Misslungene Solidaritätsaktion Weiße Naivität: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

28.06.2020

Ein Blumenteppich in St. Maximilian mit dem Slogan „All Lives Matter“ sorgte an Fronleichnam für Debatten. Als Solidaritätsaktion für „Black Lives Matter“ gedacht, fühlten sich Anhänger der Bewegung aber missverstanden.

Hand schreibt das Wort "racism" an eine Tafel
Professor Klaus-Dieter Altmeppen: Wer in einer polarisierenden Debatte Stellung beziehen möchte, sollte sich der Bedeutung von Begriffen bewusst sein. © terovesalainen - stock.adobe.com

München – Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Das musste Supermodel Heidi Klum feststellen, als sie für einen Post mit dem Hashtag „alllivesmatter“ scharf kritisiert wurde. Das alle Leben etwas wert sind, sei nicht der Punkt, kommentierten dort die User. Der Slogan „Black Lives Matter“ solle darauf hinweisen, dass die Realität eben gerade meistens anders aussieht. Ähnliche Reaktionen gab es auf die Fronleichnamsaktion in der Münchner Pfarrei St. Maximilian. Dort wurde der Satz „All Lives Matter“ als Teil eines Blumenteppichs gelegt. Eigentlich wollte die Pfarrei damit ein Statement für Toleranz setzen. „Wir sind eine Pfarrei, in der wir uns gegen jede Form von Rassismus, jede Form von Diskriminierung oder Ausländerfeindlichkeit stellen“, sagt der Organisator Kirchenpfleger Stephan Alof. „Dafür sind wir bekannt und das wollten wir mit diesem Teppich deutlich machen.“

Kritik in den sozialen Netzwerken

In der Gemeinde sei das auch gut angekommen, erst hinterher brach die Debatte los. Nachdem in den sozialen Netzwerken Fotos der Aktion gepostet wurden, gab es dort Kritik für den Slogan. „All lives Matter“ werde von Gegner von „Black Lives Matter“ ebenfalls verwendet, außerdem verharmlose diese Verallgemeinerung die Probleme, auf die die Bewegung eigentlich aufmerksam machen wolle, so die Kritik.  Stefan Alof ist der Meinung, dass die gut gemeinte Motivation hinter der Aktion schwerer wiegt als die negative Konnotation des All-Live-Matter-Begriffs: „Muss ich denn jedes Wort, das ich verwende oder am Sonntag vielleicht ein Priester in der Predigt oder den Fürbitten sage, vorher noch einmal kontrollieren?“

Bedeutung von Begriffen bewusst machen

Ja – sagt Jeanne-Marie Sindani. Die aus dem Kongo stammende Autorin arbeitet beim Sozial- und Migrationsdienst der Malteser in München und auch sie empfindet die Aussage „All lives matter“ als diskriminierend: „Das lenkt ab!“ Auch für sie zähle jedes Leben, sagt sie, aber nicht alle würden gleichermaßen bedroht. „Im Augenblick wollen wir als Afrikaner, egal ob wir in Europa, Amerika oder auch in Afrika selbst sind, daran erinnern, dass wir am meisten von dieser willkürlichen Gewalt und Barbarei betroffen sind.“ Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, taugt die Aussage „All lives matter“ nicht. Vor allem in den USA werden die drei Worte außerdem verwendet, um Diskriminierung zu relativieren und zu verharmlosen. Auch von Rassisten. Kein guter Slogan für Toleranz also.

Wer in einer polarisierenden Debatte Stellung beziehen möchte und dafür auch die öffentliche Aufmerksamkeit nutzen will, sollte sich der Bedeutung von Begriffen bewusst sein, sagt auch Professor Klaus-Dieter Altmeppen. Der Professor für Journalistik an der KU Eichstätt leitet das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft. Wer auf einen Zug aufspringen will, muss auch wissen, wo er hinfährt. Deshalb rät er für solche Aktionen wie die in St. Maximilian dazu, neue Begriffe anstelle von vorgeprägten zu verwenden. Dass „All lives matter“ diskriminierend geprägt ist, obwohl der Satz inhaltlich eigentlich etwas ganz anderes bedeutet, führt er auf das „Framing“ zurück: „So nennt man das Rahmen von Begriffen im Sinne bestimmter Interessen. Wenn das von Rechtsradikalen gemacht wird, wird es gefährlich.“

Unbewusster Rassismus

Ein negativ geframter Begriff kann dann auch kaum noch ohne faden Beigeschmack verwenden. Umkehren lässt sich dieser Prozess fast nie. „Das ist etwas, das sehr lange Zeit und die Unterstützung von vielen Menschen bräuchte, aber solches Reframen, das wird ihnen kaum gelingen.“ Stattdessen müsste eine überwiegend weiße Gesellschaft in Deutschland wohl lernen, sich unbewussten Rassismus auch ankreiden zu lassen. Das heißt: Begriffe wie „All lives matter“ nicht zu verwenden, selbst dann, wenn nicht jeder immer nachvollziehen kann, wie sie diskriminieren. Stephan Alof aus der Münchner Pfarrei St. Max will sich dafür die inhaltliche Bedeutung von „All lives matter“ aber beibehalten: „Für mich ist dieser Satz - Jedes Leben zählt – urchristlich. Weil für uns das Leben der Menschen, egal welcher Hautfarbe, welcher Herkunft oder welcher sexuellen Orientierung, gleich viel zählt.“


Der Autor
Korbinian Bauer
Radioredakteur
k.bauer@st-michaelsbund.de


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