Beginn der Fastenzeit "Waschende Hände" beim Aschermittwoch der Künstler

07.03.2019

Warum genau benötigen Künstler einen eigenen Aschermittwoch? Dieser Frage ist unser Autor Thomas Stöppler im Münchner Liebfrauendom nachgegangen.

Besucher testen die Kunstinstallation "Waschende Hände" im Münchner Dom.
Besucher testen die Kunstinstallation "Waschende Hände" im Münchner Dom. © Kiderle

München – Die Hände berühren sich mal sanft und zärtlich, mal vorsichtig, mal ringend und kämpfend und ab und zu ist auch eine Prise Erotik dabei. Es sind fremde Hände, die sich unter fließendem Wasser gegenseitig waschen. Mal sind es große Männerhände, mal zarte Klavierspielerfinger und auch eine Kinderhand, die einen großen Daumen reflexhaft wie bei Säuglingen umschließt. Filmaufnahmen davon werden in Zeitlupe abgespielt und auf Leinwände in die seitlichen Kirchenschiffe des Münchner Doms projiziert. Die Kunstinstallation „Waschende Hände“ des Künstlerduos „Empfangshalle“ begleitet den Gottesdienst zu Beginn der Fastenzeit im Liebfrauendom.

Als Berliner ist das mit dem Aschermittwoch ja so eine Sache. Klar, ich weiß, was das ist. Fernsehen, Radio und überregionale Zeitungen sind ja auch, bevor die Mauer fiel, schon zu uns nach Westberlin gekommen. Aber warum man das feiert, ist mir unklar. Das Ende der Fastenzeit zu begehen, leuchtet mir unmittelbar ein: Endlich wieder was Richtiges zwischen die Zähne! Schokolade, ein Schnitzel, ein Glas Wein. Aber den Anfang? Und warum genau benötigen Künstler einen eigenen Aschermittwoch?

An Aschermittwoch werden die Gläubigen mit dem Aschekreuz gezeichnet.
An Aschermittwoch werden die Gläubigen mit dem Aschekreuz gezeichnet. © Kiderle

Heilsame Wirkung

Der Gottesdienst, den Kardinal Reinhard Marx zum Beginn der Fastenzeit feiert, ist ein ungewöhnlicher. Nach der Predigt können die Gottesdienstbesucher das Aschekreuz empfangen. Kardinal Marx, Weihbischof Wolfgang Bischof und andere Geistliche zeichnen es den Menschen auf die Stirn. Die Gläubigen gehen still nach vorne. Keiner eilt, man kann auch aus der Ferne die heilsame Wirkung des Rituals spüren.

Im Anschluss an die Messe geht es zum Empfang in die ehemalige Karmeliterkirche. Seit den 1950er Jahren gibt es den Aschermittwoch der Künstler in Deutschland. Der französische Dichter Paul Claudel hatte ihn kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Paris eingeführt, und schon sehr bald erfreute die Idee auch Menschen in Deutschland. Der frühere Kölner Kardinal Joseph Frings brachte den Aschermittwoch der Künstler nach Deutschland, kurz führte ihn der damalige Münchner Kardinal Joseph Wendel in der bayerischen Landeshauptstadt ein. Die Geschichte des Aschermittwochs der Künstler ist zwar interessant, beantwortet aber keine meiner Fragen.

Kardinal Marx: Die Irritation der Kunst ist Teil der Katharsis, die wir alle benötigen.
Kardinal Marx: Die Irritation der Kunst ist Teil der Katharsis, die wir alle benötigen. © Kiderle

Ein Tag von und mit Künstlern

Pfarrer Rainer Hepler, priesterlicher Mitarbeiter der Kunstpastoral der Erzdiözese, zeigt mir gleich meinen ersten Irrtum auf: „Der Aschermittwoch ist nicht für Künstler, sondern von und mit Künstlern.“ Klar, das hätte ich mir auch denken können, es heißt ja schließlich „der“ Künstler und nicht „für“ Künstler. Zu sehen war es außerdem: Die Künstler trugen bei der Messe die Lesungen vor. Der andere Punkt, erklärt Hepler, sei einfach, dass es darum gehe, zusammenzubringen, was zusammen gehört: Kunst und Kirche ist ja eine jahrhundertealte, sehr oft auch komplizierte Liebesgeschichte. Immer wieder gab es schmerzhafte Trennungen, Verletzungen und dann sind beide doch immer wieder zusammengekommen. Dabei sind viele der bedeutendsten Werke der Kunstgeschichte entstanden – die Sixtinische Kapelle oder Albrecht Dürers „Betende Hände“.

„Hände sind immer interessant für Bildhauer, weil sie so ausdrucksstark sind“, erklärt mir Corbinian Böhm. Zusammen mit Michael Gruber hat er die Installation "Waschende Hände" geschaffen. Sie kamen durch Dürers „Betende Hände“ auf die Idee. Für eine Ausstellung im Vatikan bauten sie eine Installation, bei der zwei Fremde zusammen jeweils die Hand des anderen nahmen und mit der eigenen zum Gebet formten. Bei der Installation im Dom, also beim gegenseitigen Waschen kommen noch ganz viele Dinge hinzu. Zum einen öffnet sich eine gewaltige Symbolik durch die vielen biblischen Bilder wie zum Beispiel „Hände in Unschuld waschen“ und zum anderen weckt die Installation Assoziationen zur rituellen Reinigung. Desweiteren begegnen sich die Teilnehmer körperlich aktiv: „Da treten zwei Menschen miteinander in Beziehung. Zwischen Partnerschaft und Kampf ist da alles dabei.“ Die Menschen füllten das Werk, Böhm und Gruber hätten nur die Plattform geschaffen, „sind nur die Hausmeister“, sagt der Künstler lachend.

"Zwischen Partnerschaft und Kampf ist da alles dabei."
"Zwischen Partnerschaft und Kampf ist da alles dabei." © Kiderle

"Künstler gehen durch die Hölle"

Warum Kunst und Kirche so eng miteinander verknüpft sind, verrät mir dann Elisabeth Lutz, Leiterin der Abteilung Kulturmanagement des Ordinariats – allerdings mit einer ganz anderen Vorstellung von Künstlern als Böhms „Hausmeister“: „Künstler gehen oft durch die Hölle, um ein Werk zu schaffen. Sie fühlen Begrenzungen und Endlichkeit stärker als andere.“ Lutz hat sich um den Empfang nachdem Gottesdienst gekümmert und dafür gesorgt, dass es einen herzhaften „Pichelsteiner Eintopf“ und Wein gibt und nicht nur eine Brezel – Verzeihung, Brezn, – und ein Glas Wasser: „Künstler brauchen, nachdem sie im Gottesdienst Buße getan haben, auch etwas Richtiges zu Essen.“

Warum man ganz generell die Fastenzeit mit einer gemeinsamen Feier beginnt, erklärt Kardinal Reinhard Marx in seiner Predigt. „Die Kirche lädt uns ein, gemeinsam in die Bußzeit zu gehen. Wir brauchen einander gerade jetzt in diesen schwierigen Jahren.“ Und auch die Liebesbeziehung zwischen Kunst und Kirche sei weiter wichtig, denn Kunst liefere einen wichtigen Blick von außen – und die Kirche benötige die andere Perspektive, erläutert der Erzbischof von München und Freising. „Die Irritation, die Kunst auslösen kann, kann ein Teil der Katharsis, der Reinigung sein“, die die Kirche und wir alle benötigten.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

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