Eine Kippa für alles Wichtige Weltbürger mit Heimat

13.01.2020

Terry Swartzberg hat viele Heimaten, sagt er. In New York, Indien, München und Israel zum Beispiel. Aber das hat gar nicht so viel mit Orten zu tun.

Terry Swartzberg hat eine kleine Auswahl seiner Kippot mit zu uns ins Studio gebracht © SMB/ BR

München – Terry Swartzberg besitzt eine Kippa mit dem Logo der „Green Bay Packers“, ein Football Team aus dem mittleren Westen der USA. Green Bay ist etwa zweieinhalb Autostunden von Madison entfernt, wo Swartzberg studiert hat. Terry hat auch eine Kippa, auf der „München“ in Versalien gestickt ist und eine mit einer bayerischen Raute. Insgesamt hat er über 80 verschiedene. Nicht jede ist mit Orten verbunden, aber viele.

Durch seine Kippot ist der große, dünne Mann mit der randlosen Brille in München und Deutschland eine durchaus bekannte Persönlichkeit geworden. Seit 2012 trägt er jeden Tag die traditionelle Kopfbedeckung um seine Solidarität zu zeigen. Strenge religiöse Vorschriften lebt er als reformierter Jude nicht. Über seine Erfahrungen im Alltag, die Warnungen von jüdischen Freunden im Vorfeld und die positiven Reaktionen der Menschen hat er ein Buch geschrieben.

Ein guter katholischer Junge

Geboren in New York, zieht die Familie Swartzberg 1963 in ein kleines Dorf in Nordostindien. „Wir haben knapp zwei Jahre in einem Dorf verbracht ohne Wasser, ohne Strom, ohne Telefon. Wir haben viele interessante Schlangen und Krankheiten kennengelernt,“ erklärt der 66-Jährige lachend. Überhaupt lacht Swartzberg viel. Selbst wenn er über ernste Themen spricht ist er nie um ein Lächeln oder einen Witz verlegen. Nach Indien kam der damals 10-Jährige, weil sein Vater als angehender Ethnologe indische Kulturen erforschte. „Wenn Du mit zehn in eine fremde Kultur mit einer fremden Sprache kommst, kannst Du danach kein normales Leben führen. Ich habe einfach Blut geleckt für fremde Kulturen.“

Neben Hindi und Urdu lernt Terry In Indien noch eine Sprache, die so gar nicht zum Subkontinent passen will: Jiddisch. Und das lernt er auch nicht von einem Juden, sondern von dem Rektor seines katholischen Internats, einem irischen Priester, der dies in Chicago gelernt hatte, um sich mit puertoricanischen Einwanderern zu verständigen. Die Schule macht aus ihm, wie er selbst schreibt, “einen guten katholischen Jungen”. „Ich war sehr Feuer und Flamme für die Jesuiten“. Er besucht regelmäßig die Gottesdienste, die Lieder gefallen ihm besonders. Zum Konvertieren reicht die Begeisterung dann aber nicht.

Eine Stolperstein Kippa

Bis heute ist Swartzberg seine Religion enorm wichtig. Und Kippot mit jüdischen Symbolen wie dem Davidsstern besitzt Terry einige. Doch er praktiziert seinen Glauben anders als das übliche Klischee: Er steht für ein „angstfreies, fröhliches Judentum“ und hält fest “Ich weigere mich ein Opfer zu sein.” Der Umgang mit dem Holocaust spielt natürlich trotzdem eine tragende Rolle in Swartzbergs Leben – wie könnte es auch anders sein als Jude in der „Hauptstadt der Bewegung“.

Für sein Engagement für die Stolpersteine ist er weit über München hinaus bekannt. “Stolpersteine sind keine Grabsteine, sie sollen uns im Alltag erinnern”, erklärt er das Kunstprojekt von Gunther Demnig, bei dem vor den letzten Wohnorten von Opfern des Nationalsozialismus Steine mit Lebensdaten verlegt werden. “Wenn ich nach Dachau fahre, weiß ich worauf ich mich einstelle, aber das ist nicht Alltag, die Stolpersteine erinnern mich jeden Tag.” Und wie für so viele Dinge, die ihm wichtig sind hat Swartzberg natürlich auch eine Kippa mit Stolperstein-Motiven.

Zum Studium geht es zurück in die USA, erst in die Nähe von Boston und nach einem Semester in Paris dann eben in die Nähe der Green Bay Packers. An der Universität Wisconsin-Madison macht er den ersten und bisher letzten Abschluss in Stadtplanung mit Schwerpunkt Asien. Dort zieht es ihn auch im Berufsleben hin – allerdings nicht wieder nach Indien, der Zufall führt ihn nach Hongkong. Eigentlich möchte er in der Entwicklungshilfe arbeiten, aber er findet nicht den richtigen Posten. Zu seiner eigenen Überraschung wird er dafür in der damals unter britischer Herrschaft stehenden Metropole Journalist bei einem Wirtschaftsmagazin. “Die waren verzweifelt, muss man sagen”, sagt er und lächelt wieder.

Aus Wochen werden Jahre

1980 besucht er Freunde in Berlin und „ich habe mich in diese Stadt sofort verliebt.“ Er verlängert den Aufenthalt um ein paar Wochen, aus denen fünf Jahre werden. Bis er 1985 nach München zieht und dort bis heute geblieben ist. Von Brezeln bis zur bayerischen Raute besitzt Terry einige Kippot mit bayerischen oder münchnerischen Themen drauf. Und eine davon verschenkt er an alle, die Solidarität mit den Juden in Deutschland zeigen möchten.

“Ich bin Münchner – leider nicht vom Akzent her, aber vielleicht von der Einstellung”, sagt Swartzberg. Vor allem ist die Stadt für ihn unterschätzt: “Berlin gilt immer als die Stadt der Shakers and Movers, aber von Menschen, die wirklich die Welt verändern wollen gibt es in München mehr”. Für Swartzberg, der heute nicht mehr als Journalist arbeitet, sondern Werbekampagnen für gemeinnützige Organisationen macht, der richtige Ort.

New York, Israel und München

Aber München allein kann bei so einer Biographie wohl gar nicht ausreichen als Heimat. “Ich bin gesegnet, weil ich viele Heimaten habe. Ich liebe meine Radwege in München, meine Kneipen, meine Einkaufswege, meine vielen Freunde. Aber wenn ich in New York bin, dann ist es so, als ob ich nie weg war. Ich bin New Yorker” Dann wechselt er kurz ins und Englische und aus Demonstrationszwecken zieht er das “a” in “talk” lang und breit, nur um das “k” am Ende besonders hart auszusprechen - eben wie ein New Yorker.

“Aber ich bin auch immer mehr zu Hause in Israel, weil da sind sehr viele Menschen wie ich: Ungeduldig, aufbrausend, emotional, schnell, schnell schnell, ratz fatz” und immer noch liebe er Berlin und auch das sei Heimat, erklärt er. Weil Terry Swartzberg keine Denkpausen beim Sprechen benötigt, schiebt er dann ganz schnell eine andere Heimat hinterher: “Heimat ist, wo die Menschen mich mögen und das scheint in ein paar Orten so zu sein.” Aber die passen wohl nicht alle auf eine Kippa.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Perspektiven auf Heimat

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