Klimawandel Was lernen wir aus der Flutkatastrophe?

30.07.2021

Mattias Kiefer ist diözesaner Umweltbeauftragter und Leiter der Abteilung Umwelt im Erzbischöflichen Ordinariat München. Im Interview spricht er über die aktuellen Hochwassereignisse. Und darüber, dass diese keine Ausnahme mehr sein werden.

Eine Aufnahme von einem durch die Flutkatastrophe zerstörten Haus. Im Hintergund sieht man eine zerstörte Eisenbahnbrücke.
Die Hochwasser haben große Verwüstungen angerichtet. © IMAGO / Klaus W. Schmidt

mk-online: Starkregen und Hochwasser haben gerade in einigen Regionen in Deutschland starke Verwüstungen angerichtet. Müssen wir uns in Zukunft auf eine neue Normalität einstellen?

Mattias Kiefer: Die Klimaforschung hat schon seit Langem die Zunahme von sogenannten Extremwetterereignissen auch in unseren Breitengeraden vorhergesagt. Die aktuellen Katastrophen in den verschiedenen Regionen in unserem Land sind ein trauriger, ein schlimmer, ein opferreicher, aber trotzdem auch ein Beleg für die Prognosefähigkeit der Klimamodellierungen. Die Klimaforschung geht davon aus, dass das in Zukunft so weitergehen wird. Deshalb glaube ich persönlich, dass bald das Sprechen von sogenannten „Jahrhunderthochwassern“ obsolet sein wird. Denn dafür werden diese Katastrophenereignisse zu häufig vorkommen, als dass sie noch als singuläre Momente, die einmal im Jahrhundert stattfinden, tituliert werden könnten.

Waren dann die aktuellen Hochwasser vorhersehbar?

Kiefer: Man konnte das nicht erwarten. Dass so viele verschiedene Regionen in dem Ausmaß betroffen waren ist tatsächlich neu für Deutschland. Aber ich befürchte, dass das nicht das letzte Mal gewesen sein wird. Die extremen Wetterlagen nehmen zu. Bislang äußerte sich das allerdings bei uns eher in Formen von Dürre, wie die extreme Trockenheit in den letzten Sommern in einigen Regionen in Deutschland.

Was können wir aus den Ereignissen lernen?

Kiefer: Ich glaube, dass man auf verschiedenen Ebenen davon lernen kann. Das eine, und das kann einen nur froh und dankbar machen, ist der Umgang mit dieser Katastrophe in der Bevölkerung: Wir sehen eine starke Empathiefähigkeit und eine sehr hohe Hilfsbereitschaft, die sich dann auch in ganz konkreten praktischen Solidaritäts- und Unterstützungsmaßnahmen und -aktionen geäußert hat und immer noch äußert. Aus der Umweltperspektive betrachtet müssen wir uns künftig intensiver mit Extremwettereignissen auseinandersetzen, für die es in vielen Fällen bei uns keine Erfahrungswerte gibt. Der Klimawandel ist nun auch bei uns angekommen, mit Folgen, die man bislang nur aus dem globalen Süden kannte.

Welche Konsequenzen müssen wir daraus ziehen?

Kiefer: Im Katastrophenschutz wurden jetzt viele Erfahrungen gewonnen. Ich denke auch, dass die Behörden und die öffentliche Verwaltung daraus Konsequenzen ziehen. Aber letzten Endes wird es auch auf jeden einzelnen Bürger und jeder einzelnen Bürgerin ankommen. Wer zukünftig noch in ausgewiesenen Hochwassergebieten neu baut, wird im Schadensfall auf kein großes Verständnis mehr stoßen. Insofern ist es nicht allein die Verantwortung der Behörden und auch nicht der Politik. Wir alle sind aufgefordert, uns an die bereits heute auch bei uns unvermeidlichen Folgen des Klimawandels anzupassen. Aber wir müssen eben auch weiter etwas dafür tun, dass sich die globale Klimaerhitzung in Grenzen hält. Die internationale Staatengemeinschaft hat sich 2015 im sogenannten Paris-Abkommens darauf verpflichtet, die Klimaerhitzung im globalen Durchschnitt auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Die Forschung sagt, dass das beinahe nicht mehr zu schaffen sei, aber dann müssen wir halt wenigstens möglichst nah dran kommen.

Und wie sollte sich Ihrer Meinung nach konkret unser Erzbistum mit den Extremwetterereignissen befassen?

Kiefer: Um die Frage  umfassend beantworten zu können, ist es vermutlich noch zu früh. Ich würde aber vermuten, dass sich zum einen zukünftig die kirchlichen Rechtsträger auch bei uns im Erzbistum natürlich aufgefordert sehen, zum Beispiel den Status der Versicherungen ihrer Liegenschaften zu überprüfen, Stichwort Elementarschadensversicherung. Und zum anderen würde ich auch vermuten, dass bereits vorhandene diözesane Mitigations- und Adaptionsstrategien überprüft und nachjustiert werden. Unter Mitigation versteht man alle Maßnahmen, mit denen man eine weitere Verschärfung der globalen Klimaerhitzung möglichst begrenzt, also die Treibhausgasemissionsvermeidung. Das betrifft zum Beispiel alle Klimaschutzbemühungen im Gebäudebereich des Erzbistums. Adaptationsstrategien sind Anpassungsmaßnahmen an die bereits heute unausweichlichen Folgen des Klimawandels, auch bei uns, und dazu würden unter anderem Umbaustrategien für unseren Kirchenwald zählen.

