Bischöfen Bätzing und Bode einen symbolträchtigen "MachtMeter". © kfd/Angelika Stehle

München  Die Frauenfrage in der katholischen Kirche ist nicht erst im 20. Jahrhundert aufgebrochen. "Ich werfe unserer Zeit vor, dass sie starke und zu allem Guten begabte Geister zurückstößt, nur weil es sich um Frauen handelt", stellte die spanische Mystikerin und Kirchenlehrerin Teresa von Avila fest. Das ist fast 500 Jahre her.

Das Landeskomitee der Katholiken in Bayern behandelte das Thema bei seiner erstmals digital abgehaltenen Herbstvollversammlung am Wochenende aus ungewohntem Blickwinkel: Es ging einmal nicht um theologische Kontroversen, sondern um reale Erfahrungen von Frauen in der Kirche.

Reale Erfahrungen

Die Erlöserschwester Sara Thiel präsentierte in ihrem Impulsreferat eine Reihe von, wie sie es nannte, "Verletzungsgeschichten" aus ihrer Praxis als Seelsorgerin in einer Münchner Pfarrei. Die Pastoralreferentin berichtete von Frauen, die als Mädchen nicht ministrieren durften. Die Erlaubnis dafür aus Rom kam erst 1992. Andere seien als "Verführerinnen" von Priestern abqualifiziert worden. Vor allem ältere Frauen hätten ihr von entwürdigenden Befragungen zu ihrem Sexualleben im Beichtstuhl erzählt. Neben sexualisierter Gewalt sei spiritueller Machtmissbrauch in der Kirche bisher noch völlig unterbelichtet.

Während des Lockdowns im Frühjahr hätten auch gestandene Klosterfrauen ihre Abhängigkeit von geweihten Männern zu spüren bekommen, sagte die Ordensfrau. So sei es manchen Konventen nicht möglich gewesen, an Ostern eine Messe zu feiern, "weil kein Priester kommen konnte". Sie selbst predige regelmäßig, auch an Hochfesten, im Gottesdienst, "aber immer unter dem Damoklesschwert, dass es offiziell nicht erlaubt ist".

Keine Gleichberechtigung

In ihrer Pfarrei erhält jedes Kirchenmitglied, das ausgetreten ist, einen Brief mit der Bitte, Gründe für diese Entscheidung anzugeben. Immerhin ein Viertel antwortet. Vor allem junge Katholikinnen verwiesen dann oft auf den Ausschluss der Frauen vom Weiheamt. So habe eine Mutter geschrieben, sie könne ihre Tochter nicht in eine Gesellschaft hinein erziehen, in der selbstverständlich Gleichberechtigung herrsche, und dabei selber in einer Gemeinschaft bleiben, in der das nicht der Fall sei.

Die Theologin warb dafür, diese Verletzungsgeschichten wahrzunehmen und "gegen eine Kultur der Angst das offene Wort zu wagen". Bei der Frauenfrage gehe es nicht um Pragmatismus, sondern um eine theologische Grundsatzentscheidung, nämlich die, dass Frauen wie Männer Gottes Ebenbilder seien. In der Debatte um die Weihe könnte aus ihrer Sicht ein Perspektivwechsel helfen. Statt Gleichberechtigung im Zugang zu Ämtern zu fordern, sollte stärker in den Blick genommen werden, dass sich viele Menschen Seelsorgerinnen wünschten.

Auf eine Kirchenpflegerin kommen sechs männliche Kollegen

Dass in der katholischen Kirche in Sachen Frauenbeteiligung noch gar nichts passiert sei, lässt sich indes nicht behaupten. In vielen Bistumsverwaltungen gibt es inzwischen weiblich besetzte Leitungsposten, im Münchner Ordinariat sogar eine Amtschefin. Dies wurde im Landeskomitee positiv gewürdigt.

Auch gab es interessante Zahlen zur weiblichen Präsenz in kirchlichen Wahlgremien. Demnach dominieren Frauen mittlerweile die Pfarrgemeinderäte in allen sieben bayerischen Diözesen und haben auch mehrheitlich den Vorsitz inne. In den Kirchenverwaltungen aber, wo es ums Geld geht, sind Frauen nach wie vor stark unterrepräsentiert, stellen sie nicht einmal ein Viertel aller Mitglieder. Auf eine Kirchenpflegerin kommen sogar sechs männliche Kollegen.

Auch Gesellschaft hat Nachholbedarf

So ein Kulturwandel braucht seine Zeit, das weiß man auch in Bayerns oberstem Katholikenkomitee. Schließlich ist auch in der Gesellschaft das, was im Grundgesetz steht, noch nicht vollständig verwirklicht. So erhöhte sich der Anteil von Frauen in Vorständen von Dax-Konzernen in den letzten vier Jahren gerade mal von sechs auf zehn Prozent. Ginge es in diesem Tempo weiter, wäre Parität erst in gut 30 Jahren erreicht, rechnete Stephanie Feder vom Bonner Hildegardisverein vor, der Frauenförderprogramme in der katholischen Kirche vorantreibt. (Christoph Renzikowski/kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Frauen und Kirche

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