Ende des Shutdowns? Wenn das Theater nicht mehr länger auf Godot warten will

07.05.2020

Museen dürfen bald öffnen, doch Schauspieler, Sänger und Musiker werden derzeit weiter vertröstet. "Wir müssen zurück", ist Christian Stückl überzeugt. Für sein Münchner Volkstheater plant er deshalb ein Corona-Konzept.

Leeres Theater
Stimmen die zuständigen Behörden und die Politik später zu, sollen sich ab 24. Juli die Tore der Theater wieder öffnen. © aerogondo - stock.adobe.com

München – Die langen Haare, wie sie für die Passionsspiele in Oberammergau Pflicht sind, trägt Christian Stückl noch immer. Obwohl die Premiere coronabedingt erst 2022 stattfinden wird, ist der Theatermann schon wieder voller Tatendrang. An seinem Schreibtisch zuhause im oberbayerischen Bergdorf hat er es aber nun nach Monaten des Stillstands nicht mehr ausgehalten. Auch wenn er mit den Maßnahmen der Politiker zur Eindämmung des Virus großteils einverstanden sei und sich in seinen Grundrechten nicht eingeschränkt fühle: "Ich kann weiter nachdenken, ich kann weiter überlegen, ich kann weiter was sagen."

Auf der Suche nach Applaus

Und das tut er an diesem Mittwochvormittag auch in München - im Namen der Kunst. Kurzfristig war zur Pressekonferenz geladen worden, selbstverständlich auch per Übertragung im Live-Stream. Als Intendant des Volkstheaters, das Stückl seit 2002 leitet, hat er nämlich gegenüber seinen Mitarbeitern, darunter 16 fest angestellte Schauspieler, auch eine Verpflichtung. Niemanden hat er bisher in Kurzarbeit geschickt und will dies auch weiter nicht tun. Nachdem aber sämtliche Scheinwerfer geputzt, Schäden behoben und Bühnenbilder überarbeitet worden waren, gab es nichts mehr zu tun. Und jetzt?

"Ich will auf die Bühne. Wir brauchen den Applaus. Wir sind das dem Publikum und uns schuldig", lautet Stückls Überzeugung. An seiner Seite hat er den Münchner Kulturreferenten Anton Biebl. Der kann genauso die Worte "auf Sicht fahren", wie sie Theaterleute und Musiker nach wie vor hören müssen, nicht mehr ertragen. "Wohin soll ich denn schauen", merkt Stückl an. Deshalb seien von den Kreativen eben unkonventionelle Ideen gefragt.

Jede zweite Reihe wird entfernt

Von den obersten Stellen wollen sich beide nicht mehr vertrösten lassen und weiter bis Herbst zuwarten. Stückl hat sein Haus gewonnen, um einen entsprechenden Plan zu entwickeln. Die Theaterferien werden vorgezogen und finden ab sofort statt. Sie sollen genutzt werden, um Ideen zu entwickeln, die einen Spielbetrieb der anderen Art samt Hygienekonzept möglich machen. Dass alle mitziehen, freut ihn riesig. Denn es sei auch bei Theatern nicht einfach, aus dem üblichen Rahmen auszubrechen.

Klappt alles und stimmen die zuständigen Behörden und die Politik später zu, sollen sich ab 24. Juli die Tore des Volkstheaters wieder öffnen. Dann wird im Zuschauerraum jede zweite Reihe entfernt sein, die Bühne wäre verlegt in die Mitte, um nach vorne hin weitere Plätze auf Abstand zu schaffen. Statt 600 hätten nur 100 Besucher Platz. Aber gespielt werden könnte unter Umständen, zweimal am Abend. Fünf coronagerechte Neuinszenierungen - immer nur eine Stunde ohne Pause - mit Regisseurinnen und Regisseuren hat sich der Intendant vorgenommen - "ob die dann fad sind, muss man sehen".

Reduziertes Programm

Neue Stücke müssten her, weil vom Spielplan gesehen nur "Felix Krull" oder "Warten auf Godot" infrage kämen. "Der Kaufmann von Venedig" oder "Die Dreigroschenoper" gingen nicht - zu viele Beteiligte. Den ganzen Sommer über soll dann der Betrieb weiterlaufen, weil die meisten Bürger vermutlich eh nicht in Urlaub fahren könnten und daheim blieben. Deswegen kann sich Stückl auch vorstellen, ein eigenes Familien- und Kinderprogramm im Freien zu veranstalten. Selbst für Musiker, die derzeit gleichfalls zum Nichtstun verdammt sind, hätte er eine Lösung. Wie wäre es mit einem Dämmerschoppen im Freien?

Gedanken macht sich der Theatermann auch, wie etwa das Spucken auf der Bühne vermieden werden könnte. Da eine feuchte Aussprache speziell bei laut zu artikulierenden Texten auftrete, bekomme der Schauspieler eben ein Mikro und könne leise reden. Selbst für Liebesszenen gebe es Alternativen. Denn Küssen auf der Bühne sei in Corona-Zeiten verboten. In Indien sei das immer der Fall, so Stückl, der dort schon inszeniert hat. Komme sich da ein Paar im Stück näher, dann werde eine bestimmte Musik eingespielt und jeder wisse, was passiere. Das ließe sich auch im Volkstheater machen. Zur Not müsse halt an die Wand gebeamt werden: "Jetzt folgt ein Kuss." (Barbara Just/ kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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