Wie sicher sind unsere Kirchengebäude vor Extremwetter?


Kiefer: Viele unserer Gebäude sind sogenannte historische Gebäude und wurden vor langer Zeit gebaut. Unsere Vorfahren hatten entweder ein besseres Gespür oder tatsächlich mehr Wissen über gefährdete Lagen im Ort. Die meisten unserer historischen Gebäude sind daher aufgrund ihrer Lage ungefährdet. Bei den neueren Gebäuden und speziell bei geplanten Neubauten wird das natürlich in Zukunft noch viel stärker geprüft werden müssen. Es ist allerdings sehr aufwändig beziehungsweise kaum möglich, im Bestand bauliche Schutzmaßnahmen zu ergreifen. (Das Interview führte Eileen Kelpe, Volontärin beim Michaelsbund)


Das könnte Sie auch interessieren

© Thomas Häfner

Malteser helfen Flutopfern im Ahrtal

Ende Juli war ein Malteser Katastrophenschutz-Kontingent aus dem Erzbistum an der Ahr, um den von der Hochwasser-Katastrophe betroffenen Menschen beizustehen.

09.09.2021

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Mundschutz und geschlossenen Augen während eines ökumenischen Gottesdienstes für die Opfer der Flutkatastrophe am 28. August 2021 im Aachener Dom.
© Oliver Berg/dpa-Pool/kna

"Wir vergessen Sie nicht"

Im Aachener Dom haben Kirche, Staatsspitze, Betroffene und Helfende der Flutkatastrophe gedacht. Klagen und Erinnern standen in dem Gottesdienst im Vordergrund. Im Anschluss gab der Bundespräsident...

28.08.2021

Papst Franziskus, im Hintergrund ein Kreuz
© imago/Ulmer

Papst hofft auf große Solidarität

Nach dem Erdbeben in Haiti gibt es immer mehr Todesopfer zu beklagen. Papst Franziskus und Hilfsorganisationen bitten um Hilfe für den Karibikstaat.

16.08.2021

Gerhard Deißenböck und seine Kollegin stehen neben einem Bus des Bayerischen Roten Kreuz
© privat

"Gott hat da augenscheinlich keine große Rolle gespielt"

Dr. Gerhard Deißenböck stammt aus dem Landkreis Mühldorf in Oberbayern, ist Theologe und Geschäftsführer des Klerusverbands Bayern – und war als ehrenamtliche Einsatzkraft im Kathastrophengebiet in...

07.08.2021

© AdobeStock_ferkelraggae

Lernen aus der Hochwasser-Katastrophe

Für Experten wie Mattias Kiefer kam die jüngste Hochwasser-Lage nicht überraschend. Nun stellt sich die Frage, welche Konsequenzen wir daraus ziehen.

02.08.2021

Die Einheiten trafen sich am Sonntag in der Früh in Greding, um dann gemeinsam in den Einsatz zu gehen.
© Bretschneider

Malteser aus Bayern helfen in Rheinland-Pfalz

Rund 54 Helferinnen und Helfer der Malteser aus dem Erzbistum München und Freising packen im Hochwassergebiet in Ahrweiler mit an. Der Einsatz soll bis Mittwoch dauern.

26.07.2021

Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser: Ein unterspültes Haus mit beschädigtem Auto sind umgeben von Schutt.
© imago/Hannes P. Albert

Marx: Das Erzbistum steht an der Seite der Betroffenen

Die Münchner Erzdiözese spendet 300.000 Euro für die Flutopfer in Bayern und Westdeutschland. Kardinal Reinhard Marx betont zudem die Solidarität mit den Betroffenen und den Helferinnen und Helfern.

21.07.2021

Kardinal Reinhard Marx
© imago

Kardinal Marx bietet Hilfe für Hochwasser-Opfer an

Unterstützung und Beistand sprach Kardinal Reinhard Marx den Betroffenen der Hochwasser-Katastrophe in Oberbayern zu. Auch der Caritasverband des Erzbistums stellt Gelder zur Soforthilfe zur...

19.07.2021

Sandsäcke vor Hauseingang
© mhp - stock.adobe.com

Unterkunft und Seelsorge: So hilft die Kirche

Starkregenfälle haben aus Bächen und Flüssen reißende Ströme gemacht. Menschen wurden evakuiert - die Kirche gewährte Obdach.

19.07.2021

Papst Franziskus vor Kreuz
© IMAGO / Ulmer

Papst betet für Opfer des Hochwassers

Die Zahl der Toten steigt. Viele Menschen werden vermisst. Die Lage in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ist weiterhin angespannt. Papst Franziskus ist in Gedanken bei den Menschen vor Ort.

16.07.2021

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren