Wimmers Woche Was wir aus dem Fall Weltbild lernen müssen

17.01.2014

Diese Woche fordert der MK-Chefredakteur die Kirche und die Katholiken auf, zwei harte Lektionen aus dem Fall Weltbild zu lernen, und daraus auch einen revolutionären Schluss zu ziehen.

Anian Christoph Wimmer ist Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung (Bild: Sankt Michaelsbund)

Nun ist der letzte Versuch auch noch gescheitert. Weltbild ist insolvent. Trotz der Versuche des Erzbistums München und Freising, das Unternehmen davor zu bewahren. Nicht nur der Jesuit und Blogger Eckhard Bieger findet, dass dies dem Erzbistum "hoch anzurechen" ist. Klar: das ist ein schwacher Trost für tausende Mitarbeiter, die nun um ihre Existenz fürchten. Und kein Trost für die gesamte Kirche, die ein enormes publizistisches Potential verloren hat. Ob das allen Würdenträgern auch so bewußt ist? Sei es drum. Inwiefern die Kirche das Potential von Weltbild in der Vergangenheit überhaupt genutzt hat – oder nutzen hätte können – das sind Fragen, die es sich nicht mehr zu stellen lohnt. Oder allenfalls nur mit Blick auf die zwei Fragen, die jetzt dringend gestellt und beantwortet werden müssen:

1. Was können wir aus dem Fall Weltbild lernen?
2. Welche Antworten haben wir auf die Herausforderung, die das Gelernte darstellt?

Ich glaube, dass es vor allem zwei Erkenntnisse sind, die es sich aus dem Fall Weltbild zu ziehen lohnt. Und dass wir aus diesen Erkenntnissen heraus eine wichtige Antwort für die Kirche und unseren Glauben formulieren können und müssen. Dabei geht es auch darum, wie die Kirche in einer digitalen Welt öffentlich und gesellschaftlich präsent sein kann; ja, muss! Nicht nur, weil sie damit prospektiv auch wieder Arbeitsplätze schafft. Sondern weil das – salopp verkürzt – unser "Core Business Modell" ist, unser Kerngeschäft: Wir haben das beste Produkt der Welt, die Frohe Botschaft, und müssen ein "Vertriebsmodell" finden, das diese Botschaft in der digitalen Welt von heute verkünden kann. Oder haben wir Besseres zu tun?

Die zwei Lektionen aus dem Fall Weltbild

Was wir lernen können, neben anderem, ist zuerst einmal dies: Die Volkskirchen sterben ab. Der Versuch, die seit der Industrialisierung immer schwächer werdenden Bindungskräfte dieser Form des kirchlichen Lebens durch ein großes Bildungsprojekt aufzufangen, ist gescheitert. Im 19. Jahrhundert waren Weltbild und andere Antworten auf die Misere der Industrialisierung noch plausibel und sehr erfolgreich, vorübergehend. So wie Kolpingvereine, Jugendgruppen und andere Phänomene katholischer Antworten auf die Moderne auch noch die ursprüngliche Volkskirchlichkeit stabilisierten. Aber heute, im Jahr 2014, gibt es diese Volkskirchlichkeit nur noch in rudimentärer Form. Auch im bayerischen Oberland.

Die zweite Lektion aus dem Untergang von Weltbild ist, dass wir eine Revolution erleben, die die Ausmaße der Industriellen Revolution hatte, aber deren Rahmen sprengt. Die Digitale Revolution hat dem Auslaufmodell Weltbild den Todesstoß versetzt. Ihren Stachel spürt auch die Bistumspresse, darunter die Zeitung, deren Inhalt ich verantworte. Ich meine das ganz ernst: Wer verstehen will, was mit Weltbild passiert ist, der sollte zu einem Geschichtsbuch greifen – oder mal "Industrielle Revolution" googeln. Es ist heute schwer vorstellbar, wie radikal vor 200 Jahren diese Revolution unsere Welt umgekrempelt hat. Und wir erleben – ob wir wollen oder nicht – gerade eine neue. Experten schätzen, dass vor 20 Jahren, im Jahr 1994, nur drei Prozent aller Informationen digital gespeichert waren. Keine 15 Jahre später, im Jahr 2007, waren es 94 Prozent. Wer das ignoriert, ist selber schuld.

Die Digitale Revolution bedeutet die beinahe unbegrenzte Verfügbarkeit von Information: "Big Data" macht das Unternehmen Google genau so möglich wie den NSA-Abhörskandal. Wie es die Verfügbarkeit von Energie war, welche die Industrielle Revolution so dynamisch und explosiv machte wie der Druck im Kessel der ersten Dampfmaschinen, so ist es der Druck der digitalen Informationsflut, der ganze Ökonomie-Modelle durcheinander wirbelt und neue Paradigmen schafft – auch für Menschen, die nicht bei Facebook mitmachen wollen.

