50 Jahre Neuperlach Wegen der Pfarrei geblieben

19.07.2017

Eine neue Wohnung, Supermärkte und Schulen: alles ist schon da, als Herbert Hindl 1972 nach Neuperlach kommt. Eine wichtige Sache fehlt aber noch.

Herbert Hindl auf dem Balkon seiner Wohnung in Neuperlach © SMB/Hasel

München – Wohnblöcke soweit das Auge reicht und dazwischen viel Grün: Herbert Hindl lebt mitten in Neuperlach. Seit 45 Jahren ist die Wohnung am Gerhart-Hauptmann-Ring sein Zuhause. Als der Postbeamte 1972 hier mit seiner Familie einzieht, steht das Haus noch fast alleine auf der grünen Wiese von Perlach. Nur das Straßenschild sei schon da gewesen, erzählt der heute 78jährige. Unbezahlbar auch der Bergblick, den die Hindls von ihrem Balkon im ersten Stock haben. Direkt auf die Benediktenwand habe man schauen können, schwärmt Hindl.

„Postler“ helfen mit beim Aufbau der Pfarrei

Mit dem schönen Ausblick ist es aber bald vorbei. Neuperlach wächst rasant. Ringsherum werden neue Hochhäuser hochgezogen. Die Hindls bleiben trotzdem, denn die Wohnung ist nagelneu und hat etwas, wovon viele Münchner damals nur träumen können: eine Zentralheizung. Auch sonst gibt es in dem jungen Stadtteil schon alles, was man zum Leben braucht: Schulen werden gebaut, die Apotheke und der Supermarkt sind gleich um die Ecke. Nur noch eines fehlt: eine Pfarrei. Eines Tages klingelt es bei den Hindls an der Wohnungstür. Ein Pfarrer steht vor der Tür. Der Priester hat den Auftrag, eine komplett neue Pfarrei aufzubauen. Dafür braucht er Katholiken wie Herbert Hindl, die mit anpacken. Nach einem längeren Gespräch habe er schließlich zugesagt, bei der Pfarreigründung zu helfen. Zunächst sei es eher Mitleid gewesen, das ihn motiviert habe. Das ändert sich aber schnell. Herbert Hindl hilft beim Sonntagsgottesdienst mit, der noch in einem angemieteten Raum gefeiert wird. Dort trifft er auch viele andere „Postler“, die sich ebenfalls engagieren. „Von Anfang an war es schon recht gesellig in unserer Pfarrei“, erinnert er sich.

Pfarreileben beginnt mit Hungern

Schließlich gibt es grünes Licht für den Kirchenneubau an der Kafkastrasse. Der Hl. Philipp Neri soll der Kirchenpatron werden. Nach St. Jakobus und St. Monika ist Philipp Neri schon die dritte katholische Kirchengemeinde in der Satellitenstadt. Am 25. November 1973 ist es dann soweit: der damalige Weihbischof Ernst Tewes weiht die Philipp Neri Kirche ein. Herbert Hindl sorgt an diesem Tag für die Bewirtung der Festgemeinde. 200 Paar Wiener habe er dafür eingeplant. Die hätten aber bei weitem nicht gereicht. Und Nachschub habe man nicht besorgen können. Es ist die Zeit der Ölkrise, und der 25. November ein autofreier Sonntag. „Dann ham’s hungern müssen“, erzählt Hindl mit einem Grinsen im Gesicht.

Die Pfarrei ist „schuld“, dass die Hindls bleiben

In den kommenden Jahren wird die Familie Hindl zum festen Bestandteil der Pfarrei. Als Neuperlach in den achtziger Jahren wegen sozialer Probleme und Drogenkriminalität in Verruf gerät, ziehen viele weg. Für die Hindls kommt das nicht in Frage. „Eigentlich ist die Pfarrei der Schuldige gewesen, dass wir dageblieben sind“, erinnert sich Hindl. Vor allem für seine Frau sei es unvorstellbar gewesen, von St. Philipp Neri wegzugehen. Außerdem habe seine Familie in Neuperlach „nie Schwierigkeiten mit irgendetwas“ gehabt. Das Ehepaar Hindl fühlt sich wohl und zieht in der 90 qm großen Wohnung vier Kinder groß. Auch nach dem Tod seiner Frau bleibt Herbert Hindl seiner Pfarrei treu. Bis heute mischt der rüstige Witwer mit und hilft noch, so gut es geht. Dass Philipp Neri jetzt zur Neuperlacher Stadtteilkirche „Christus Erlöser“ gehört, sieht er gelassen. Es brauche einfach noch ein paar Jahre, bis sich alles vermischt hat, meint Hindl mit der Erfahrung eines Christen, der selber schon eine Pfarrei fast aus dem Nichts mitaufgebaut hat. (Paul Hasel)

Neuperlach wird 50 Jahre alt
In München herrscht nach dem Zweiten Weltkrieg chronische Wohnungsnot. Ende der sechziger Jahre fasst die Stadt einen radikalen Entschluss: Eine Entlastungsstadt muss her. Und zwar auf der grünen Wiese im Südosten von München: in Perlach. Im Mai 1967 wurde der Grundstein für das damals größte westdeutsche Siedlungsprojekt gelegt. 1972 hat der neue Mega-Stadtteil schon gut 22.000 Bewohner. Bis heute werden fast 23.000 Wohnungen gebaut, in denen mittlerweile rund 55.000 Menschen leben. Etwas mehr als 14.000 davon sind katholische Christen. Seit den achtziger Jahren kämpft Neuperlach um seinen Ruf: die Arbeitslosigkeit ist überdurchschnittlich hoch, die Hälfte der Bewohner hat Migrationshintergrund. Um die "Stadt neben der Stadt" wieder attraktiver zu machen, wird nun nachgeholt, was die Planer vor 50 Jahren vergessen haben: Mit einem neuen Stadtteilzentrum rund um den Hanns-Seidel-Platz soll Neuperlach zukünftig einen echten Ortskern bekommen. Auch die katholische Kirche geht neue Wege: die fünf Neuperlacher Pfarreien wurden bereits 2009 zu einer einzigen Pfarrgemeinde „Christus Erlöser“ zusammengelegt. (ph)

Der Autor
Paul Hasel
Radio-Redaktion
p.hasel@st-michaelsbund.de

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