Reformationstag Was für eine Fülle!

31.10.2017

Über 100 Veranstaltungen haben im Erzbistum die ökumenische Chance des Reformationsgedenkens aufgegriffen - hier lesen Sie, wie der Bereichsleiter Ökumene im Münchner Ordinariat auf das Reformationsjahr zurückblickt.

Einen besonderen Höhepunkt im Reformationsgedenkjahr im Erzbistum bildete der Versöhnungsgottesdienst in Miesbach unter der Leitung von Weihbischof Wolfgang Bischof.
Einen besonderen Höhepunkt im Reformationsgedenkjahr im Erzbistum bildete der Versöhnungsgottesdienst in Miesbach unter der Leitung von Weihbischof Wolfgang Bischof. © Kiderle

Mit dem 31. Oktober ist ein enorm ertragreiches Jahr für die Ökumene zu Ende gegangen: Fast unübersehbar war die Anzahl der gemeinsam getragenen oder zumindest in ökumenischer Verbundenheit begangenen Veranstaltungen, die sich mit den verschiedenen Auswirkungen und Konsequenzen der Reformation im Erzbistum auseinandergesetzt haben. Allein auf der zentralen Homepage für das Erzbistum München und Freising sind weit über 100 Veranstaltungen verzeichnet und diese Zahl dürfte nur einen Bruchteil der tatsächlichen Veranstaltungen abbilden, die stattfanden. Kaum ein Dekanat, kaum ein Bildungswerk und kaum eine Ebene der Kirchenleitung, die sich nicht mindestens einmal mit diesem Themenfeld beschäftigt hat.

Mutige Entscheidung

Als bereits im Herbst 2015 im Erzbistum München und Freising die Entscheidung fiel, als einziges Bistum in Deutschland das Reformationsgedenken 2017 selbstständig mitzugestalten, war dies eine durchaus mutige Entscheidung. Doch der Mut wurde belohnt und getragen von dem guten persönlichen Miteinander von Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm – ihnen gelang es, ein klares ökumenisches Signal zu setzen und so auch Raum für eine neue innerkatholische Auseinandersetzung mit den Ereignissen des „Zeitalters der Reformationen“ zu schaffen. Im Rückblick ist es wirklich erfreulich, dass es in vielen katholisch getragenen Veranstaltungen nicht nur um eine Annäherung an ein Ereignis „der Anderen“ ging, sondern um die Auseinandersetzung mit einer zentralen „Wegmarke der eigenen Geschichte“.

Versöhnung

Bei der so vielfältig geleisteten Betrachtung der historischen Ereignisse traten unweigerlich auch die schmerzhaften Aspekte des Bruchs der Kircheneinheit in den Blick: Die jahrhundertelangen scharfen Verurteilungen, konfessionelle Separierung und Diskriminierung und ihre bis in die heutige Zeit erfahrbaren Folgen für konkrete Lebensgeschichten verwiesen auf die Notwendigkeit, hier Räume der Versöhnung zu eröffnen. Die von der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland angeregten Prozesse wurden auch im Erzbistum an vielen Stellen aufgegriffen: Gerade in der Fastenzeit wurden in vielen Pfarreien ökumenische Versöhnungsgottesdienste gefeiert, die überall dort besonders kraftvoll erlebt wurden, wo sie Menschen in Erzählcafés Raum gaben, ihre eigenen Verletzungsgeschichten auszusprechen. Einen besonderen Höhepunkt bildete dabei der Versöhnungsgottesdienst in Miesbach unter der Leitung von Weihbischof Wolfgang Bischof. Es zeichnet sich schon jetzt ab, dass viele der hier und an anderen Stellen angestoßenen Prozesse weiter wirken und auch auf sichtbare Konsequenzen im Miteinander vor Ort drängen.