Wie viele andere hat Weltbild diese Revolution verschlafen, und scheint nun dort gelandet zu sein, wo auch schon Fiaker-Kutscher, Pferde-Äpfel-Sammler und meine eigenen Vorfahren, Handweber, in den Phasen der Industrialisierung gelandet waren. Das wird mit der Kirche nicht passieren. Oder?

Der Schlüssel zur Antwort ist die Botschaft

Keine Frage: Wir – wir Christen, wir die Kirche – müssen uns der Digitalen Revolution stellen. Matthias Kamann schreibt aktuell bei der "Welt": "Wer nun auf die angebliche Kirchen-Verweltlichung durch Weltbild schimpft, drückt sich vor jener Ehrlichkeit, die nötig wäre, um die historische Zäsur anzusprechen, die hier doch sichtbar wird. Nämlich, dass ein fast 200 Jahre lang erfolgreiches Modell zur Stabilisierung der Volkskirchlichkeit zusammenbricht – und ein Alternativmodell nicht in Sicht ist."

Meiner Meinung nach gibt es ein Alternativmodell, und vor Wochen habe ich es in dieser Kolumne und in meinem Kommentar auf www.katholisch.de gefordert: Wir brauchen keine Stabilisierung der Volkskirchlichkeit, sondern "Big Data Catholicism"! Wie schon der gute Klosterbruder Wilhelm von Ockham wusste, ist die wahrscheinlichste Antwort meist auch die beste Lösung.

Die wahrscheinlichste Antwort auf die Frage, was unser Modell sein muss, ist immer nur die gleiche, seit 2000 Jahren: Jesus und seine Frohe Botschaft. Das reicht – denn, wie heisst es doch so dämlich auf Neudeutsch? "Content is King". Das ist es auch, was Papst Franziskus fordert. Gerade wir Medienmacher sollten es uns frisch hinter die Ohren schreiben: Es geht um die Verkündigung, um das Evangelium, den besten "Content" aller Zeiten:

Wenn wir alles unter einen missionarischen Gesichtspunkt stellen wollen, dann gilt das auch für die Weise, die Botschaft bekannt zu machen. In der Welt von heute mit der Schnelligkeit der Kommunikation und der eigennützigen Auswahl der Inhalte durch die Medien ist die Botschaft, die wir verkünden, mehr denn je in Gefahr, verstümmelt und auf einige ihrer zweitrangigen Aspekte reduziert zu werden. (...) Das größte Problem entsteht, wenn die Botschaft, die wir verkünden, dann mit diesen zweitrangigen Aspekten gleichgesetzt wird, die, obwohl sie relevant sind, für sich allein nicht das Eigentliche der Botschaft Jesu Christi ausdrücken. Es ist also besser, realistisch zu sein und nicht davon auszugehen, dass unsere Gesprächspartner den vollkommenen Hintergrund dessen kennen, was wir sagen, oder dass sie unsere Worte mit dem wesentlichen Kern des Evangeliums verbinden können, der ihnen Sinn, Schönheit und Anziehungskraft verleiht. (Evangelii Gaudium III, 34)

Was heißt "Big Data Catholicism"?

"Big Data" ist der gängige Begriff, um die riesigen Datenberge zu beschreiben, die die Digitalisierung der Welt anhäuft; aber auch unsere Fähigkeit, mit neuen Mitteln und Methoden diese zu sammeln, ordnen, analysieren und kommunizieren zu können. Das Katholische daran muss unser Umgang mit dieser Realität sein: Unsere christlichen Werte sind der einzige zuverlässige Orientierungswert für den Umgang mit dieser neuen Realität. Und die Erklärung, Einordnung und der Austausch darüber: Das ist der Auftrag für einen konfessionellen Journalismus und eine katholische Publizistik, aber auch für eine elektronische Verkündigung und einen digitalen Katholizismus genauso wie einen katholischen "Digitalismus": Eine Kultur, die sich der Mittel bedient (etwa: Datenberge und Algorithmen, um diese zu verwerten).

Wenn die weltlichen Medien und – sind wir doch mal ehrlich – weite Teile der katholisch Getauften nichts mehr vom Hintergrund unseres Glaubens wissen, wie der Papst sagt, dann müssen um so dringender Information, Orientierung und auch Unterhaltung leisten. Wir brauchen einen katholischen Journalismus und eine christliche Publizistik im digitalen Zeitalter mehr denn je. Wer sonst wird Informationen auswerten und bereit stellen, lebensnah einordnen und dadurch Gespräche erst ermöglichen? So entsteht ein digitaler Kommunikationsriemen (intern wie extern), der einen Austausch ermöglicht. Das dient Christen – und allen, die noch nicht die Frohe Botschaft für sich entdeckt haben. Wir haben nichts Besseres zu tun. Buchstäblich.

Anian Christoph Wimmer (Twitter @AnianWimmer) ist Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung und Leiter der Printredaktion beim Sankt Michaelsbund.

Kategorie: Meinung
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