"Verwaiste Eltern" bieten Hilfe Weiterleben nach dem Tod des Kindes

11.01.2018

Das eigene Kind zu Grabe tragen zu müssen, ist wohl das Schrecklichste, was Eltern passieren kann. Freya von Stülpnagel hat dies vor fast 20 Jahren selbst erlebt – und überlebt. Heute begleitet sie im Verein "Verwaiste Eltern" Menschen, die dieses Schicksal mit ihr teilen.

Die Juristin und Buchautorin Freya von Stülpnagel ist stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Verwaiste Eltern München“ © Stephan Rumpf

Mein Kind ist tot!“ Dieser Tatsache, der sich Eltern nach dem Tod ihres Kindes stellen müssen, ist so vernichtend, katastrophal, so abgrundtief, so ungeheuerlich, dass wir diese Situation fast nicht aushalten können. Am liebsten würden wir auf der Stelle gleich mitsterben. „Was hat mein Leben noch für einen Sinn, wenn mein geliebtes Kind nicht mehr lebt?“ Egal, ob das Kind durch einen Unfall, durch Suizid, nach einer schweren langen oder plötzlichen Erkrankung verstorben ist, ob das Kind klein, bei oder nach der Geburt gestorben ist, ob es 40 Jahre alt ist – es ist immer das Kind, das vor uns gegangen ist, und damit die natürliche Ordnung, dass Eltern vor ihren Kindern sterben, auf den Kopf stellt. Hoffnungslosigkeit – wie durch einen Schlag mit einem Schwert wird unser Leben in ein „davor“ und „danach“ geteilt. Gibt es ein Überleben danach? Und wie kann es aussehen? Was hilft, um zu überleben?

Ich selbst musste diese Erfahrung vor fast 20 Jahren machen. Unser damals gerade 18-jähriger Sohn nahm sich für uns völlig unerwartet im April 1998 das Leben.

Ich habe, was ich mir zunächst überhaupt nicht vorstellen konnte, tatsächlich überlebt. Was half, was hielt mich am Leben? Ganz sicher war es zunächst die engste Familie, die genauso unter Schock stand und dieser Tragödie ausgesetzt war. Sie sollte an dem Schicksalsschlag nicht zerbrechen. Dann aber ganz entscheidend unser Seelsorger, der uns vom ersten Abend an achtsam und behutsam, mitfühlend, ohne viele Worte treu und stetig (über einen langen Zeitraum) begleitete. Dieses Wissen, da ist jemand, den kann ich zur Not, wenn es mir richtig schlecht geht, auch in der Nacht anrufen, hat mir geholfen zu überleben.

Kleiner Funke Hoffnung

Nach einigen Monaten bin ich dann in eine Gruppe bei den „Verwaisten Eltern“ gegangen. Ich erinnere mich noch, wie aufgeregt ich war, das erste Mal dort zu klingeln. Aber dann die Erfahrung zu machen: „Oh, da sitzen Eltern, denen das Gleiche widerfahren ist, die ganz normal sind.“ Das alleine bedeutete schon ein Stück Entlastung. Das immer wieder darüber Sprechen, das Gefühl, da sind Menschen, die können mich verstehen, weil sie das Gleiche erleben mussten, hilft, einen kleinen Funken Hoffnung am Horizont zu erkennen. Auch die Erkenntnis, ja, da sind Menschen, die leben schon seit zwei Jahren mit dem Verlust und die haben überlebt, „das möchte ich auch schaffen“, ist ermutigend durchzuhalten.

Seit nunmehr 18 Jahren begleite ich Eltern nach dem Tod eines Kindes. Die Betreuung und Begleitung Trauernder ist zu meiner Lebensaufgabe geworden. In meinem „ersten Leben“ war ich praktizierende Juristin, nun widme ich mich mit ganzem Herzen und vollem Einsatz der Aufgabe, die mir das Leben durch den Tod unseres Sohnes zugewiesen hat.

Anerkennen der Untröstlichkeit

Was hilft, um zu überleben? Ganz sicher Menschen, die mir treu und langmütig zur Seite stehen. Und zwar ist es wichtig, dass wir als Nichtbetroffene uns ganz schnell den trauernden Menschen zuwenden. Gerade am Anfang ist es so wertvoll, liebevolle und kompetente Unterstützung zu erfahren, damit wir in einen heilsamen Trauerprozess kommen. Aus diesem Grunde haben wir bei den „Verwaisten Eltern München“ vor mehr als zwölf Jahren die Akutbegleitung „Primi Passi –Erste Schritte“ initiiert und aufgebaut, um unmittelbar nach dem Tod eines Kindes den Eltern mit unserer Erfahrung mit achtsamem Respekt und kompetent zur Seite zu stehen. Um was geht es, damit Trauernde überleben können? DA-Sein, Aushalten, Mitgehen. Und … keinen Trost spenden, wo es keinen Trost gibt. Der einzige Trost, den es für trauernde Eltern zunächst gibt, ist: das Anerkennen der Untröstlichkeit. Dann kann eines Tages mit viel Geduld für alle wieder Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht wachsen, ja, auch wieder Freude an einem anderen, sicher nicht mehr unbeschwerten, aber vielleicht tieferen Leben gefunden werden. (Freya von Stülpnagel)

Verwaiste Eltern München e.V.: Unterstützung und Angebote für trauernde Eltern, Näheres unter Telefon 089/48088990 sowie im Internet unter www.verwaiste-eltern-muenchen.de


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