Sterben auf Facebook Wenn aus Followern Freunde werden

18.11.2017

Schwerkranke Menschen, die andere an ihrem Schicksal teilhaben lassen, sind mittlerweile in den Sozialen Medien keine Seltenheit mehr. Warum insbesondere jüngere Menschen diesen zum Teil recht intimen Austausch suchen, lesen Sie hier.

Teilnehmen am Leben anderer, das lässt sich gut mit Hilfe der Sozialen Medien bewerkstelligen.
Teilnehmen am Leben anderer, das lässt sich gut mit Hilfe der Sozialen Medien bewerkstelligen. © Fotolia.com

München – Es zählt nach wie vor zu den größten Geheimnissen des Lebens: das Sterben. Unabhängig davon, welchen Glauben man hat, wie und ob man sich ein Leben nach dem Tod vorstellen kann oder sogar fest davon überzeugt ist, dass es weitergehen wird, wissen wir wenig über den Vorgang, wenn ein Leben erlischt, aufhört ein diesseitiges zu sein, welche Empfindungen, Gedanken, Ängste einen Sterbenden begleiten. Es ist auch noch nicht allzu lange her, dass uns, jenseits der eigenen Betroffenheit im Umfeld, Schicksale von Menschen mit todbringenden Krankheiten unbekannt geblieben sind. Wie lebt beispielsweise ein Mensch mit der Diagnose Hirntumor und einer prognostizierten Lebenserwartung von nur noch wenigen Wochen oder Monaten? Liegt er, von Schmerzen niedergestreckt, in seinem Bett und starrt an die Decke? Was passiert während Chemo-Therapien, Bestrahlungen und den anderen Versuchen, ein Leben zu verlängern, für das eine Gesundung nicht mehr möglich ist?

Aber nicht genug damit: Abgesehen vom Nichtwissen haftete derartigen Krankheiten und damit den jeweils Betroffenen ein Stigma an, das besagte, Kranksein hat nichts in der Öffentlichkeit zu suchen, dem Tod geweihte Frauen, Männer und Kinder hielten sich selbst oder wurden von anderen im Verborgenen gehalten. Ganz so, als sei die Nähe des Todes einem Virus ähnlich, das Gesunde befallen und infizieren könnte. Siechtum, körperlicher Verfall und dessen Begleitumstände waren ein Tabu, so als ob das Sterben nicht zum Leben gehören würde.

Liken, wenn die Untersuchung gut gelaufen ist

Diese Zeiten sind vorbei seit Palliativ- und Hospizbewegung auch in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren Einzug gehalten haben. Schwerkranke haben durch die veränderten gesellschaftlichen Anschauungen heute ein Recht auf ein Leben bis zum Schluss, eines das sichtbar sein darf und nicht im Abstellraum eines Krankenhauses im Dunkeln stattfinden muss.

Ein nächster Schritt hin zu mehr Sichtbarkeit wurde im Zusammenhang mit den Sozialen Medien vollzogen. Im ersten Moment mag es befremdlich scheinen, dass auf Facebook und Co. mittlerweile zumeist jüngere Menschen in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen quasi bulletinartig über sich, ihre Krankheit, die Therapien, Behandlungserfolge und -misserfolge, aber auch und vor allem über ihr seelisches Befinden recht ausführlich berichten. Dass sie damit auf großes Interesse stoßen, zeigen die regelrecht beeindruckenden Follower-Zahlen. Keine Frage, unter denen, die da liken, wann immer ein neuer Bericht über die zuletzt gemachte MRT-Untersuchung oder die Übelkeit während und nach einer Chemotherapie gepostet wird, sind sicher so einige, die Gefallen finden am Schrecken. Neugierige Voyeure, denen die Gänsehaut frei Haus geliefert wird, die sich ergötzen am Leiden des anderen, in deren Haut sie zum Glück nicht stecken müssen.

Andererseits gibt es jedoch eine große Anzahl, die, sei es aus eigener Betroffenheit oder aber Anteilnahme, verfolgen, wie das Leben eines Kranken, sein Alltag mit allen Höhen und Tiefen, verläuft. Da werden Herzchen und Smileys gepostet, wenn eine Untersuchung ein gutes oder zumindest kein schlechtes Ergebnis gebracht hat, Daumen werden mit Hilfe animierter Figuren gedrückt vor einer Operation oder der Einnahme eines neuen, hoffentlich hilfreichen Medikaments. Trost wird gespendet in Krisensituationen, Ratschläge werden erteilt oder von eigenen Erfahrungen berichtet, die Mut machen sollen oder vor zu großen Hoffnungen warnen.

Ähnlich einer Selbsthilfegruppe stehen sich da Kranke und Gesunde gegenseitig bei, und die zahlreichen Danke-Posts beweisen, dass Unterstützung und Empathie tatsächlich auch elektronisch transportabel sind. Hinzukommt, dass es gar nicht so selten im Laufe der Zeit zu einem persönlichen Kennenlernen kommt und aus Facebook-Followern dann wirkliche Freunde mit Haut und Haaren werden. Und diejenigen, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkungen das Haus beziehungsweise das Krankenbett nicht mehr verlassen können, öffnet sich mit Hilfe der sozialen Medien eine Tür nach draußen in die Welt, die sie andernfalls gar nicht mehr miterleben könnten.

Handfeste Hilfsaktionen

Ganz zu schweigen von den erfreulich vielen handfesten Hilfsaktionen, die nicht stattfinden könnten, gäbe es das Internet nicht. Vom Spendensammeln über das Organisieren von Ausflügen oder Hilfe bei notwendig gewordenen Umzügen – was da geschieht, ist Nächstenliebe in Reinkultur. Da reisen Menschen viele hundert Kilometer an, um mit anzupacken, wenn ein Bad rollstuhlgerecht umgebaut werden muss, ein Taxiunternehmer stellt Car- und Manpower kostenlos zur Verfügung, um einen, vielleicht letzten, Ausflug zum Lieblingsort eines kranken Menschen möglich zu machen, der andernfalls an Geld- und Ressourcenmangel niemals möglich gewesen wäre. Die Liste der „letzten Wünsche“, die auf diese Weise noch erfüllt werden und angesichts des nahen Sterbens so viel mehr bedeuten als man als Gesunder ermessen kann, ist lang. Glücksmomente in Zeiten, in denen dunkle Gedanken, Angst und Sorge, Schmerzen und Torturen das tägliche Leben dominieren, die selbst einen unbeteiligten Mitleser nicht kalt lassen.

Bei aller berechtigten Kritik, die man im Zusammenhang mit Sozialen Medien äußern kann und sogar sollte – keine Frage, viele Auswüchse auf diesem Gebiet können nur Kopfschütteln auslösen –, gilt es, auch deren Nutzen, die positiven Erscheinungen mit ins Kalkül zu ziehen. Dass Menschen für Menschen da sind, dass sie sich umeinander kümmern und beistehen, ist so eine nicht zu unterschätzende positive Erscheinung und löst das Versprechen ein, das die neuen Medien im Namen tragen, und sie zu dem machen, was sie eben auch sind: soziale Medien.

Die Autorin
Susanne Holzapfel
Münchner Kirchenzeitung
s.holzapfel@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität und zum Thema Monat der Spiritualität

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