Lange Nächte

Als nachhaltiges Erfolgsmodell der Ökumene erwiesen sich erneut regionale ökumenische Kirchentage, wie sie im Jahr 2017 in München-Aubing, Garmisch-Partenkirchen, Erding und Prien stattfanden und so genannte „Lange Nächte der Kirchen“, wie sie in München-Solln, München Neuhausen, Schliersee, Hausham, Miesbach, Holzkirchen und Bad Reichenhall viele Besucher anzogen. Wie bei wenigen anderen Ereignissen gelingt es mit solchen herausgehobenen Events, den Beitrag der Christen zum gesellschaftlichen Miteinander und die Kraft der Ökumene auch in eine breitere Öffentlichkeit hinein sichtbar zu machen.

"Bach 2017"

Über solche Großereignisse hinaus wird immer deutlicher, dass einerseits das abstrakte Reden über die Ökumene in der klassischen Form von Vorträgen und Studientagen einen zunehmend begrenzten Kreis von Interessierten erreicht, dass aber auf der anderen Seite erlebnisorientierte, spirituelle Angebote ihr Publikum finden. Die Ideen waren hierbei vielfältig: Aus der Fülle seien erwähnt die musikalische Reihe „Bach 2017,“ die in St. Michael in München, der zentralen Kirche der katholischen Reform, einmal im Monat im Rahmen einer ökumenischen Vesper eine Bachkantate zur Aufführung brachte und diese mit der Predigt verschiedener Vertreter aus unterschiedlichen Kirchen deutete.

Kleiner, aber mit einem typisch oberbayerischen Akzent versehen, war eine ökumenische Seeprozession am Chiemsee oder auch die an zahlreichen Orten abgehaltenen Rundgänge durch die ökumenische Ortsgeschichte. Überraschend gut angenommen wurden aber auch klar spirituell erkennbare Angebote wie der Ökumenische Studientag „Kreuz-Gänge“ am Fest Kreuzerhöhung in St. Michael. Dort wurde in besonderer Weise auch der Mehrwert einer multilateralen Ökumene, an der auch orthodoxe, orientalische oder freikirchliche Partner mitwirkten, deutlich. Hier liegt ein noch an vielen Stellen nicht ausgeschöpftes Potential für die Ökumene der Zukunft.

Sinnsuche im Tattoo-Studio

Ein erklärtes Ziel der Initiativen im Erzbistum war es darüber hinaus, Aktivitäten zu unterstützen, die gemeinsam nach der Kraft und Relevanz des Glaubens in der heutigen Zeit fragten und sich dabei in der Gestaltung und Methodik an Menschen richteten, die im klassischen kirchlichen Kontext eher selten auftauchen. In diesem Sinne wurde die Unterprojektlinie „FreiRaum“ aufgelegt, die mit monatlichen Impulsen zur Gestaltung ungewöhnlicher spiritueller Begegnungsorte anregte. Und so gehört es zu den bleibenden Erfolgen des Projektes, dass sich im Münchner Norden Jugendliche im Kontext eines Tattoo-Studios mit dem auseinandersetzten, was unter die Haut geht oder in Unterhaching ein liebevoll gestalteter spiritueller Spaziergang entstand.

Was bleibt?

An vielen Stellen wird in diesen Tagen darüber diskutiert, was von all dem bleibt. Und häufig steht dabei die Enttäuschung darüber im Mittelpunkt, dass große Schritte wie die Zulassung der gemeinsamen Mahlfeier ausblieben. Dennoch sind zwei Dinge deutlich geworden. Erstens: Die Ökumene lebt von tragfähigen Netzwerken, die sich im Miteinander und im Reichtum ihrer jeweiligen Traditionen verbunden erleben. Und zweitens wird immer deutlicher, dass, wenn man nur ein klein wenig die eng kirchengebundenen Kreise verlässt, „die Christen“ von außen längst als Einheit wahrgenommen werden und sich im Handeln an vielen Stellen auch so begreifen. Die Einheit wächst unaufhaltsam weiter – manchmal lohnt es sich schlicht „weiter zu sehen“. (Florian Schuppe)

Der Autor ist Fachbereichsleiter Ökumene im Ordinariat.


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